VonAlexander Haagschließen
Im vorletzten Teil des großen SchwäPo-Wahlchecks ist die Rente in Deutschland das große Thema. Wie lange ist das Rentensystem noch zukunftsfähig? Was passiert, wenn es nicht reformiert wird?
Aalen. Reicht das Geld im Alter? Diese Frage beschäftigt immer mehr Menschen in Deutschland. Denn: Die Quote der altersarmen Rentnerinnen und Rentner ist drastisch gestiegen.
Laut einer Berechnung des Statistischen Bundesamtes müssen rund 42 Prozent mit weniger als 1250 Euro netto auskommen. Knapp jeder fünfte Rentner ist inzwischen durch Armut gefährdet. Tatsache ist: Die fetten Jahre sind vorüber, und das System der gesetzlichen Altersvorsorge gerät zunehmend unter Druck.
Das liegt zum einen daran, dass die Menschen in Deutschland immer länger leben und damit auch länger Rente beziehen. Heute erhalten sie im Schnitt knapp 20 Jahre lang Bezüge, im Jahr 2005 waren es noch 17 Jahre.
Die Babyboomer gehen in den Ruhestand
Zum anderen bezahlen immer weniger Menschen in die gesetzliche Rentenkasse ein. 2020 wird eine Rentnerin oder ein Rentner von 1,8 Erwerbstätigen finanziert. 1962 lag das Verhältnis noch bei eins zu sechs. Und jetzt gehen die sogenannten Babyboomer, besonders geburtenstarke Jahrgänge, in den Ruhestand.
Bund bezahlt seit Jahren viel Geld in die Rentenkasse
Um das Rentenniveau zu halten, braucht es immer mehr Geld im System. Der Bund muss seit Jahren hohe Beträge in die Rentenkassen pumpen. Ökonomen gehen davon aus, dass der Beitrag des Bundes in den kommenden Jahren weiter steigen wird – wenn die Politik nichts an den bestehenden Regelungen ändert und etwa das Eintrittsalter oder die Beiträge in die Rentenkasse erhöht.
Mit anderen Worten: Egal wie, das deutsche Rentensystem muss reformiert werden. Und noch gibt es keine verlässliche Lösung, wie das aussehen kann. Im Gegenteil. Die junge Generation macht sich zunehmend Sorgen, ob sie später überhaupt noch auf eine staatliche Rente hoffen kann.
Die Frage an die Kandidaten
Daher lautet die nächste Frage des SchwäPo-Wahlchecks an die Direktkandidatinnen und Kandidaten des Wahlkreises Aalen / Heidenheim: Was antworten Sie einem 25 Jahre alten Menschen, wenn er Sie zu den Aussichten seiner Rente fragt?
Roderich Kiesewetter (CDU): Wenn wir auch in 30,40 Jahren sichere Renten haben wollen, die finanzierbar sind und Lebensleistung anerkennen, brauchen wir eine große Reform. Das wird nicht ohne Zumutungen gehen. Der Renteneintritt muss deshalb künftig mehr an die Lebenserwartung gekoppelt werden, jedoch auch verschiedene berufliche Anforderungen berücksichtigen. Es ist klar, dass Berufe, die schwere körperliche Anstrengung erfordern, ein höheres Renteneintrittsalter praktisch ausschließen. Um dennoch einigermaßen Beitragsstabilität zu halten und kleine und mittlere Einkommen zu schützen, braucht es kurzfristig mehr Anreize für freiwilliges längeres Arbeiten und eine Stärkung betrieblicher und privater Vorsorge. Die gesetzliche Rente sollte durch eine verpflichtende kapitalgedeckte Altersvorsorge ergänzt und Eigentumsbildung gefördert werden, denn besonders Wohneigentum ist ein wichtiger Baustein zur Altersvorsorge.
Cornelia True (SPD): Zuerst antworte ich: Die gesetzliche Rentenversicherung ist unersetzlich und wird es bleiben. Jeder kann zusätzlich privat und betrieblich vorsorgen, um den Lebensstandard im Alter zu halten. Als SPD wollen wir die Rentenniveau dauerhaft bei 48 Prozent sichern. Eine Anhebung der Regelaltersgrenze lehnen wir ab.
Die Einführung einer Bürgerversicherung, in die alle Berufstätigen einzahlen, scheint mir prinzipiell die fairste Lösung. Es ist unverständlich, dass man in Deutschland daran festhält, dass Selbstständige und Beamte nicht in die Rentenversicherung einzahlen. Der staatliche Rententopf wird aber nicht nur an die Einzahlenden ausgeschüttet, sondern auch für Solidarausgaben wie Mütter- oder Aussiedlerrente. Um unser Rentensystem angesichts des demografischen Wandels zu stabilisieren, brauchen wir eine breite Beitragsbasis.
