VonAlois Ostlerschließen
Davon konnten die Arbeiter vor 100 Jahren nur träumen: Bei prächtigem Sommerwetter ist am Dienstag an den Baubeginn des Walchenseekraftwerks erinnert worden. Dabei wurde deutlich: Das Industriedenkmal ist noch immer ein Vorzeigeobjekt.
Kochel am See – Das Interesse am Walchenseekraftwerk ist ungebrochen. Schon während der Anfangszeit kamen die Münchner in Scharen mit dem Zug an den Kochelsee, um sich die Baustelle anzuschauen. 100 Jahre später besuchen jährlich rund 100 000 Gäste das Industriedenkmal in Altjoch.
Das soll so bleiben. Denn: „Wir wollen das Kraftwerk auch nach 2030 weiterbetreiben“, sagte Dr. Klaus Engels. Der beim Energieversorger Uniper für die Wasserkraft zuständige Direktor machte deutlich, dass es sich „herumgesprochen hat, dass die Wasserrechte in gut zehn Jahren auslaufen“. Darüber werde ja neuerdings immer mehr öffentlich diskutiert.
Bei der kleinen Feierstunde auf der Aussichtsterrasse vor dem Wasserschloss hoch über dem Kraftwerk versicherte Engels, dass Uniper großes Interesse an dem Kraftwerk habe. „Wir sind uns aber bewusst, dass die künftige Bewirtschaftung nicht ohne Kompromisse möglich sein wird.“ Zugeständnisse bei den Eingriffen in den Naturhaushalt funktionieren laut Engels aber nur, „wenn wir das Wasserkraftwerk weiterhin wirtschaftlich betreiben können.“ An der Anlage stünden einige Investitionen an. Die sind laut Uniper-Chef nur zu leisten, „wenn wir entsprechend gut verdienen“.
Über 2000 Arbeiter waren am Bau beteiligt
Den Verdienst hatte damals auch Oskar von Miller im Auge. Mehr noch: Der Vater des Walchenseekraftwerks wollte, dass Elektrizität zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur ein Privileg für die Großstadt ist, sondern jedes Dorf erreicht. „Dem Wasserkraftpionier haben wir es zu verdanken, dass Bayern damals den Sprung vom Agrar- zum Industrieland schaffte“, sagte Dr. Elisabeth Tworek in ihrem Festvortrag vor den geladenen Gästen. Die Leiterin der Kulturabteilung des Bezirks Oberbayern beleuchtete in ihrer Rede den kulturellen Kontext jener Zeit, in dem die Idee zum Walchenseekraftwerk Gestalt annahm. Tworek erinnerte dabei an die damaligen Schriftsteller und Künstler, wie Lion Feuchtwanger, Ödön von Horváth, Max Beckmann und Lovis Corinth. Bemerkenswert ist laut Tworek, dass Corinths Walchensee-Jahre mit der Bauzeit des Kraftwerks (1919 bis 1924) zusammenfielen – die ihm großen Ruhm einbrachten. „Jeder Berliner wollte ein Walchensee-Bild“, schrieb der berühmte Impressionist in einem Tagebucheintrag.
Interessant wäre sicher auch gewesen, was sich die über 2000 Arbeiter und Ingenieure damals notiert haben. Sie mussten unter für die heutige Zeit wohl unvorstellbaren Mühen die schweren Bauteile wie Rohre, Turbinen und Generatoren herbeischaffen. Der Spatenstich fand bereits im November 1918 ohne großes Aufheben statt, als die Arbeiten für den 1,2 Kilometer langen Kesselbergstollen in Angriff genommen wurden. Dieser Abschnitt gestaltete sich gar als der schwierigste Teil der Baustelle, weil das Wasser des Walchensees die Baugrube in Urfeld zu fluten drohte. Zeitweise bis zu 500 Mann plagten sich an diesem Einlaufbauwerk zum Wasserschloss.
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