VonDagmar Oltersdorfschließen
Um den Lehrermangel zu beheben, wurde der Beruf geöffnet. Welche Voraussetzungen und Wege es gibt, zeigen zwei Beispiele aus Aalen.
Aalen. Lehrermangel? Bereits vor dem Ende der Sommerferien schlug das Kultusministerium Baden-Württemberg Alarm. Noch 565 Stellen galten als unbesetzt. Nun sind sechs Wochen vergangen - und zumindest auf den Portalen, bei denen Lehrerinnen und Lehrer sich bewerben können, ist kaum noch eine freie Stelle zu finden.
Um zusätzliche Lehrkräfte zu bekommen, wurde es für Bewerber, die auch ohne Lehramtsstudium an einer Schule unterrichten wollen, leichter gemacht. Im April wurde die Möglichkeit des Direkteinstiegs auf Grundschulen und die Sekundarstufe I ausgeweitet. Direkteinstieg, Quer- oder korrekt bezeichnet - Seiteneinstieg - das klingt zunächst einmal so, als könne jetzt Lehrer oder Lehrerin werden kann. Ganz so einfach ist es aber nicht. Zwei Beispiele zeigen, wie es gehen kann: Julia Erdmann und Yannik Weiland unterrichten an der Schillerschule in Aalen. Ohne Lehramtsstudium.
Der Seiteneinstieg. Dieser ist seit 2021 möglich, wenn ein geeigneter universitärer oder gleichwertiger Abschluss vorliegt, eine einjährige Betriebspraxis nachgewiesen wird und ein entsprechender Bedarf an Lehrkräften besteht. In jedem Einzelfall wird geprüft, ob die formalen Voraussetzungen vorliegen.
Julia Erdmann hatte bereits viel Berufserfahrung. Die Mutter dreier Kinder ist eine sogenannte Seiteneinsteigerin. An der Schillerschule unterrichtet sie seit Oktober 2021 Deutsch für die Vorbereitungsklasse. 31 Schülerinnen und Schüler hat sie aktuell, allerdings unterrichtet sie nicht alle gleichzeitig. Wird ein Schüler oder eine Schülerin besser in Deutsch, dann kommt er in eine Regelklasse. „Das ist schon eine Herausforderung. Ich hatte aber vorher schon lange als Lehrerin gearbeitet, das war jetzt nicht so, dass ich nun erst wieder zurückkehre“, sagt sie. Die heute 41-Jährige macht aber zunächst eine Ausbildung als Hotelfachfrau. Doch dann will sie mehr. Julia Erdmann macht das Abitur nach und studiert. Französisch, Spanisch, Linguistik und Marketing. Französisch wählt sie, weil sie zunächst noch mit einer Laufbahn in der Gastronomie liebäugelt. „Doch dann wurde mir doch recht früh klar, dass ich ins Lehramt möchte“, erklärt sie. Sie lebt einige Jahre in Frankreich, unterrichtet auch dort. Ihre erste Stelle in Deutschland bekommt sie an einer Berufsschule. Schließlich kommt sie an die Schillerschule. Ob sie allerdings noch eine Verbeamtung bekommt, ist allerdings noch ungewiss, so Julia Erdmann. Das entscheide das Land.
Der Direkteinstieg. Er ist gedacht für Personen ohne Lehramtsstudium. Wer auf diesem Weg Lehrerkraft werden möchte, der steigt direkt in den Unterricht ein. Daneben bekommt der Anwärter begleitend zwei Jahre lang eine pädagogische Qualifizierung. Nach einem weiteren Bewährungsjahr kann man unbefristet eingestellt werden.
Yannik Weiland: Weiland hat einen Master in Jura und hat außerdem Sportmanagement studiert. Und der Master ist auch Voraussetzung für den Direkteinstieg. Aktuell unterrichtet er Mathematik und WBS - also Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung - in der Sekundarstufe I. „Das Regierungspräsidium Stuttgart hat mein Studium angeschaut. Und darin Wirtschaft und auch Mathematik gefunden“, erklärt der 26-Jährige. Auch wenn er nach der Schule ein anderes Studium wählte, habe er „Lehrer schon immer im Hinterkopf gehabt“, so Weiland. Hätte er noch mal ein komplettes Lehramtsstudium absolvieren müssen, wäre er vermutlich nicht mehr Lehrer geworden, so Weiland. Weiland gehört zu den ersten Direkteinsteigern im Land. „Da gab es im Frühjahr eine große Kampagne“, sagt er rückblickend. Über ein Online-Portal habe er sich daraufhin beworben. Aktuell besucht er parallel zu seiner Lehrertätigkeit jeweils eine halbe Woche das Seminar in Reutlingen, wo er in Pädagogik und Didaktik unterrichtet wird. Zusammen mit 20 anderen Kolleginnen und Kollegen aus Baden-Württemberg, wie Weiland sagt. „Eine kunterbunte Truppe im Alter von 20 bis Mitte 50“. Es seien noch viele Plätze frei. „Es ist natürlich schon anstrengend, weil ich aus dem Nichts komme“, sagt er. Zumindest, was den Lehrerberuf betrifft. Seit einigen Jahren ist Weiland auch Jugend-Fußballtrainer. „Daher rührt der Spaß auch an der Arbeit als Lehrer“, sagt er.
