Jung, weiblich und Bestatterin

„Die Frauen waren schon immer da“: 23-jährige Bestatterin aus Baden-Württemberg kämpft mit Vorurteilen

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Die 23-jährige Bestattermeisterin Emily Maichle aus Geislingen an der Steige entspricht nicht dem veralteten Klischee.

Bleiche Männer mit düsteren Mienen und schwarzen Anzügen: Das Klischee des Bestatters passt nicht mehr in die Zeit. Der Beruf wird immer weiblicher. Ein Besuch bei Emily Maichle, die mit 21 Jahren die jüngste Bestattermeisterin Deutschlands war.

Geislingen an der Steige - Mit schrägen Blicken und frechen Sprüchen kennt sich Bestatterin Emily Maichle aus. Wenn sie gemeinsam mit ihrem Vater mit dem dunklen Leichenwagen vor dem Haus eines Verstorbenen vorfährt, dann muss sich die 23-Jährige manchmal so einiges anhören. „Es kommt oft vor, dass die Angehörigen zu meinem Vater sagen: Sie erwarten jetzt aber nicht von uns, dass wir den Opa noch mit runtertragen“, erzählt Maichle. „Das Mädle kann ja nichts lupfen“, höre sie immer wieder.

Die junge Frau entspricht so gar nicht dem Klischee des Bestatters: Bleiche Herren mit grauen Haaren, dunklen Anzügen und ernster Miene. Eine dunkle Hose trägt Maichle auch, aber sonst ist sie das genaue Gegenteil: 23 Jahre alt, blonde Locken und auffallend gut gelaunt. Trotz ihres jungen Alters ist sie so qualifiziert wie sonst niemand im Familienbetrieb der Maichles in Geislingen an der Steige im Landkreis Göppingen. Seit Februar 2022 hat sie ihren Meisterbrief in der Tasche. Bei der Übergabe war sie damals mit 21 Jahren die jüngste Bestattermeisterin Deutschlands.

Junge Bestatterin wehrt sich gegen Vorurteile: „Die Klischees stammen aus der Vergangenheit“

Das Bild, das viele Menschen noch von Bestattern haben, sei veraltet. „Die Klischees stammen aus der Vergangenheit“, sagt Emily Maichle. Das müsse sich dringend ändern. „Auch junge Menschen und auch junge Frauen können diesen Beruf ausüben und ihre Sache auch gut machen.“ Ohnehin seien die Frauen in der Bestatter-Branche schon immer da gewesen. „Sie waren nur eben nicht so sichtbar wie die Männer“, sagt Maichle.

Früher hätten die Frauen in den Betrieben eher die Büroarbeiten gemacht und die Angehörigen beraten. „Man sieht Bestatter aber in der Öffentlichkeit vor allem dann, wenn sie mit dem Bestattungswagen durch die Stadt fahren oder bei der Beerdigung auf dem Friedhof sind.» Diese Aufgaben würden häufiger von den Männern erledigt. „Deswegen sind die Frauen in unserem Beruf nicht ganz so präsent“, sagt Maichle.

Dabei drängen die Frauen immer stärker nach vorne. „Der Nachwuchs im Bestattungshandwerk ist voller Frauenpower“, sagt Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Bestatter in Düsseldorf. Nach Angaben des Branchenverbandes waren im vergangenen Jahr 56 Prozent der Auszubildenden, die ihren Abschluss als Bestattungsfachkraft machten, Frauen.

Familienbetrieb aus Geislingen könnte Unterstützung gebrauchen - „haben großen Fachkräftemangel“

Die Branche habe zudem keinen Mangel an Interessenten, die Bewerberzahlen seien deutlich höher als die Zahl der ausgeschriebenen Stellen. „Wir bräuchten eher mehr Ausbildungsplätze“, sagt Neuser. Auch aus demografischen Gründen: Zum einen nehme die Zahl der Sterbefälle immer weiter zu, zum anderen gingen viele Bestatterinnen und Bestatter in den nächsten Jahren in den Ruhestand.

Auch Emily Maichle sagt: „Wir haben einen großen Fachkräftemangel.“ Im Familienbetrieb in Geislingen an der Steige könnten sie Unterstützung brauchen, ihre Eltern seien deswegen seit mehr als drei Jahren nicht mehr im Urlaub gewesen. Die 23-Jährige selbst ist so gut ausgebildet für das, was sie tut, wie sonst wenige. Im vergangenen Jahr legte sie ihre Meisterprüfung ab, als damals jüngste Frau überhaupt. Und das in einem Berufsbild, in dem es keine Ausbildungspflicht gibt.

Maichle macht im Betrieb alles: Sie befestigt mit einem Hochdrucktacker die Polsterung in den Särgen, holt Verstorbene zu Hause ab, kümmert sich um die hygienische Versorgung der Toten, berät Angehörige und rekonstruiert auch Unfallopfer.

23-jährige Bestatterin hat keine Berührungsängste: „Ich bin mit dem Thema Tod aufgewachsen“

Berührungsängste hat sie dabei keine. „Ich bin mit dem Thema Tod aufgewachsen“, sagt sie. Mit ihrem Bruder habe sie als kleines Kind in der Sargausstellung im großelterlichen Betrieb auch das eine oder andere Mal Verstecken gespielt. Bei der Abholung eines Verstorbenen begleitete sie ihren Vater das erste Mal im Alter von 13 Jahren. „Ich habe ihn so lange genervt, bis er mich mitgenommen hat“, erzählt sie. Schon früh sei für sie klar gewesen, dass sie auch Bestatterin werden wolle.

Emily Maichle hat das Ziel, den Familienbetrieb in Geislingen an der Steige von ihren Eltern zu übernehmen.

Mit ihr ist nun die vierte Generation im Betrieb dabei. Während ihr Uropa, der eigentlich ein Taxiunternehmen hatte, mit dem Transport von Verstorbenen begann, machte der Opa dann den Betrieb so richtig auf. Inzwischen führen ihn die Eltern von Emily Maichle - und in Zukunft vielleicht sie. „Das Unternehmen zu übernehmen und weiterzuführen, ist definitiv mein Ziel“, sagt sie.

Von Gleichaltrigen bekommt sie übrigens keine schrägen Blicke oder frechen Sprüche ab, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. „Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich das auf einer Party erzählt habe“, sagt sie. Die Leute seien sogar sehr aufgeschlossen. „Im Verlauf des Abends werden mir dann oft ganz viele Fragen gestellt, die man sonst einem Bestatter vielleicht nicht stellen würde“, sagt Maichle. Auch so könne man mit dem einen oder anderen Klischee aufräumen. (von David Nau, dpa)

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