VonKatharina Scholzschließen
Der 41-jährige SPD-Kandidat Selcuk Özer spricht über „Vision Aalen“, das Video auf Sylt und wie es ist, mit türkischem Migrationshintergrund zur Wahl anzutreten.
Aalen. Selcuk Özer ist in Deutschland geboren und in Deutschland aufgewachsen. Seine Großmutter war die Erste in der Familie, die Ende der 60er-Jahre aus Anatolien nach Hannover kam. Die Familie wohnte später in Siegen, dann in Bopfingen und schließlich in Aalen. Özers Mutter war alleinerziehend. „Als 15-Jähriger habe ich zu Hause geputzt, gekocht und für die jüngeren Geschwister gesorgt“, erzählt er. Außerdem arbeitete er gleichzeitig in mehreren Jobs. Zum Beispiel gibt er anderen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund Nachhilfe in Deutsch und Mathe.
Auf dem Gymnasium lernt er Englisch und Latein. Türkisch, sagt er, ist seine Muttersprache. Doch auch Deutsch beherrscht er auf muttersprachlichem Niveau. Wenn er spricht, ist kein Akzent zu hören. Allenfalls eine schwäbische Dialektfärbung, wie sie typisch ist für Menschen, die in Aalen oder der Region aufgewachsen sind. Wegen seines Namens aber, wird er immer wieder als Türke wahrgenommen – und manchmal deswegen abgelehnt.
Ablehnung wegen des türkischen Namens
Özer engagiert sich seit langem für die SPD und kandidiert für den Aalener Gemeinderat. Einmal, so erzählt er, war er auf einer Delegiertenversammlung. Dort führte er ein nettes Gespräch mit einem Genossen. Bis sich sein Gegenüber für seinen Namen interessierte. „Selcuk? Ist das tschechisch?“, will er wissen. Als er hörte, dass Selcuk ein türkischer Name ist, sagte er: „Dann wähle ich dich nicht.“
Immer wieder erlebt Özer, dass es nicht nur auf den Migrationshintergrund, sondern auch auf die Art des Migrationshintergrunds ankommt. Als weiteres Beispiel nennt er jemanden aus der Region mit italienischem Migrationshintergrund, der einmal gesagt habe, dass er im Herzen Italiener geblieben sei. Özer ist sich sicher: „So etwas könnte ich nie sagen.“ Er wolle es auch nicht sagen, schließlich sei er Deutscher. „Aber stellen Sie sich vor, ich würde sagen, 'im Herzen bin ich Türke geblieben'.“ Das würde provozieren, ist sich Özer sicher.
Das Video aus Sylt zu sehen und die Ausländer-Raus-Rufe zu hören hat ihn betroffen gemacht – so wie viele in seinem Umfeld unabhängig vom Hintergrund. Özer sorgt sich, dass solche Sprüche salonfähig werden.
Vertrauen muss erst erarbeitet werden
Özer hat sich nach dem Abitur am Theodor-Heuss-Gymnasium und dem Zivildienst selbstständig gemacht und arbeitet heute als Leiter der Unternehmensentwicklung bei 3-D-Global in Aalen. Stolz ist er auf seine Wahl in die IHK-Vollversammlung. 2016 hatte er eigentlich nicht genug Stimmen erreicht, war aber ins Gremium nachgerückt. Bei der nächsten Wahl 2021 wurde er dann Stimmenkönig in seiner Wahlgruppe. Weil man ihn dann kannte und er sich das Vertrauen erarbeitet hatte, glaubt er. Aber einen Vertrauensvorschuss habe man einem Selcuk Özer nicht geben wollen.
Mit Migrationshintergrund landen Kandidaten eher hinten auf den Listen
So ähnlich gehe es auch Menschen mit Migrationshintergrund, die in den Gemeinderat gewählt werden wollen. Özer hat verschiedene Aalener Wahlprospekte dabei, zeigt auf den ein oder anderen Namen, der nach Migrationshintergrund klingt, und stellt fest, dass sie meist weiter hinten auf der Liste stehen.
Von daher kann er die neue Liste „Vision Aalen“ ein Stück weit verstehen, aber eben nur ein Stück weit. Auf dem Wahlvorschlag kandidieren fast ausschließlich Menschen mit türkischen Migrationshintergrund. Hätten die Kandidatinnen und Kandidaten auf Parteilisten kandidiert, glaubt Özer, hätten sie wahrscheinlich eher Plätze weiter hinten auf der Liste bekommen. Özer selbst schaffte er es bei der Kommunalwahl 2019 nicht, in den Aalener Gemeinderat einzuziehen. Nun kandidiert er bei der SPD auf Listenplatz 4 in der Kernstadt und hofft, dass es diesmal reicht.
Özer wünscht sich Mehrheiten statt Minderheiten im Rat
Özer würde allen mit Migrationshintergrund empfehlen, sich in einer demokratischen Partei zu engagieren, statt eine eigene Liste aufzustellen. „Mit einer Mehrheit kann man viel mehr bewegen“, sagt er. Eine neue Migranten-Liste würde gar keinen oder nur ein Mitglied oder wenige Mitglieder in den Gemeinderat bringen. „Dann sitzt du alleine hinten drin und stellst dich selbst an den Rand“, sagt Özer. „Dann bist Du wieder die Minderheit.“ Er findet es traurig, dass es so gekommen ist und es diese Liste so gibt. „Ich hätte es mir für Aalen anders gewünscht“, sagt Özer.
Bio-Deutsche kennen die Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund nicht
Für den Gemeinderat wünscht er sich, dass künftig noch mehr Menschen mit Migrationshintergrund kandidieren und dass die Parteien ihnen Chancen geben. 27 Prozent aller Erwerbstätigen haben ihm zufolge einen Migrationshintergrund. Özer wünscht sich, dass sich das auch im Gemeinderat widerspiegelt. Denn Menschen mit Migrationshintergrund hätten eine andere Perspektive und andere Probleme. Özer sagt: „Bio-Deutsche kennen die Probleme nicht. Sie haben die Erfahrungen nicht gemacht.“

