VonSina Alonso Garciaschließen
Neue Familienformen wie gleichgeschlechtliche Eltern oder das Co-Parenting werden in unserer Gesellschaft nicht von allen gutgeheißen. Unsere Autorin findet: Es ist irrelevant, ob ein Kind in einer „traditionellen“ Familie aufwächst – solange es geliebt wird. Ein Kommentar.
Stuttgart – „Ein Kind braucht Mutter und Vater“: In vielen Köpfen ist dieses traditionelle Familienbild noch immer fest verankert. Die klassische Vorstellung heterosexueller Eltern, die ihre Sprösslinge gemeinsam großziehen, zählt in Deutschland noch immer als gesellschaftliches Idealbild des familiären Zusammenlebens. Die Realität sieht allerdings nicht selten anders aus. So wird aktuell jede dritte Ehe in Deutschland geschieden. Anstelle von Mutter-Vater-Kind-Konstellationen treten vermehrt Patchworkfamilien oder Alleinerziehende. Darüber hinaus gibt es mit Regenbogenfamilien und Co-Elternschaften inzwischen auch ganz neue Formen des Familienlebens – und das ist auch gut so.
Regenbogenfamilien: Wunschkinder sind geliebte Kinder
Unter den knapp 12 Millionen Familien mit Kindern in Deutschland sind heute rund 10.000 Regenbogenfamilien (DeStatis, 20203). Das ist nicht selbstverständlich. Lange gestaltete es sich für Homosexuelle in der Bundesrepublik schwierig, ein Kind großzuziehen. Erst mit der Öffnung der Ehe 2017 haben sich auch die Rahmenbedingungen für die Familiengründung durch gleichgeschlechtliche Paare verändert. Wenn ich Menschen im Jahr 2023 sagen höre, dass sie Regenbogenfamilien für nicht natürlich oder schädlich für ein Kind halten, werde ich traurig. Denn wer würde ein Kind nicht in Liebe groß ziehen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als überhaupt eines zu haben?
Definition: Was ist eine Regenbogenfamilie?
Gleichgeschlechtliche Paare mit eigenem oder adoptiertem Kind werden als „Regenbogenfamilie“ bezeichnet. Im weiteren Sinne fallen aber auch Paare mit einem Elternteil darunter, das homo-, bi- oder transsexuell ist. Zu einem Kind verhilft ihnen zum Beispiel eine künstliche Befruchtung oder eine Adoption.
Schon alleine das Argument, dass das Kind im Idealfall bei seinen biologischen Eltern aufwachsen sollte, wird hinfällig, wenn man sich ansieht, wie viele Paarbeziehungen auch nach der Familiengründung scheitern. In Deutschland leben 2,8 Millionen Alleinerziehende. Manch unglückliches Elternpaar bleibt eines Kindes wegen zusammen – obwohl es sich andernfalls längst getrennt hätte. Sind Mutter und Vater, die sich nicht lieben oder ständig streiten, bessere Eltern als ein queeres Elternpaar, bei dem es harmonisch zugeht? Im Jahr 2022 hat die Zahl der Kindeswohlgefährdungen in Deutschland einen Höchststand erreicht. Fast 62.300 Kinder und Jugendliche erleben durch ihre Erziehungsberechtigten Vernachlässigung, psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt. Es gibt also keine Garantie, dass in einer traditionellen Familienkonstellation alles rund läuft – ganz im Gegenteil.
Kinder aus Regenbogenfamilien sind Studien zufolge häufig toleranter
Wie eine Reihe internationaler Studien zeigt, gibt es keinen Grund zur Annahme, dass das Kindeswohl unter gleichgeschlechtlichen Eltern gefährdet ist oder sie Nachteile in ihrer Entwicklung haben. Laut einer Metastudie der medizinischen Hochschule Guangxi im chinesischen Nanning und der Duke University in Durham, die im Fachjournal „BMJ Global Health“ veröffentlicht wurde, geht es Kindern, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, gut. In einigen Aspekten geht es ihnen sogar besser als in Traditionsfamilien.
Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler 34 Studien aus den Jahren 1989 bis 2022 aus. 16 dieser Studien hatten mit quantitativen Daten etwa die Gesundheit der Kinder untersucht. 18 Studien hatten qualitative Daten erhoben, also offene Befragungen der Kinder und ihrer Familien durchgeführt. Alle Studien stammen aus Ländern, die Homosexualität legalisiert haben. Das Ergebnis: Kinder aus Regenbogenfamilien wurden im Vergleich mit Familien mit heterosexuellen Eltern als toleranter gegenüber Vielfalt und als fördernder für jüngere Kinder beschrieben. Queere Familien ständen darüber hinaus teilweise wirtschaftlich besser da als eine Traditionsfamilie und zögen ihre Kinder weniger autoritär auf.
Exklusivrecht fürs Kinder bekommen für Hetero-Paare? Ganz schön unfair
Ein Risikofaktor für Regenbogenfamilien, der auch in der Studie zutage trat: Wegen homophober Einstellungen im Umfeld erfahren sie eher Diskriminierung, was sich negativ auf die psychische Gesundheit der Familie auswirken kann. Wenn Regenbogenfamilien zukünftig noch sichtbarer werden, können sie damit hoffentlich auf lange Sicht mehr Toleranz und Verständnis in der Gesellschaft schaffen. Generell bin ich der Meinung, dass man Menschen mit Kinderwunsch ihren Wunsch nicht kleinreden sollte – ganz egal, ob sie sich in einer heterosexuellen Beziehung befinden oder nicht. An alle, die meinen, Kinder bekommen sei nur in Hetero-Beziehungen zwischen 20 und Ende 30 erlaubt: Ihr habt das Kinder kriegen nicht gepachtet.
Die Engstirnigkeit, mit der Menschen im 21. Jahrhundert noch immer auf das Thema Kinderwunsch blicken, ist teilweise nicht auszuhalten. So müssen sich Frauen ab 35 ständig anhören, dass ihre biologische Uhr tickt – obwohl diese Drohung laut einer Studie gar nicht berechtigt ist. So gibt es heute zahlreiche Wege, auch später noch ein Kind zu bekommen. Zum Beispiel, indem man sich seine Eizellen einfrieren lässt. In England erfüllte sich unlängst eine Single-Frau ein spätes Mutterglück. Auch Modelle wie das Co-Parenting, bei dem sich zwei Erwachsene, die nicht in einer partnerschaftlichen Beziehung leben, zusammentun, halte ich für fortschrittlich und unterstützenswert.
Wer einen Kinderwunsch hat, sollte ihm nachgehen dürfen
Ich finde: Wer einen Kinderwunsch hat, sollte ihm nachgehen dürfen – egal in welcher Art von Beziehung er lebt. Auch Alleinstehende sollen die Möglichkeit haben, den Wunsch nach einer Mutter- oder Vaterschaft zu verfolgen und andere Wege zu gehen, als es unsere heteronormativ geprägte Gesellschaft es ihnen vorschreiben will. Ich bin der festen Überzeugung: Solange ein Kind im Kreise von Bezugspersonen aufwächst, die es bedingungslos lieben, es mental stärken und unterstützen, hat es gute Chancen, ein gesundes Urvertrauen zu entwickeln.
