Lost Place mit tragischer Geschichte

Von diesem Dorf in Baden-Württemberg blieben nur Kirche, Schule und Friedhof übrig

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In Baden-Württemberg gibt es einige „Lost Places“. Von einem früheren Bauerndorf ist heute nur noch wenig übrig, es lebt aber dennoch weiter.

Münsingen - Geisterstädte, also Städte und Gemeinden, die aus irgendeinem Grund evakuiert wurden und seitdem leer stehen, üben eine ganz besondere Faszination aus. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte die ukrainische Stadt Prypjat sein, die im Zuge des Reaktorunfalls von Tschernobyl geräumt wurde. Vor rund 85 Jahren wurde auch ein Bauerndorf auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg geräumt. Da von dem erstmals im Jahr 1095 urkundlich erwähnten Ort heute nicht mehr viel übrig ist, kann man jedoch nicht von einem Geisterdorf sprechen.

Die Geschichte des Albdorfs Gruorn bei Münsingen im Kreis Reutlingen ist so interessant wie tragisch und wird vom Verein zur Erhaltung der Kirche in Gruorn e.V. detailliert nacherzählt. Obwohl es die Gemeinde de facto seit vielen Jahren nicht mehr gibt, kehren frühere Bewohner und deren Nachfahren seit den 1950er Jahren immer wieder zurück an den Ort des früheren Dorfes. Viele Touristen zieht Gruorn ebenfalls auf die Schwäbische Alb. Übrigens: In Baden-Württemberg gibt es noch weitere interessante Lost Places zu entdecken.

Obwohl es das Dorf Gruorn seit langem nicht mehr gibt, kehren ehemalige Bewohner und deren Nachfahren immer wieder dorthin zurück.

Albdorf Gruorn vom Dreißigjährigen Krieg bis zur Zeit des Nationalsozialismus

Obwohl das Albdorf Gruorn je nach Quelle erst um 1095 oder 1254 erstmals urkundlich erwähnt wurde, geht der Verein davon aus, dass die Gemeinde bedeutend älter gewesen sein musste. Im Dreißigjährigen Krieg, in dem die größte Burgruine Deutschlands mehrfach erfolglos belagert wurde, verlor das Bauerndorf auf der Schwäbischen Alb mehr als 500 Einwohner. Nach dem Kriegsende lebten nur noch etwa 80 Menschen in Gruorn. Durch den Zuzug von Flüchtlingen wuchs die Einwohnerzahl aber schnell wieder an. Das tragische Ende des bäuerlichen Dorfes abseits der großen Industriestädte kam in der Zeit des Nationalsozialismus.

Gruorn hatte einst mehr als 600 Bewohner. Heute ist von dem Albdorf nicht mehr viel übrig.

Bereits im Jahr 1895 war auf dem Gelände des heutigen Gutsbezirks Münsingen ein Truppenübungsplatz für die Militärverwaltung Württembergs errichtet. Dieser Platz wurde nach dem Ersten Weltkrieg zwar zunächst geschlossen, im Rahmen der Aufrüstung der Wehrmacht 1934 aber neu gegründet. Um diese Zeit wurde auch bekannt, dass der Übungsplatz durch die Weiterentwicklung der Waffen inzwischen zu klein war. Die angrenzenden Ortschaften, darunter Gruorn, mussten daher Teile ihrer Gemarkung abgeben. Für das Bauerndorf kam es allerdings noch deutlich schlimmer.

