- VonSarah Schwellingerschließen
In diesem "Guten Morgen" geht es um den Klassiker aller Beziehungsproben schlechthin, den gemeinsamen Aufbau des Ikeaschranks.
Es hätte das Ende sein können. Alle, die es erlebt haben, haben es auch prophezeit. Mit dem Schrank liefert Ikea neben Stauraum das Streitpotenzial gleich mit. Den Klassiker – gekonnt ignoriert. Der Test, der jede zwischenmenschliche Beziehung auf die Probe stellt. Ein Theaterstück in vier Akten.
Gemeinsames Projekt mit Hindernissen
1. Akt: Es sollte das gemeinsame Projekt werden. Einzeln ja, da bauen sie beide gerne Möbel auf. So verabredet man sich schließlich zum Schrankaufbau – klar, Modell Pax, inklusive Schiebetüren, fehlendem Teil und dimmbarer Innenbeleuchtung. Nur so viel: Auf Letztere wird am Ende verzichtet. Noch mehr Arbeit? Nein, danke schön.
Während er also die großen Pappkartons öffnet, sortiert sie Kleinteile, überprüft die Anzahl der Schrauben und der Dübel, legt Schraubenzieher parat. Jetzt wird gebaut, zu zweit geht’s ans Werk. Klappt ganz gut. Seine Kraft und ihr Fingerspitzengefühl fügen sich wie die passende Schraube in die vorgebohrten Löcher.
Rollenwechsel und Konflikte
Das Theaterstück geht in den 2. Akt, der Spannungsbogen steigt an. Er übernimmt langsam aber sicher das Geschehen, macht sie zur Nebenrolle. „Lass mich mal machen.“ Oder: „Ich mach das schon.“ Während sie gelangweilt und mitunter auch wütend stumm die Schraubenzieher reicht. Bis sie in Akt drei lauthals reklamiert, er entsetzt blickt und ihr die Arbeit übergibt. Sie besteigt mit dem Brett in der Hand die oberste Stufe des Hockers (Bekväm) und bemerkt schnell: "Ich komm da nicht rauf – wir müssen das anders machen!" Peripetie. Umkehr der Handlung. Gelächter.
Von der Anweisung zum Rückzug
Statt zu reklamieren, reicht sie lieber Werkzeug, studiert vertrauensvoll die Aufbauanleitung und weist an. Vom Hiwi zum Chef in wenigen Sekunden. "Das kann nicht sein! Das passt doch nicht, was du sagst", findet er und entreißt ihr das Papier mit den hilfreichen Bildern. Genug der Diskussion, sucht sie sich nun woanders Arbeit und vertraut schlichtweg aufs Karma. Denn wer schlau ist, weiß jetzt schon: Alleine wird das nichts. Er schwitzend und bitterernst, sie derweil belustigt.
Grenzen der Zusammenarbeit
Im vierten Akt wird schnell klar, dass an diesem Abend nicht viel mehr als der Korpus-Aufbau drin ist. Wenn sie an die Schiebetüren denkt, ist sie ein bisschen froh, dass er das Ruder übernommen hat. Viel Spaß damit! Am Ende arbeiten an mehreren Tagen bis zu vier Männer am Schrank. Sie zieht sich zurück und überlässt die Herren ihrem Schicksal. Sein Lohn für die Mühe? Blasen an den Händen. Ihr Mitleid darüber? Überschaubar. Am Ende halten der Schrank und auch die Beziehung. Und es bleibt die Erkenntnis, dass manche Klischees vielleicht gar keine sind.