VonGerhard Königerschließen
Die AfD verdoppelt ihr Ergebnis von 2019, die Grünen halbieren ihres. CDU ist Wahlsieger, SPD nur noch auf Platz 4. Was Kommunalpolitiker sagen.
Ellwangen. Als am Sonntag um 18 Uhr die Wahllokale schlossen, begann für die 200 Wahlhelferinnen und Wahlhelfer, Ehrenamtliche und Kolleginnen und Kollegen der Stadtverwaltung, ein Auszählungsmarathon, der noch bis Dienstag weitergehen wird. Am Sonntagabend wurde direkt in den Wahllokalen nur die Europawahl ausgezählt und kurz nach 20 Uhr waren 23 von 25 Wahlbezirken ausgezählt: CDU 43,85 Prozent, Grüne 9,42, SPD 9,11, AfD 14,70, FDP 5,54, Freie Wähler 5,34, BSW 4,03.
Für Jochen Trollmann, Leiter des Hauptamts, war es die erste Wahl in dieser Funktion: „Wir haben 18.300 Wahlberechtigte, 5300 haben sich für die Briefwahl entschieden. Das sind deutlich mehr 2019. Der Trend zu mehr Briefwahl setzt sich fort.“
Spannend war die Frage, ob die sehr gute Wahlbeteiligung von 2019 (65,6 %), wieder sinken oder weiter so gut bleiben würde. Sie geht deutlich zurück, kurz vor Redaktionsschluss lag sie bei 58,56 Prozent.
Die Vertreterinnen und Vertreter der Parteien, die wir am Abend noch erreichen, sind betroffen, wie stark die AfD abschneidet. Ariane Bergerhoff, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins: „Kein Demokrat hat heute gewonnen. Das ist auch für die CDU ein Pyrrussieg und wenn dann direkt nach der ersten Prognose gefordert wird, Scholz soll die Vertrauensfrage stellen, ist das in meinen Augen nichts anderes als Öl ins Feuer zu gießen. Es ist erschreckend, wie stark die AfD auch in Ellwangen ist, obwohl sie hier für die Kommunalwahl keine Liste aufgestellt hat.“
Herbert Hieber (SPD), seit 34 Jahren in der Kommunalpolitik und dienstältester Gemeinderat, bekennt: „Das ist eine bittere Niederlage für die SPD und ich denke, viele Wählerinnen und Wähler sehen darin eine Abrechnung mit der Politik der Ampelregierung. Die hatte schwierige Jahre mit zwei Kriegen nach der Pandemiezeit und ich meine, nicht alles, was die Ampel gemacht hat, war schlecht. Ich gratuliere der CDU, die nun natürlich die Berliner Regierung kritisieren kann. Aber sie sollte nicht vergessen, dass sie zuvor 16 Jahre die Kanzlerin stellte.“
Karl-Heinz Biehler, Ortsvereinsvorsitzender der Grünen in Ellwangen, meint angesichts der Hochrechnung: „Das ist bitter im Vergleich zu 2019, als wir in Ellwangen 17,7 Prozent holten. Damals hatten wir die richtigen Themen und konnten aus der Opposition heraus Politik machen. Heute sind wir Regierungspartei und werden an bitteren Kompromissen gemessen, die wir in der Ampel eingehen mussten. Die Wählerinnen und Wähler sehen heute ein Stück weit die Kosten der Klimapolitik und den persönlichen Verzicht, den der Kampf gegen die Klimaerwärmung verlangt. Hinzu kommt, dass ein Teil unserer Stammwähler mit der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik der Ampel nicht einverstanden ist.“
Armin Burger, Fraktionssprecher der CDU sagt: „Man kann feststellen, dass die CDU/CSU eindeutiger Wahlsieger ist und das Ergebnis eine klare Niederlage der die Koalition in Berlin bildenden Parteien widerspiegelt. Es ist eine Ohrfeige insbesondere für die Kanzlerpartei, aber auch für die Grünen, die ca. 8 Prozent Verlust erlitten haben. Sehr erfreulich ist auch, dass die Union mit großem Abstand wieder auf Platz 1 der Parteien liegt. Die CDU hat, was mich auch für die Landtagswahlen zuversichtlich stimmt, auf Bundesebene ungefähr in der Summe so viele Stimmen erreicht wie alle drei Ampelparteien zusammen. Bedauerlich ist, dass die AfD wohl die zweitstärkste Partei sein wird. Einer der Gründe dürfte die Arbeit und der Politikstil der Bundesregierung sein.“
Thomas Geisel freut sich
Der in Ellwangen aufgewachsen Thomas Geisel, der in Düsseldorf gefeierter SPD-Oberbürgermeister war und jetzt für das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) in das Europaparlament einziehen wird, erreichen wir um 18.50 Uhr bei der Wahlparty in Berlin: „5,9 Prozent ist super. Ich glaube, wir sind die erste Partei in Deutschland, die bei einer bundesweiten Wahl aus dem Stand über die 5 Prozent kommt. Es gibt uns jetzt gerade mal ein knappes halbes Jahr. Dass die AfD womöglich zweitstärkste Partei wird, überrascht mich. Diese Partei kann sich selbst zerlegen, zwei Spitzenkandidaten, die sich womöglich strafbar gemacht haben, komplett aus dem Wahlkampf nehmen und wird trotzdem gewählt. Das macht mich betroffen, das sind schon fast amerikanische Verhältnisse. Die nächsten Wochen werden jetzt geprägt sein von Gesprächen und Verhandlungen. Wir wollen in Brüssel Fraktionsstatus erreichen und brauchen dazu Partner aus anderen EU-Staaten. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt. Ich sehe die Schwerpunkte meiner Arbeit in den Bereichen Wirtschaft, Energie, Klima sowie Außenpolitik, Sicherheit und Verteidigung.“
Der Auszählungsmarathon geht am Montag um 8 Uhr im Rathaus weiter, wo zunächst die Kreistagswahl, danach die Gemeinderatswahl ausgezählt wird. Am Dienstag ab 8 Uhr werden dann die Ortschaftsräte ausgezählt.
Info: Die Ergebnisse werden im Internet unter www.ellwangen.de unmittelbar nach der Auszählung veröffentlicht.





