Kanzler Merz und das Stadtbild. Wir haben junge Frauen in Schwäbisch Gmünd und Aalen gefragt, wie sicher sie sich fühlen.
Schwäbisch Gmünd/ Aalen. Mit wenigen Worten hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eine bundesweite Debatte ausgelöst. In einem Interview erklärte er, viele Frauen fühlten sich in deutschen Innenstädten „nicht mehr sicher“ – und sprach in diesem Zusammenhang vom veränderten Stadtbild durch Menschen, „die sich nicht an Regeln halten“. Für viele klang das wie eine pauschale Kritik an Menschen mit Migrationshintergrund. Auf Kritik entgegnete er: "Fragen Sie Ihre Töchter. Ich vermute, Sie bekommen eine ziemlich klare und deutliche Antwort.“ Damit meint Merz, dass sich besonders junge Frauen in Deutschland zunehmend unsicher fühlen. Seine Aussage hat insbesondere auf Plattformen wie TikTok und Instagram für Diskussionen gesorgt.
Wie sicher fühlen sich die jungen Bürgerinnen vor Ort?
Doch wie nehmen die Anwohnerinnen und Anwohner im Ostalbkreis das tatsächlich wahr? Wir haben in Schwäbisch Gmünd und Aalen junge Frauen gefragt: Wie sicher fühlen Sie sich in der Stadt und Umgebung? Auf dem Marktplatz in Schwäbisch Gmünd gehen die Meinungen etwas auseinander.
Von der Aussage von Merz halten wir nichts.
Marie und Johanna sind erst vor wenigen Wochen zum Studium nach Schwäbisch Gmünd gezogen. Zuvor lebten sie in Augsburg und Karlsruhe. Mit der Aussage von Kanzler Merz können sich die beiden jungen Frauen jedoch nicht identifizieren. Trotzdem erkennen sie bestimmte Brennpunkte in der Stadt, die nach Einbruch der Dunkelheit besser gemieden werden sollten. „Es kommt auf den Platz an. An Bahnhöfen fühlt man sich allgemein unsicherer“, erklärt Johanna.
Insgesamt haben die beiden jedoch ein positives Bild von Gmünd. Die Vorsicht, die sie zeigen, wenn sie allein unterwegs sind, betrachten sie eher als gesunde Vorsicht als echte Angst. Marie ergänzt: „Wenn ich Angst habe, liegt das nicht an der Herkunft einer Männergruppe, sondern einfach daran, dass es Männer sind.“
Eine ähnliche Meinung vertreten auch Jessica und Livia. Die beiden sind vor zwei Jahren zum Studium nach Gmünd gezogen. Auch sie meiden nachts bestimmte Orte wie den Bahnhof oder Plätze vor bestimmten Einkaufsläden. Das Stadtbild selbst sehen sie jedoch nicht als Problem.
Mich hat ein Mann, als ich nachts unterwegs war, verfolgt.
Jasmin kommt aus Mögglingen und ist häufig in der Gmünder Innenstadt unterwegs. Ihre Erfahrungen unterscheiden sich jedoch von denen anderer junger Frauen. „Früher habe ich mich sicherer gefühlt“, erklärt sie.
Die junge Mutter betrachtet die Innenstadt seit einigen Jahren als Brennpunkt. Nachdem sie nachts auf dem Heimweg von einem Mann verfolgt wurde, ist sie generell vorsichtiger und kritischer geworden.
Melanie Schiller hat lange Zeit direkt am Marktplatz in der Gmünder Innenstadt gewohnt. Vor Kurzem ist sie nach Gschwend gezogen. Zu der Aussage von Merz hat sie eine klare Meinung: „Eine solche Aussage ist naiv und bestärkt die AfD“, erklärt sie.
Auch sie trifft Vorsichtsmaßnahmen, wenn sie feiern geht oder allein unterwegs ist. „Jeder kennt die Tricks: den Schlüssel als Waffe in der Hand zu halten und das Getränk niemals unbeaufsichtigt zu lassen“, betont sie.
Eines möchte sie jedoch deutlich machen: „Dass sich Frauen unsicher oder unwohl fühlen, liegt nicht an Migranten, sondern an Männern generell.“
Verschiedene Erfahrungen von jungen Frauen
Aber nicht nur in Schwäbisch Gmünd gehen die Meinungen auseinander – auch junge Frauen in Aalen haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht.
