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In der Autoindustrie nimmt der Druck immer weiter zu. Auch Autozulieferer Marquardt schafft Arbeitsplätze im Ausland, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Rietheim-Weilheim - In der europäischen Autoindustrie treffen aktuell mehrere Herausforderungen aufeinander. Zum einen sind die Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal durch die Folgen des Ukraine-Krieges immens hoch, zum anderen wächst der Druck aufgrund des steigenden Wettbewerbs immer weiter. Bosch-Chef Stefan Hartung erwartet, dass die Chinesen bald in Europa Autofabriken bauen. „Ja, gerade bei der Elektromobilität nimmt die Bedeutung der chinesischen und auch der anderen asiatischen Hersteller für uns stark zu“, sagte auch Harald Marquardt, Chef des gleichnamigen Autozulieferers mit Stammsitz in Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Durch die steigenden Kosten und den wachsenden Konkurrenzdruck verlagern immer mehr Unternehmen – auch aus Baden-Württemberg – Produktionsschritte ins Ausland. Die IG Metall kritisierte beispielsweise die Verlagerung beim Autozulieferer ZF Friedrichshafen und auch Bosch stand diesbezüglich bereits in der Kritik. Marquardt-Chef Harald Marquardt sagte jedoch, dass es diese Tendenz auch ohne die chinesischen Autohersteller bereits seit Jahrzehnten gebe, machte aber keinen Hehl daraus, dass auch die Marquardt-Gruppe selbst Arbeitsplätze im Ausland schaffen muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein US-Autozulieferer hatte jüngst Arbeitsplätze nahe Baden-Württemberg ins Ausland verlagert.
Autozulieferer Marquardt muss Arbeitsplätze im Ausland schaffen, „um wettbewerbsfähig zu bleiben“
Das Verlagern von Produktionsschritten und damit auch von Arbeitsplätzen ins Ausland betrifft nicht nur die ganz großen Unternehmen der Zuliefererindustrie. Auch Autozulieferer Eberspächer baut derzeit ein Werk in Bulgarien und will dort Arbeitsplätze schaffen. Die Marquardt-Gruppe ist mit weltweit rund 10.200 Mitarbeitern ebenfalls ein Mittelständer, der sich dem Druck der Branche entgegenstemmt. „Unsere Beschäftigtenzahl im Ausland nimmt stärker zu als hierzulande“, sagte Harald Marquardt dem Handelsblatt. „Wir werden schneller Arbeitsplätze im Ausland schaffen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“ Aktuell baue das Unternehmen von der Schwäbischen Alb einen zweiten Standort in Tunesien und werde dort die Mitarbeiterzahl deutlich erhöhen.
| Name | Marquardt-Gruppe (Marquardt GmbH) |
|---|---|
| Gründung | 1925 |
| Hauptsitz | Rietheim-Weilheim, Baden-Württemberg |
| Branche | Automobilzulieferer |
| Produkte | Schalter, Tasten, Bedienelemente, Elektronikmodule, Systemlösungen |
| Leitung | Harald Marquardt (Vorstandsvorsitzender) |
| Mitarbeiter | 10.200 weltweit (2023) |
| Umsatz | 1,4 Milliarden Euro (2022) |
Dass sich derzeit immer mehr deutsche Autozulieferer dazu entscheiden, wichtige Zukunftspositionen im Ausland anzusiedeln, hat laut dem Marquardt-Chef einen triftigen Grund. „Deutschland schneidet bei den Standortfaktoren in nahezu allen Bereichen schlechter als andere Länder ab“, machte er deutlich. „Wir sind das Schlusslicht in Europa bei Steuerbelastung, Energiekosten, behördlichen Auflagen und sogar der Bildungsqualität der Berufsanfänger.“ Die Politik müsse dringend entgegensteuern, um den Wohlstand zu erhalten. Aus diesem Grund kämpft die IG Metall derzeit um Jobs in Baden-Württemberg. „Wir wollen den Wohlstand erhalten und tun alles dafür, dass Baden-Württemberg Industriestandort bleibt“, hatte Bezirksleiter Roman Zitzelsberger erklärt.
Transformation und hohe Kosten: Marquardt sieht sich als mittelständisches Familienunternehmen im Vorteil
Die gestiegenen Kosten in nahezu allen Bereichen sind nicht der einzige Grund dafür, dass Unternehmen derzeit gezwungen sind, Kosten einzusparen. Gerade den Autozulieferern macht die Transformation zur E-Mobilität aktuell Probleme. Die größten Autozulieferer Bosch, ZF und Mahle baten bereits in Berlin um Staatshilfen, da selbst der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg den Wandel nicht ohne weiteres stemmen kann. Marquardt profitiert dagegen nach eigener Aussage sogar von der Transformation. „Wir sind als Hersteller von Schaltern und Bedienelementen nicht im Antriebsstrang von Verbrennungsmotoren vertreten“, sagte Harald Marquardt. „Deshalb verlieren wir nichts, sondern bekommen mit der Elektromobilität neues Geschäft hinzu.“
Mit Bosch, der ZF Friedrichshafen und Mahle haben aber auch die größten Unternehmen der Zuliefererindustrie in Baden-Württemberg diese Felder erschlossen und setzten weltweit auf neue Technologien. Zudem rücken wie angesprochen auch immer mehr Konkurrenten aus Fernost auf den deutschen und europäischen Markt. Die Frage ist also, wie kleinere Unternehmen wie Marquardt gegen die wachsende Konkurrenz bestehen können. „Weil wir als mittelständisches Familienunternehmen uns auf Dinge konzentrieren können und müssen und so vielleicht direkter ans Ziel kommen“, zeigte sich der Vorstandsvorsitzende überzeugt. Eine Analyse erwartet jedoch, dass die Beschäftigung im Zuge der Transformation weiter zurückgehen werde.
Rubriklistenbild: © Marquardt-Gruppe