Zehn der schönsten Ausflugsziele auf der Schwäbischen Alb

Uracher Wasserfall
Der Uracher Wasserfall stürzt aus 37 Metern Höhe ins Tal und bietet ein faszinierendes Naturschauspiel. © Panthermedia/Imago
Teufelsbrücke im fürstlichen Park Inzighofen
Auf der Teufelsbrücke im Inzigkofer Park genießt man einen einzigartigen Ausblick auf die Donau.  © IMAGO/Peter Widmann
Amalienfelsen an der Donau
Ebenfalls im Park Inzigkofen können Wanderer den Amalienfelsen (29 Meter hoch) erklimmen. © IMAGO/Peter Widmann
Burg Hohenurach, Schwäbische Alb, Ruine Hohenurach bei Bad Urach
Die mittelalterliche Burg Hohenurach war einst eine bedeutende württembergische Landesfestung. Heute ist die Ruine das Wahrzeichen der Stadt Bad Urach. © IMAGO/Zoonar.com/Jürgen Vogt
Versinken im Wasser: Der Blautopf in Blaubeuren in Baden-Württemberg.
Versinken im Wasser: Der Blautopf in Blaubeuren fasziniert durch seine türkisblaue Farbe. © IMAGO/imageBROKER/Lilly
Nebelhöhle, Tropfsteinhöhle, Sonnenbühl-Genkingen, Baden-Württemberg, Deutschland
Die Nebelhöhle ist nicht nur eine der längsten und schönsten, sondern auch eine der ältesten Schauhöhlen der Schwäbischen Alb. © imageBROKER/Katharina Hild via www.imago-images.de
Das Schloss Lichetenstein wurde 1840 auf einem Fest am Albtrauf auf 817 Meter Meereshoehe errichtet.
Märchenhaft: Schloss Lichtenstein in Honau (Kreis Reutlingen) wurde nach dem Roman „Lichtenstein“ von Wilhelm Hauff erbaut. © IMAGO/Guenter Hofer/SchwabenPress
Burg Hohenzollern in Baden-Württemberg
Die Burg Hohenzollern liegt genau zwischen Stuttgart und dem Bodensee über der Stadt Hechingen und ist ein idealer Ausflugsort in den Ferien. © IMAGO/Ullrich Gnoth
Die Burg Hohenneuffen im Kreis Esslingen
Am Rande der Schwäbischen Alb, hoch über der Stadt Neuffen, liegen die Überreste einer der größten Höhenburgen Süddeutschlands: Burg Hohenneuffen. © IMAGO/Westend61
Sonnenaufgang am Breitenstein
Auf seinem 811 Meter hohen Felsplateau bietet der Breitenstein (nahe Bissingen an der Teck) eine wunderbare Aussicht auf die Umgebung. © dpa/Sebastian Gollnow

Dorf Gruorn ist seit 1972 Geschichte, doch die Erinnerung lebt weiter

„Die erschreckende Gewissheit kam am 15. Februar 1937: Das Dorf musste im Zeitraum von zwei Jahren komplett geräumt werden“, schreibt der Verein zur Erhaltung der Kirche in Gruorn e.V. in seiner Chronik zum ehemaligen Albdorf. Damit war das Ende des Dorfes beschlossen und die 665 Bewohner verließen bis 1939 ihre Heimat. Der Ort wurde daraufhin in den militärischen Übungsbetrieb einbezogen und beispielsweise zu Übungen für den Häuserkampf verwendet. Nach dem Zweiten Weltkrieg gaben die Franzosen die Gebäude zur Materialentnahme frei, aus Sicherheitsgründen wurden die Gebäude ab 1972 vollständig abgetragen.

Funfact zum ehemaligen Albdorf in Baden-Württemberg

Die Geschichte und auch der Name von Gruorn auf der Schwäbischen Alb erinnert an die Geschichte des ehemaligen Dorfes Graun in Südtirol. Beide mussten während des Zweiten Weltkriegs geräumt werden und sind inzwischen nahezu vollständig zerstört. Während Gruorn einem Truppenübungsplatz weichen musste, wurde Graun von einem Stausee geflutet. An den Standorten beider ehemaligen Dörfer stehen noch heute Kirchen; in Gruorn ist die Stephanuskirche das Wahrzeichen, in Graun ragt der Glockenturm als einziges Überbleibsel des Dorfes aus dem Reschensee.

Das ehemalige Dorf Graun im Vinschgau in Südtirol war übrigens unter anderem Schauplatz eines Romans und einer Netflix-Serie.

Von dem ehemaligen Bauerndorf Gruorn bestehen heute nur noch die Stephanuskirche (rechts) und das Schulhaus von 1881 (links).

Von dem einstigen Bauerndorf mit mehr als 600 Bewohnern und mehreren florierenden Handwerksbetrieben sind heute nur noch die 1522 errichtete Stephanuskirche, das Schulgebäude von 1881, der Friedhof mit Kriegerdenkmal sowie einige Mauerreste übrig. Gruorn musste damals dem Truppenübungsplatz weichen; während dieser inzwischen aber Geschichte ist, lebt das Dorf durch das Bemühen des Vereins weiter. In der Stephanuskirche finden immer wieder Gottesdienste statt, zudem sind Kirche und Schulhaus bei schönem Wetter für die Allgemeinheit geöffnet. Auf der Schwäbischen Alb befindet sich zudem die einzige mit einem Boot befahrbare Höhle Deutschlands.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Arnulf Hettrich

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