Wie einer anderen Mut macht

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Matthias Kümpflein ist seit der Geburt schwerst gehandicapt. Doch er sagt: Ich habe doch alles, was ich brauche."
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  Matthias Kümpflein ist seit Geburt körperlich schwerst eingeschränkt. Doch er konzentriert sich auf das, was er trotzdem alles tun kann.

Ellwangen

Wenn man ihn treffen will, braucht man nur morgens um halb zehn zu Thomas Bader in das Musikgeschäft mit Kulturcafè zu kommen. Dort ist Matthias Kümpflein Stammgast, zusammen mit vielen anderen. Der Zugang ist barrierefrei und mit dem elektrischen Rollstuhl problemlos möglich, was man nicht von jedem Lokal in der Stadt sagen kann. Doch die Stadt entwickelt sich, was Barrierefreiheit angeht und Matthias Kümpflein hat daran großen Anteil.

Der 41-Jährige lebt in der betreuten Wohngemeinschaft in der Badgasse. Der Sozialdienst der Malteser hilft ihm am Morgen vom Bett in den Rollstuhl und am Abend wieder zurück. Dazwischen ist Matthias ein freier Mensch. Der Akku seines Gefährts reicht für 45 Kilometer Fahrt und die nutzt er aus: „Ich fahre bis nach Rindelbach, Schrezheim, Saverwang“, erzählt er. Und wenn es für den Akku zu weit ist, fährt er mit Bus oder Bahn.

So zum Beispiel am vergangenen Sonntag, als in Aalen der Ostalb-Narrenumzug war. „Da wollte ich unbedingt hin. Also bin ich zum Bahnhof und habe am Schalter gefragt.“ Sehr unkompliziert sei das mit Go Ahead. Bei der Bahn AG habe man fünf Tage im Voraus anmelden müssen, wenn man als E-Stuhl-Fahrer mitreisen wollte. Der Ellwanger Bahnhof ist nicht barrierefrei ausgebaut, insbesondere an Gleis 2 wird es extrem schwierig. Doch am Sonntag genügte ein Anruf vom Bahnhof zum Lokführer, eine Zugbegleiterin half Matthias in den Zug und auf der Rückfahrt war eine Rampe zur Stelle.

In Aalen suchte sich Kümpflein eine Stelle mit guter Sicht. Als Rollifahrer sei man gewöhnlich darauf angewiesen, dass die „Großen“ vorne einen Platz freimachen. Doch als Matthias die überdachte Tribüne sah, fragte er einfach, ob er dort rauf könne.

Er durfte und bemerkte erst als Landtagsabgeordnete und Honoratioren eintrafen, dass er auf der Ehrentribüne saß. „Der Landrat sagte, ich sei doch in Ellwangen im Integrationsbeirat aktiv. Da sei ich auch Ehrengast“, freute sich Matthias Kümpflein, der trotz Regen im Trockenen saß, beste Sicht hatte und immer wieder gefragt wurde, wo eigentlich sein Betreuungspersonal sei.

„Ich brauche keins“, war seine Antwort. Als er mal dringend musste, rollte er zu den Maltesern und bat um eine Urinflasche. „Da war der Bann gleich gebrochen, die freuten sich und sagten, sie helfen gerne. Das sei ihnen viel lieber, als sich um Betrunkene zu kümmern.“

Die unkomplizierte Zuversicht, mit der Matthias Kümpflein auf andere Menschen zugeht, ebnet ihm den Weg, wo immer er auch hinkommt. „Irgendjemand ist immer da und hilft mir“, das ist seine feste Überzeugung.

Er ebnet den Weg für andere

In Ellwangen kennt ihn jeder, weil er überall dabei ist. Und weil er überall dabei ist, ebnet er den Weg für andere mit Handycap. Die Veranstalter sind dankbar dafür, dass ihnen Matthias Kümpflein zeigt, wo ein guter Platz für Leute mit E-Rollstuhl ist und welche Rampe noch sicher befahrbar ist.

Dank ihm sind bei jedem Festzug in Ellwangen mittlerweile in erster Reihe Plätze für Rollstühle reserviert. Dank ihm gibt es praktisch kein Konzert, kein Theater, kein Fest mehr, bei dem nicht ein barrierefreier Zugang angelegt ist. Weil man weiß: „Der Matthias kommt auf jeden Fall.“

23 Jahre ist es jetzt her, dass Matthias Kümpflein nach Ellwangen kam. Geboren ist er in Wassertrüdingen, die Schulzeit verbrachte er in der Konrad-Biesalski-Schule in Wört. Doch mit 19 war die Schule vorbei und seine Perspektiven auf ein selbstbestimmtes Leben waren gering: Ein Heim für Menschen mit Behinderung, etwa im Rabenhof, nichts anderes gab es damals.

Doch seine ehemaligen Lehrer, Thomas Buchholz und Volker Grab, heute Bürgermeister in Ellwangen, waren der Ansicht, es müsste auch eine Wohnmöglichkeit für Menschen mit Behinderung mitten in der Stadt geben. Egon Bertenbreiter, damals Geschäftsführer der Baugenossenschaft, machte mit und so entstand in der Badgasse die WG mit Betreuung, in der Matthias Kümpflein bis heute lebt.

Hier mitten in der Stadt, mitten unter den Menschen, hat er sich ein Netzwerk aufgebaut, über das man nur staunen kann. Er kennt sie alle, die Gastronomen, Einzelhändler, Veranstalter, Kommunalpolitiker. Kommt Matthias in den „Roten Ochsen“ zum Mittagessen, dauert es nicht lange, bis andere bei ihm am Tisch sitzen. Die Bedienung bringt ihm sein Menü mundgerecht geschnitten, so wie er es braucht. Kommt er in den Einkaufsmarkt, holt die Verkäuferin ihm die Dinge aus den Regalen.

Matthias Kümpflein lebt Inklusion und sein Lebensmut ist Vorbild für viele, die ein ähnliches Handycap haben. Über eine WhatsApp-Gruppe vernetzt, werden gemeinsame Aktivitäten geplant und nachts rufen sie das Kocher-Taxi in Hüttlingen, das einzige, das die schweren E-Rollstühle transportieren kann.

„Meine Arbeit ist denken“ sagt er und erzählt vom Inklusionsbeirat, dem „Sommer in der Stadt“ und der Landesgartenschau GmbH, die er berät. Mit dem Inklusionsbeauftragten Fabian Gmeiner plant Kümpflein einen Workshop für Vereinsverantwortliche und mit Reiner Gruber ein Benefizkonzert für die deutsche Krebshilfe, weil gerade so viele an Krebs erkranken. „Anderen geht es viel schlechter als mir. Ich habe alles, was ich brauche“, sagt er. Daneben erledigt er mit seinem Rollstuhl Botendienste, verteilt Plakate und Flyer in der Stadt.

Gibt es nichts, was ihm fehlt?

Gibt es nichts, was ihm fehlt? Schwimmen, reiten, Trompete spielen? „Ich spiele mit bei inclusiv-exclusiv in der Musikschule, das Ensemble, das Moritz von Woellwart gegründet hat.“

Das Schöne ist: Matthias Kümpflein hilft mit der Art, wie er mit seinen Einschränkungen umgeht und seinem Leben trotzdem Qualität verleiht sogar denen, die gar keine Behinderung haben. Er vermittelt einen alternativen Blick auf das, was Leben eigentlich bedeutet.

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