Gmünds „Marika Rökk“ ist 102

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Oberbürgermeister Arnold gratuliert Margit Moser, mit dabei sind Lucia Posch (Pflegedienstleiterin), Sohn Joschi und Christine Hinderer (Qualitätsbeauftragte im Melanchthonhaus). Erich Kuhn spielt dazu mit dem Akkordeon auf.
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Mit wachem Verstand verfolgt Margit Moser auch mit 102 Jahren noch das weltpolitische Geschehen. Und freut sich über gutes Essen.

Schwäbisch Gmünd

Da hat die Wahrsagerin vor einigen Jahrzehnten bei Margit Moser aber richtig daneben gelegen: Als junges Mädel habe Margit, so erzählt sie, von einer Handleserin die Vorhersage erhalten, sie würde lediglich ein Alter von 54 Jahren erreichen.

Die bunt gedeckte Tafel im Melanchthonhaus mit Kuchen und Häppchen sprach am Montag eine andere Sprache, im Beisein von Schwiegertochter Ruth Sanden, Sohn Joschi Moser, Bekannten und der Heimleitung feierte die zierliche Dame ihren 102. Geburtstag. An ihrem 55. Geburtstag sei der „Fluch“ augenscheinlich gebrochen worden, schmunzelt Joschi, und Mama Margit habe sich sofort auf eine Urlaubsreise begeben.

Keine Unbekannte für den OB

Mit einem musikalischen Gruß aus dem Akkordeon von Erich Kuhn begrüßten Margit und die Geburtstagsgäste Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold. Bei Kuhns gesungenem Wunsch „110 Jahre soll sie werden“, stahl sich ein breites Grinsen ins Gesicht der Jubilarin. Die Blumen, Geschenke und im Besonderen der „Liebesbrief“ des OB amüsierte die Seniorin noch ein Stück weiter. Für Oberbürgermeister Arnold ist Margit keine Unbekannte: Als Klassenkamerad von Joschi war Arnold öfters im Hause Moser zu Gast. Dass ausgerechnet er dann zum 90. Geburtstag seine Aufwartung als Bürgermeister machte, habe die Dame damals zu Begeisterungsstürmen hingerissen.

In seiner Erinnerung an früher hat Arnold die Jubilarin als temperamentvolle und musikalisch begabte Ungarin vor Augen. Margit sei damals als „Marika Rökk“ aus Schwäbisch Gmünd bezeichnet worden. Gutes Essen stehe bei seiner Mutter noch hoch im Kurs, lacht Joschi. Obwohl Mama Margit die älteste Bewohnerin in der Einrichtung sei, animiere sie die „Jüngeren“ gerne dazu, mehr zu essen.

Politisch aufgeschlossen

Auch politisch sei Margit noch immer allem aufgeschlossen, Menschen aller Couleur werden von ihr akzeptiert, meint der Sohn. Mit einer angeborenen Neugier auf alles Neue konnte sich Margit für alles begeistern, hatte eine Vorliebe für fremdländische Gerichte. Begeistern konnte sich Margit auch fürs Tanzen. Der eingefleischte „ABBA“-Fan schwang so lange das „Walzerbein“, wie es die Gesundheit ihres verstorbenen Gatten Ignac zuließ.

Gräueltaten hautnah erlebt

Diese Lebensfreude ist angesichts ihrer Lebensgeschichte umso erstaunlicher. Margit war das zweite von sechs Geschwistern und zugleich die älteste Tochter der Familie Turi. Bereits als 13-Jährige verließ sie den elterlichen Hof, um eine Stellung in einem Haushalt zu übernehmen. Eine dieser Stellungen führte sie in das Haus jüdischer Bürger. Die Gräueltaten des NS-Regimes bekam sie daher „hautnah“ mit und diese haben sie nachhaltig geprägt.

Mit 24 Jahren heiratete sie Ignac Moser. Den Kindern Ignac und Anna ermöglichte sie damals in Ungarn Religionsunterricht bei einer Ordensschwester, ein Umstand, der Denunzianten auf den Plan rief. Margit verlor alle ihre ehrenamtlichen Posten, darunter auch die Position als Elternbeiratsvorsitzende.

Ihre Flucht nach Deutschland sei politisch motiviert gewesen, erzählt Joschi, denn: „Für meinen Glauben lasse ich mich nicht einsperren“, war Margits Devise. Es ist daher nicht schwer, zu verstehen, dass Margit immer schon eine strenge Verfechterin der Demokratie gewesen ist. Auch den drei Kindern wurde von Kindesbeinen an eine demokratische Denkweise nahegebracht.

Der plötzliche Tod von Sohn Ignac zu Beginn des Jahres hat Margit schwer getroffen, ihr Interesse am Weltgeschehen hat sie dennoch nicht verloren.

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