In Aalen fühle ich mich sicher.
Julia Rieck (34) hält wenig von der Aussage von Friedrich Merz. Sie wohnt in Unterschneidheim und fühlt sich in Aalen grundsätzlich sicher. Zwar gibt es auch für sie Momente, in denen sie sich unwohl oder ängstlich fühlt, doch das habe nichts mit der Herkunft ihres Gegenübers zu tun.
Als Vorwand habe ich gesagt, ich hätte einen Freund.
Ähnliche Erfahrungen schildern Natalie Kraus (27) aus Adelmannsfelden und Vivien Schips (19) aus Crailsheim. Natalie berichtet, dass sie vor Kurzem tagsüber im McDonald’s von einem Mann bedrängt und verfolgt wurde. „Ich habe ihm gesagt, dass ich einen Freund habe – das schreckt viele Männer mehr ab als ein einfaches ‚Nein‘“, erzählt sie.
Wenn ich abends auf eine Party gehe, dann nur mit einem langen Mantel.
Auch Vivien ergreift Maßnahmen, um unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden. Wenn sie auf Partys geht, zieht sie sich bewusst bedeckt an. So will sie Catcalling (übergriffige Zurufe) und unangenehmen Blicken entgehen. Besonders am Abend und in der Nacht fühlt sie sich an Orten wie dem Bahnhof oder an Bushaltestellen unsicher.
Ich kenne sogar Männer, die nachts die Straßenseite wechseln
Christine Ditter (50) aus Iggingen berichtet Ähnliches. Auch sie fühlt sich vor allem in den Abendstunden unwohl. Einmal habe sie sich sogar in ein Restaurant geflüchtet, weil sie sich verfolgt fühlte. Wenn ihr nachts eine Gruppe Männer entgegenkommt, wechselt sie oft die Straßenseite – so, wie sie sagt, auch manche Männer. Für sie zeigt das: Unsicherheit im öffentlichen Raum betrifft nicht nur Frauen.
Nicht in meinem Namen.
Jessica Ismailov (36) aus Abtsgmünd reagiert entschieden: „Ich bin Tochter – und Missbrauchsüberlebende. Wenn Friedrich Merz behauptet, er spreche für, unsere Töchter“, dann will ich klarstellen: nicht in meinem Namen.“ Für sie liegt das Problem nicht bei Zugewanderten – sondern in gesellschaftlichen Strukturen: „Wer keine Wohnung, keine Arbeit und keine Anerkennung findet, hängt irgendwann auf der Straße – nicht, weil er gefährlich ist, sondern weil das System ihn im Stich lässt.“
Aalen entwickelt sich in eine gute Richtung.
Andrea Lux (63), in Aalen geboren und aufgewachsen, blickt optimistisch auf ihre Stadt: „Ich lebe hier sehr gern. Wir haben eine tolle Stadt und entwickeln uns mit unseren Projekten in eine gute Richtung.“ Die Aussage des Kanzlers stößt bei ihr auf Unverständnis: „Ich denke, ihn stört jeder Mensch, der nicht deutsch aussieht. Das empfinde ich als diskriminierend.“
Das sorgt für Unruhe.
Julie Hanslick (22) aus Ebnat sieht die Debatte differenziert: „Ich glaube, Merz wollte auf Migration und Sicherheit anspielen, aber das ist unglücklich formuliert. So klingt es, als wären Menschen mit anderem Aussehen das Problem – und das sorgt für Unruhe.“
Grundsätzlich fühlt sie sich in Aalen sicher. An bestimmten Orten sei sie abends jedoch vorsichtiger: „Am Bahnhof oder im Stadtgarten liegt es eher an fehlender Beleuchtung oder betrunkenen Gruppen – nicht an der Herkunft der Menschen.“
Mensch ist Mensch.
Auch Alina Thron (25) aus Unterkochen spricht sich gegen eine pauschale Verurteilung aus: „Wir sind alle gleich – Mensch ist Mensch, unabhängig von Herkunft oder Aussehen. Viele Menschen mit Migrationshintergrund leisten täglich einen wichtigen Beitrag, damit unsere Gesellschaft funktioniert.“
Unsicherheit empfinde sie höchstens nachts am Bahnhof: „Wenn Gruppen von Männern unterwegs sind, wirkt das manchmal bedrohlich – egal, woher sie kommen.“
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