VonGerhard Königerschließen
Der Geschichts- und Altertumsverein bietet eine Rundfahrt zu Gedenkstätten von NS-Verbrechen an. Über die Vermittlung von historischem Wissen spricht Dr. Michael Hoffmann im Interview.
Ellwangen. Vor 80 Jahren rückten die Alliierten auf den Rhein zu und das Nazi-Regime agierte gegen KZ-Häftlinge und Zivilbevölkerung immer skrupelloser. Wie wird das historische Wissen über die Zeit der NS-Diktatur heute vermittelt, was ändert sich, wenn immer weniger Zeitzeugen leben und sind eigentlich alle Archive dazu schon erforscht? Darüber sprachen wir mit dem Historiker Dr. Michael Hoffmann.
Am 3. August bietet der GAV eine Ausfahrt zu Gedenkstätten der NS-Diktatur in der Region an. Warum greift der Verein das Thema gerade jetzt auf?
Michael Hoffmann: Der GAV ist grundsätzlich darum bemüht, seine Angebote historisch möglichst breit aufzustellen und dabei auch immer die Zeitgeschichte mit zu berücksichtigen. Dazu gehören neben Vorträgen auch Exkursionen zu Orten, die aktuelle Themen wie die Pflege der Erinnerungskultur oder eine Mahnung gegen Extremismus vermitteln. Die Gedenkstättenlandschaft im nordöstlichen Württemberg ist durch ihre Dichte und Vermittlungskompetenz dafür besonders geeignet. Mit dem Gantenwald bei Bühlerzell, dem Lager Hessental bei Schwäbisch Hall und der Hinrichtung von Brettheimer Bürgern durch die SS werden historische Ereignisse aufgegriffen, die den Zusammenhang von Rassenwahn, NS-Terror und Kriegsende besonders verdeutlichen und an die heute durch eine Gedenkstätte gedacht wird.
Wie kann man erklären, dass die Gräuel der NS-Diktatur, insbesondere die Verbrechen der letzten Jahre, über Jahrzehnte kaum thematisiert wurden?
Hoffmann: Das kollektive Beschweigen der NS-Gräuel in der BRD lässt sich historisch sehr plausibel mit einem Verdrängungsbedürfnis der Kriegsgeneration während der Wirtschaftswunderjahre erklären. Spätestens seit dem Ende der 1960er Jahre waren hier aber Aufbrüche in der politischen Kultur zu erkennen, die ab den 1980er Jahren zu einer äußerst vielfältigen, von unten gewachsenen Gedenk- und Erinnerungskultur im deutschen Südwesten führten. Diesen Initiativen und Vereinen ist es zu verdanken, dass auch lokale Niederschläge der NS-Geschichte aufgearbeitet und für die Öffentlichkeit aufbereitet wurden.
Die letzten Zeitzeugen sind heute hochbetagt. Ändert sich die historische Betrachtung von Ereignissen eigentlich, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt?
Hoffmann: Die historische Betrachtung ändert sich beständig, weil stets neue Fragen an die Vergangenheit gestellt werden - egal, ob es Zeitzeugen gibt oder nicht. Der Wert von Zeitzeugen besteht sicherlich besonders in ihrer authentischen Schilderung z.T. auch kleiner Details und ihrem persönlichen Erleben. Viele Universitätshistoriker schätzen den Quellenwert von Zeitzeugen hingegen als äußerst gering ein oder bestreiten diesen gar auf Grund der Tatsache, dass Erinnerung immer ein Neukonstruieren der Vergangenheit und eben nicht ein Abrufen „gespeicherter Daten“ im Kopf ist. Mit anderen Worten: Der Wegfall der Zeitzeugen für die NS-Zeit ist eher ein Problem der Vermittlung von Geschichte, nicht der historischen Erkenntnis.
Als der Hessentaler Todesmarsch von jungen Ellwangerinnen und Ellwangern 1986 erstmals offen erforscht wurde, traten viele Zeitzeugen an die Öffentlichkeit. Sind die Ereignisse zwischenzeitlich ganz erforscht oder gibt es für Historiker immer noch offene Fragen?
Hoffmann: Es wird auch weiterhin offene Fragen geben. Das hängt zum einen an dem oben genannten sich stetig verändernden Fragehorizont der Gegenwart. Zum anderen gibt es sicherlich auch Aspekte, die auf Grund der Quellenlage nicht mehr vollständig beantwortet werden können, dazu gehören z.B. genaue Befehlsketten der SS-Wachmannschaften. Meiner Einschätzung nach ist der Hessentaler Todesmarsch im Kontext der Vernichtungsdynamik der letzten Kriegsmonate aber gut erforscht.
Wie ist eigentlich die Aktenlage zu NS-Verbrechen in amerikanischen Archiven? Wie sind die Ereignisse dokumentiert worden?
Hoffmann: Meiner Kenntnis nach gibt es dazu eher wenig Niederschlag in US-amerikanischen Archiven. In der Regel gibt es Truppenberichte über die Befreiung von Konzentrationslagern oder ähnliches, da eine strafrechtliche Aufarbeitung samt Zeugenbefragung in der Regel vor deutschen Gerichten erfolgte, liegen wichtige Dokumente dort in den Prozessakten, die von der Zentralen Stelle in Ludwigsburg archiviert werden. Ein zunehmend wichtiges Archiv sind jedoch die „Arolsen Archives“ in Bad Arolsen, die Dokumente zu über 17 Millionen NS-Opfer vorhalten, die vom Internationalen Suchdienst unmittelbar nach Kriegsende zusammengestellt wurden.
Info: Der Geschichts und Altertumsverein Ellwangen bietet am Samstag, 3. August, eine Ausfahrt zu den Gedenkstätten Gantenwald, Hessental und Brettheim an. Abfahrt ist um 8 Uhr (OK.GO Terminal Neunheim), Zustieg Busbahnhof möglich. Kosten: 40 Euro pro Teilnehmer, 25 Euro Schüler und Studenten. Anmeldung bei Dr. Michael Hoffmann, email: michael.hoffmann@peutinger-gymnasium.de, Telefon: (07963) 8411282
Dr. Michael Hoffmann
Dr. Michael Hoffmann studierte Latein und Geschichte an den Universitäten Tübingen, Edinburgh und Paris-Sorbonne. Bis 2011 unterrichtete er als Lehrer am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, seit 2011 am Peutinger Gymnasium in Ellwangen. In Stuttgart leitet Dr. Hoffmann den Fachbereich „Geschichte“ am staatlichen Seminar für Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte, er ist Leiter des Kompetenzzentrums für Geschichtliche Landeskunde im Unterricht und Vorstandsmitglied im Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen.

