Nach 100 Jahren

Traditions-Versandhaus aus Baden-Württemberg stellt Betrieb ein – Mitarbeiter stehen vor „Scherbenhaufen“

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Das Versandhaus Klingel aus Pforzheim gibt nach 100 Jahren den Geschäftsbetrieb auf und setzt 1.300 Mitarbeiter vor die Tür. Erst im Mai hatte das Unternehmen Insolvenz beantragt.

Pforzheim - In Baden-Württemberg haben die hohen Kosten für Energie, Rohstoffe und Personal und auch die Spätfolgen der Corona-Pandemie in diesem Jahr einige Insolvenzen gefordert. Der Hersteller der bekannten Weck-Gläser meldete im Mai Insolvenz an und der Autozulieferer Allgaier rutschte nur wenige Tage später in die Zahlungsunfähigkeit. Während die Allgaier-Insolvenz laut einem IG Metall-Gewerkschafter eine Chance für das Traditionsunternehmen darstellt, führte die Zahlungsunfähigkeit bei einem Traditionsversandhaus aus Baden-Württemberg nun zur vollständigen Einstellung des Geschäftsbetriebs.

Mitte Mai hatte das Versandhaus K-Mail-Order oder auch Klingel Gruppe Insolvenz angemeldet und Ende Mai hatte das 1923 in Pforzheim gegründete Unternehmen in einer Mitteilung verkündet, die Sanierung in Eigenverwaltung gestartet zu haben. Wie sowohl das Unternehmen selbst, als auch Betriebsrat und die Gewerkschaft Ver.di übereinstimmend berichten, soll der Geschäftsbetrieb des nach eigenen Angaben drittgrößten Versandhauses in Deutschland vollständig eingestellt werden. Die Mitarbeiter müssen Kündigungen befürchten, der Stellenabbau soll jedoch in Stufen durchgeführt werden.

Versandhändler Klingel: Investorensuche erfolglos, Unternehmen stellt Betrieb ein

Anfang August kündigte die Klingel Gruppe in einer Pressemitteilung an, dass das Amtsgericht in Karlsruhe das Eigenverwaltungsverfahren eröffnet habe und die Gespräche mit Investoren laufen. Einen solchen konnte das Unternehmen aber offenbar nicht finden. „Eine dauerhafte Fortführung des Geschäftsbetriebs ist ohne Investorenlösung nicht möglich“, heißt es in einer aktuellen Mitteilung der Gruppe. „Angesichts der schwierigen Branchen- und Unternehmenssituation ist jedoch kein Interessent bereit, in die Unternehmensgruppe als Ganzes zu investieren und diese auf Basis der ausgearbeiteten Sanierungskonzepte fortzuführen.“

Name K-Mail Order GmbH & Co. KG (Klingel Gruppe)
Gründung 1923
HauptsitzPforzheim, Baden-Württemberg
Branche Versandhandel, Einzelhandel, Mode
Produkte Damenmode, Herrenmode, Schuhe, Accessoires, Wohnartikel
Mitarbeiter 2.200 (2021)
Umsatz 655 Millionen Euro (2020)

Als Grund für die Schieflage, die letztendlich mit der Aufgabe des Geschäftsbetriebs endet, gibt das Unternehmen aus Pforzheim in der Mitteilung die Entwicklung der Branche – die zu einem zweistelligen Umsatzrückgang führte – und eine Umstellung der IT-Systeme im zweiten Halbjahr 2022 an, die den Geschäftsbetrieb erheblich beeinträchtigt hatte. Wie die Badischen Neusten Nachrichten berichten, hatten 300 Mitarbeiter der Klingel Gruppe bereits während des Insolvenzverfahrens gekündigt, weitere 1.300 stehen in Pforzheim nun vor dem Jobverlust.

„Scherbenhaufen ihres Berufslebens“: Mitarbeiter zahlen laut Betriebsrat höchsten Preis

Der Betriebsrat der Klingel-Gruppe erklärte, man sei „fassungslos“ und wirft der Geschäftsführung, der Inhaberfamilie Kohm und Fachleuten Versagen vor. „Die Folge daraus ist, dass die Arbeitnehmer, die teilweise seit Jahrzehnten bei Klingel beschäftigt waren und die hieran am wenigsten Schuld tragen, den höchsten Preis für dieses Versagen zahlen und nun vor dem Scherbenhaufen ihres Berufslebens stehen.“ Der Betriebsrat selbst könne nun nur noch dafür sorgen, dass die Mitarbeiter in Pforzheim bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz Unterstützung erhalten.

Harter Schlag für die Wirtschaft in Pforzheim: Mit der Klingel Gruppe stellt einer der größten Arbeitgeber der Stadt seinen Betrieb ein.

Dem Vernehmen nach soll der Geschäftsbetrieb der Klingel Gruppe nicht sofort, sondern Ende Januar 2024 eingestellt werden. Auch der Stellenabbau soll laut Ver.di in mehreren Stufen vonstattengehen, da das Unternehmen das lukrative Weihnachtsgeschäft noch abwickeln will. Nach Ver.di-Informationen sollen allerdings mehrere Hundert Kündigungen schon sehr bald ausgesprochen werden und der gesamte Stellenabbau bis zum Frühjahr kommenden Jahres abgewickelt sein. Die Klingel Gruppe ist einer der größten privaten Arbeitgeber der Stadt Pforzheim und hat auch Niederlassungen in mehreren anderen europäischen Ländern.

Rubriklistenbild: © Christoph Schmidt/dpa

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