Bestsellerautor Bernhard Schlink in Gmünd: Für Einheit braucht's Gespräch und Begegnung

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Bernhard Schlink (r.) im Gespräch mit Michael Länge.
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Beim Festakt zur Deutschen Einheit begegnen sich zwei Menschen mit west- wie ostdeutschen Erfahrungen: Bernhard Schlink und Michael Länge.

Schwäbisch Gmünd

Glauben Sie das wirklich?“ Bernhard Schlink erzählt, wie er das von Studenten gefragt wurde vor 1989, wenn er gesagt hat: Er glaube an die deutsche Wiedervereinigung. Am 33. Jahrestag der Deutschen Einheit war der Jurist und Bestsellerautor in Gmünd beim Festakt zu Gast, im Gespräch mit GT-Redaktionsleiter Michael Länge über dieses Land, seine Vergangenheit und Fehler aber auch seine Chancen.

Bernhard Schlink und Michael Länge sind eine denkbar gute Wahl als Gesprächspartner für diesen Tag: Der heute 79-jährige Schlink war als Student in Berlin häufig auch im Osten der Stadt, hatte dort Freunde und Bekannte. In seinen Romanen erzählt er oft von Menschen, deren Sein von den Wirrungen und Wendungen der deutschen Geschichte maßgeblich geprägt, auch beschädigt worden ist. Ab 1990 war er Gastprofessor in Ostberlin. Michael Länge ging im Oktober 1990, dem Monat der Wiedervereinigung, als junger Journalist nach Thüringen und arbeitete dort fünf Jahre lang.

Es ist ein kritischer, ein aus West-Sicht auch selbstkritischer Rückblick, den Länge und Schlink im Gespräch unternehmen. Schlink hat genau hingeschaut in jener Zeit nach der Wiedervereinigung. Angefangen bei seiner Gastprofessur an der Humboldt Universität: „Ich merkte, sie wollten eigentlich keinen Professor aus dem Westen, aber sie meinten, einen wollen zu müssen.“

„Wie kommen die dazu?“

Schlink hat die demokratische Aufbruchstimmung in der gewesenen DDR miterlebt, und hat bald die kulturellen Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen wahr- und ernstgenommen. „Für uns im Westen war das Nationale erledigt, Deutschsein war nicht angesagt. Im Osten war man unbefangen deutsch“, sagt er. Und die Menschen seien dort „ernsthafter gewesen als im Westen, wenn es um Kultur, Literatur ging, weil man nicht im Überfluss gelebt hatte.“ Er habe ob der Unterschiede bald Empörung wahrgenommen im Westen: „Wie kommen die dazu, nicht so zu sein wie wir?“

Schlink hat vom „kolonialen Gestus des Westens“ gesprochen, und er erklärt, was ein wichtiger Teil davon war: „Das Abrechnungsbedürfnis war stärker im Westen als im Osten.“ Das sei die Einstellung mancher aus dem Westen gewesen: „Unsere Eltern-Generation hat nicht mit der Nazi-Vergangenheit abrechnet, dafür rechnen wir jetzt mit dem SED-Staat ab.“

„Im Gespräch bleiben“

Das Gespräch im voll besetzten Festsaal des Predigers zeigt, dass auch 33 Jahre nach der Vereinigung das Nachdenken über die Wiedervereinigung wichtig ist. Und Schlink analysiert genau, durch Erfahrung gestützt, die psychologischen Verhältnisse, die Motivationen, die Blickwinkel der Menschen in Ost und West.

„Hätte man die Wiedervereinigung anders gestalten müssen, wenn ja wie?“, stellt Michael Länge die große, grundlegende Frage noch einmal. „Es hätte mehr Begegnung gebraucht“, sagt Schlink. Und er meint das – nur so sind Gedenktage ja von Wert – auch im Blick nach vorne: „Ich begegne immer noch Deutschen, vor allem Süddeutschen, die stolz darauf sind, noch nie im Osten gewesen zu sein“, sagt Schlink und appelliert: „Fahren sie dort hin, machen sie dort Urlaub.“ Weil er Begegnung unschätzbar wichtig findet, gerade in Zeiten gesellschaftlichen Spaltungen: „Was müssen wir tun, um Menschen, die den Populisten folgen, wieder für die Demokratie gewinnen?“, fragt Michael Länge. Sich weiter begegnen: „Man muss mit ihnen reden, im Gespräch bleiben, nicht immer nur über Politik reden, aber so, dass man auch gelegentlich über Politik reden kann.“ Der Standpunkt „Mit denen redet man nicht“ sei der falsche, so Schlink.

Zum Schluss geht es noch um einen Vorschlag von Bernhard Schlink: ein verpflichtendes Dienstjahr für Jugendliche, das aus seiner Sicht europaweit eingeführt werden sollte. Aus ganz einfachem Grund: „Damit wir den Verwerfungen der Gesellschaft durch Begegnung entgegenwirken. Denn die Begegnung mit anderen Milieus ist eine Bereicherung.“

Festakt zum Tag der Deutschen Einheit.
Festakt zum Tag der Deutschen Einheit.
Festakt zum Tag der Deutschen Einheit.
Festakt zum Tag der Deutschen Einheit.
Bernhard Schlink beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit.

Jurist, Professor, Bestsellerautor

Bernhard Schlink, geboren 1944, ist Jurist, Professor und Autor. Bekannt wurde er mit dem Roman „Der Vorleser“ (1995). Sein jüngster Roman „Die Enkelin“ erzählt von drei Generationen einer Familie, deren Schicksal eng mit der Geschichte von Ost- und Westdeutschland verknüpft ist.

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