Der Leidensweg der Hilda Müller

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In der Amtsgasse 6 in Ellwangen war das Schuhmachergeschäft der Familie Anton Müller.
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Menschen mit psychischen Erkrankungen wurden von den Nationalsozialisten eingesperrt und umgebracht. Teil 2 unserer Serie zur Stolpersteinverlegung.

Ellwangen

Die Stolpersteininitiative hat die Schicksale von Menschen aus Ellwangen recherchiert, die unter der NS-Diktatur zu Opfern wurden. Eine ist Hilda Müller, die am 9. Juli 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck im Zuge der "Aktion T4" ermordet wurde. Sie war die Tochter von Anton und Frieda Müller, die ein Schuhmachergeschäft in der Amtsgasse und zwölf Kinder hatten, wurde am 2. November 1911 geboren, das neunte Kind. Mit 16 Jahren kam sie als Hausangestellte nach Göppingen. Dort war sie Hausangestellte, ein Dienstmädchen. Die Information findet sich in der Ellwanger Einwohnerkarte.

Das Stadtarchiv war für Frank Keller von der Stolpersteininitiative, der Hilda Müllers Schicksal recherchiert hat, eine wichtige Quelle. Die wichtigste war die Akte Hilda Müller der Nervenheilanstalt Schussenried, die im Bundesarchiv lagert.

In die Krankenakte wurde sauber in Tusche auf ein Formblatt eingetragen, dass die junge Frau am 22. Februar 1933, mit 21 Jahren aufgenommen wurde: Diagnose Schizophrenie. Die Erkrankung sei bei ihr mit 20 Jahren erstmals aufgetreten. Am 2. November 1931 habe sie in Göppingen einen Nervenzusammenbruch erlitten und sei in das Krankenhaus gebracht worden. Erst am 10. Februar 1932 sei sie nach Ellwangen, zu den Eltern, entlassen worden. Auch dort bleibt sie in Behandlung, unter anderem beim Psychiater und Oberamtsarzt Dr. Otto Magenau in Crailsheim.

Zum Jahreswechsel 1932/33 verschlechtert sich der gesundheitszustand von Hilda, sie habe Wahnideen entwickelt und wurde vom Hausarzt in das Ellwanger Krankenhaus eingewiesen. Die Rechnung der Betreuung vom 5. Januar bis 22. Februar wird an die "Ortsfürsorge" gestellt und liegt ebenfalls im Stadtarchiv. 

Die Einweisung nach Schussenried erfolgt laut Krankenakte auf Ansuchen der Angehörigen. Bei der Aufnahme wiegt die junge Frau 52 Kilogramm bei 153 Zentimeter Körpergröße, "Hautfarbe blass". Die Nervenheilanstalt ist Hildas neues Zuhause, sieben Jahre lang, sie wird von Station zu Station verlegt, manchmal verbessert sich ihr Zustand, sie erledigt leichte Arbeiten, doch von eine Heilung scheint nicht möglich. Otto Magenau, der auch Anstaltsarzt in Schussenried ist, attestiert Hilda Müller bereits 1933: "Ihr Zustand gestattet ein Zusammenleben mit geistig gesunden Personen nicht."

Ab 1939 wird in Hildas Krankenakte nur noch quartalsweise eingetragen, zuletzt am 9. 7. 1940 in Schreibmaschinenschrift: "Wird in eine andere Anstalt verlegt." Sie wiegt noch 48 Kilogramm.

Sie wird auf Schloss Grafeneck gebracht, wo seit Anfang 1940 in den Augen der Nationalsozialisten "unwertes Leben" systematisch vernichtet wird. Hilda Müller wurde wohl noch am Tag der Verlegung in die Gaskammern geführt, wie es in Grafeneck üblich war. Es gab keine Schlafräume, um die Angelieferten unterzubrigen.

Die Tötungseinrichtung führte auch keine Akten, es gibt nur die Transportlisten, auf denen die Ankunft bestätigt wird. Und diesen Listen nach war Hilda Müller nicht die einzige aus dem Ellwanger Raum, die hier getötet wurde. Frank Keller hat darauf 15 weitere Namen gefunden aus Ellwangen und den Ortschaften der Umgebung. "Diese Personen sind bislang in Ellwangen nicht als NS-Opfer bekannt", sagt er. Im öffentlichen Gedenken wird bislang nur an die 32 "Pfleglinge" des Rabenhof erinnert, die 1940/41 im Rahmen der Aktion T4 mit den grauen Bussen abgeholt wurden.

Grafeneck musste übrigens im Dezember 1940 geschlossen werden, nachdem der wahre Charakter der Tötungsanstalt öffentlich geworden war.

Info: Am Pfingstmontag ab 14.30 Uhr verlegt der Künstler Gunter Demnig in Ellwangen zehn Stolpersteine. Beginn ist in der Schmiedstraße.

https://www.schwaebische-post.de/ostalb/ellwangen/stadt-ellwangen/das-schicksal-der-familien-levi-92294312.html

Die Aktion T4

In der Amtsgasse 6 in Ellwangen war das Schuhmachergeschäft der Familie Anton Müller.
Das einzige Bild, das die Stolpersteininitiative bislang von Hilda Müller hat: Für die Nationalsozialisten war die junge Frau "unwertes Leben".

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