Das ist für Beruf wichtig:
Fachlehrer, die ihre Berufe unterrichtet haben, die habe es schon immer gegeben, so Karl Frank, Schulleiter und geschäftsführender Schulleiter an den Aalener Schulen. Jetzt gebe es die Möglichkeit an allen Schularten und für alle Fächer. "Grundsätzlich finde ich das gut“, sagt er. Ein Pädagogikstudium sei im umgekehrten Fall ja keine Garantie, dass der Berufsalltag als Lehrkraft funktioniere. „Man muss schon eine natürliche Autorität haben. Das kann man nur bedingt lernen“, sagt Frank darüber, was eine zukünftige Lehrkraft mit sich bringen soll. Ein gutes Selbstmanagement, die Fähigkeit zum Multitasking, Flexibilität und Belastbarkeit gehören für ihn ebenso dazu. „Und man muss die Kinder und Jugendlichen mögen und annehmen, wie sie sind. Mit allem, was sie mitbringen.“ An den Grundschulen würden grundsätzlich Lehrkräfte - vor allem männliche - fehlen, auch wenn das momentan an der Schillerschule nicht so sei. Vier Seiteneinsteiger gibt es dort aktuell. „Man kann auf jeden Fall sagen: Direkt- und Seiteneinsteiger sind ein Gewinn für die Schule“, so Frank. Ob es die Rettung für den Lehrermangel sei, wisse er aber noch nicht. Man müsse den Beruf insgesamt wieder attraktiver machen.
Lehrermangel: So geht es zum Lehrerberuf
Seiteneinstieg: Personen, die ein Studium absolviert haben, das weitgehend einem Lehramtsstudium entspricht, können in den Vorbereitungsdienst (VD) des jeweiligen Lehramts einsteigen; während des VD erhalten diese Anwärterbezüge; nach erfolgreichem Abschluss des VD Einstellung als Beamter oder Angestellte.Direkteinstieg: Möglich für genau definierte Lehrämter und Fächer, für die ein besonders hoher Bedarf besteht; ist offen für Personen, die ein fachwissenschaftliches Studium absolviert und ein Jahr berufliche Erfahrungen haben; ein bis zwei studierte Fächer müssen auf Unterrichtsfächer bezogen sein; nach der Einstellung müssen ein modifizierter Vorbereitungsdienst (zwei Jahre mit vollem Gehalt als Angestellte) und die Bewährung in der Schule (ein Jahr) erfolgreich abgeschlossen werden; danach normale Beschäftigung als Beamter oder Angestellte. (Quelle: GEW)
Aktuelle Zahlen im Ostalbkreis, Stand 25. Oktober, laut Regierungspräsidium Stuttgart: Für den Bereich Grund-, Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen (In diesem Bereich weist das Regierungspräsidium dem Schulamtsbezirk Göppingen ein Gesamtkontingent zu. Dieses wird unter anderem zur Versorgung des Ostalbkreises mit Aalen verwendet. Entsprechend kann die Beantwortung der Fragestellung nur auf den gesamten Schulamtsbezirk bezogen erfolgen.) Primarbereich: 1,7 Stellen frei; Sekundarstufe 1: 1,6 Stellen frei; Sonderpädagogik: keine Stellen frei; Gymnasien: Keine freien Stellen im Ostalbkreis.
Berufliche Schulen: Im Ostalbkreis gibt es acht freie Stellen (Mathematik, Englisch, Deutsch, Holztechnik, Chemie, Pflege, System- und Informationstechnik). (
Infos dazu auch auf den Portalen https://lehrer-online-bw.de/Direkteinstieg-allgemein-bildende-Schulen.
Einen Quickcheck für Interessierte gibt es unter https://www.lehrer-in-bw.de online.