Dr. Jeannette Behringer (Bündnis 90/Die Grünen): Deutschland ist gemäß Artikel 20 des Grundgesetzes ein Sozialstaat, dessen Sozialstaatsprinzip auch die Absicherung des Altersrisikos beinhaltet. Zudem ist für die Sicherung des Altersrisikos auch die Lohnsumme und nicht nur die Generationenverteilung wichtig. Das Rentensystem wird sich bis zu deren Renteneintritt strukturell verändert haben und – idealerweise im Sinne einer besseren Ausbalancierung der drei Säulen staatliche Rente, Betriebsrente und private Vorsorge beruhen. In die staatliche Rente werden in Zukunft alle einzahlen, eine Betriebsrente wird als Pflicht eingeführt sein, und besonders regulierte Konten bei Banken und Versicherungen beinhalten Sparanreize durch steuerliche Entlastung. Jungen Frauen würde ich unbedingt von einer Berufswahl in nicht existenzsichernde Berufe abraten. Zudem würde ich sie auf die Bedeutung einer stets eigenständigen Existenzsicherung hinweisen.
Chris-Robert Berendt (FDP): Vor dem Hintergrund der Herausforderungen des demografischen Wandels ist es zwingend notwendig, das Altersvorsorgesystem zu modernisieren, nachhaltig finanzierbar zu gestalten und den kapitalgedeckten Teil der Altersvorsorge zu stärken, so dass auch junge Generationen sicher vorsorgen können. Wir setzen auf ein drei-Säulen-Modell: gesetzliche, betriebliche und private Vorsorge. Um die Rente enkelfit zu machen, fordern wir einen Ausbau der Aktienrente, bei der Teile der Beiträge in global diversifizierte Fonds investiert werden. Dadurch kann die gesetzliche Rente stabilisiert werden. Gleichzeitig wollen wir mehr Flexibilität, z.B. durch Wahlfreiheit beim Renteneintritt. Für die Rente der jungen Menschen bedeutet dies, dass sie die gesetzliche Rente durch betriebliche und private Vorsorge ergänzen und von den Chancen langfristiger Investitionen profitieren können.
Dr. Jürgen Müller (AfD): Aus meiner fast 30-jährigen Erfahrung als Unternehmer würde ich jungen Menschen heute raten, sich bestmöglich zu bilden und am Ende immer den Mut zur beruflichen Selbständigkeit zu haben. Um es mit Ludwig Erhards Worten zu formulieren: Die Flucht vor der Eigenverantwortung lässt uns in eine Gesellschaft schlittern, in der am Ende jeder die Hand in der Tasche des anderen hat. Eine Gesellschaft kann jedoch auf Dauer nur das Sozialprodukt verteilen, das sie auch zuvor erarbeitet hat. Wirtschafts- und Sozialpolitik sind daher untrennbar miteinander verbunden. Ein Höchstmaß an Freiheit, privater Eigeninitiative und Selbstvorsorge löst eine Volkswirtschaft aus ihren Fesseln und macht um so weniger sozialpolitische Eingriffe, Umverteilungen oder Subventionen nötig. Gerade heute eröffnen sich für junge Menschen viele Möglichkeiten zur Selbständigkeit, z.B. im Handwerk oder in der Pflege.
Thomas Jensen (Die Linke): Dass wir entweder einen grundsätzlichen Wechsel in der Politik und Wirtschaft schaffen oder dass es gar keine Rente geben wird. Vor allem nicht mit einem Bundeskanzler Merz, der als ehemaliger Blackrock-Aufsichtsrat dabei geholfen hat, staatliche Rentensysteme auf der ganzen Welt zu ruinieren. Das Linke Rentensystem garantiert eine solidarische Mindestrente von 1.400 Euro, hauptsächlich durch eine Rentenversicherung für alle, aus der sich Selbstständige, Politiker und Beamte nicht herausziehen können. Alle Rentenreformschritte, die primär der privaten Versicherungswirtschaft Profite einbringen, müssen rückabgewickelt werden. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen: Sollten wir die Klimakatastrophe nicht in Griff bekommen, erübrigt sich die Frage nach der Rente in 40 Jahren. Legt man offizielle UN-Klimaratszahlen zugrunde, wird sich in über 40 Jahren kaum noch ein Staat eine Rente leisten können.






