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Es ist ein Leben am Limit: Michael Rung fährt mit dem Einrad Berge hinab. In diesem Sommer von 13 Gipfeln über 3000 Meter. Das hat außer dem Wahl-Mittenwalder noch niemand geschafft.
Mittenwald – Angekommen. Ohne Bahn. Michael Rung steht mit seiner Freundin Maike Kimmel am Gipfel des Unterrothorns nahe Zermatt. Auf 3104 Metern Höhe. Eingekesselt von Bergen, eingehüllt von Stille. Bis dröhnende Rotorblätter die Ruhe durchbrechen. Der Heli setzt Mountainbiker ab. Sie wollen von ganz oben nach ganz unten fahren. Fast so wie Rung. Nur hat er nur einen Reifen.
Der Aschaffenburger, 36, blonde Dreadlocks, ist Einrad-Profi. Spezialisiert auf Bergabfahrten, Downhills, wie es im Fachjargon heißt. Vor elf Jahren hat Rung den Extrem-Sport für sich entdeckt. Ein Rennrad-Spezl zeigte ihm ein Video. Sofort stand fest: Das muss er testen. Schon ging’s los, im Spessart, auf Trails durch den Wald. Die Leidenschaft war geweckt – und „Aschaffenburg wurde zu flach“.
2015 zog das Paar um. Unters Karwendel, nach Mittenwald. Ein Paradies für Naturliebhaber, wie Rung den Ort und die Region nennt. Dort feilte er an seiner Technik, trainierte fünfmal die Woche. „Am Anfang war’s ein Brocken, die Wege – happig“, sagt er. „Anspruchsvoll und sausteil.“ 30, 40 mal übte er teilweise an einer Stelle, baute Paletten auf oder suchte Steine an der Isar, um das Hüpfen mit dem Einrad zu perfektionieren.
Spontane Idee im Urlaub
Rung wagte sich ins heimische Gebirge. Reither- und Schöttelkarspitze, Zäunelkopf und Sonnenjoch – alle abgehakt. Mehrfach. Seine Hausrunde ist das Dammkar mit Ochsenboden. Dort hat er gelernt, Spitzkehren zu fahren. Das beherrscht er heute, drei Jahre nach seinem Umzug. Wie auch jede noch so schwere Technik. Der Wahl-Mittenwalder ist ein Meister der Balance, eine Kraftmaschine. Rung sagt selbst: „Kondition ist meine Stärke.“ Anders hätte er seinen Sport nicht so auf die Spitze treiben können, wie er das in diesem Sommer getan hat.
Das Paar nahm sich eine Auszeit vom Alltag. Für zwei Monate. Die beiden starteten einen Trip in die Westalpen, wollten Hochtouren gehen, Rung runterradeln. Spontan entstand die Idee für ein Projekt. Damit sollte er in der kleinen Einrad-Szenen Heldenstatus erlangen.
13 Gipfel zwischen 3000 und 3700 Metern stieg er zu Fuß hoch und fuhr hinab. Vom Piz Umbrail, Grande Sassiére, Mont Avril bis hin zum letzten Einrad-Ritt vom – passenderweise – Dreizentenhorn. „Da waren ein paar Erstbefahrungen dabei.“ Der Unterfranke wusste nur von drei Gipfeln, die bereits mit dem Mountainbike befahren worden sind.
Freundin Kimmel begleitete ihn zu Fuß. Auf jeder Tour. Schaute zu, wie er über Geröllfelder und steile Abhänge balancierte, wie er von Stein zu Stein sprang. Filmte und fotografierte sein Leben am Limit. „Nur einmal hab’ ich die Augen dabei zugemacht“, sagt die 35-Jährige. Sie vertraut ihrem Partner, wie er seinem Körper. „Er hört auf, wenn er merkt, dass es ihm nicht gut geht“, betont die Yoga-Lehrerin. Sie sieht ihren Lebensgefährten nicht als Adrenalinjunkie. Sondern als jemanden, der seine Grenzen austestet. Bei schwierigen Passagen steigt Rung ab, inspiziert die heikle Stelle und entscheidet, ob sie mit dem Einrad machbar ist. Von zwei Abfahrten der insgesamt 15 erklommenen Gipfel ließ er komplett die Finger. Auf seine Vernunft verlässt sich Kimmel.
Einmal hat ihn der Baum gebremst
Ein unnötiges Risiko geht Rung, der seit eineinhalb Jahren auf der Palliativ-Station im Klinikum Garmisch-Partenkirchen arbeitet, nicht ein. Er hat Respekt vor den Bergen, würde nie eine Strecke wählen, bei der enorme Absturz-Gefahr herrscht. Nicht an eine Stelle kann er sich erinnern, bei der er von „Glück“ sprechen müsste, dass ihm nichts passiert ist. Zumindest nicht bei der 13-Gipfel-Mission. Einmal, bei einem Trail am Gardasee, sagt Kimmel entspannt, habe ein Baum richtig gestanden. Er bremste ihren Partner.
Stürze? Gehören dazu, sagt Rung. Verletzungen? Zu vernachlässigen. Die schlimmste war ein Mittelkapsel-Problem am Finger. Sonst gab’s nur Kratzer oder blaue Flecken, die Tattoos der Einradfahrer.
Dabei bestreitet der Profi die Touren ohne Streckeninfos, nur mit Karte. Der Aufstieg ist für ihn wie eine Art Lebensversicherung. In dieser Zeit fokussiert er sich auf den Weg, speichert jede Gefahrenstelle ab. „Das Hochgehen ist wie Meditieren“, sagt Rung. Manchmal spürt er dabei so etwas wie Angst. Die verfliegt am Gipfel. „Dann weiß ich, dass ich’s steuern kann.“ Dass er sein Schicksal in den eigenen Händen hält.
Die Szene feiert ihn für sein Abenteurer. Er und seine Freundin dachten nach der Leistung nur ans Essen und Schlafen. Wie nach jedem der 13 Gipfel. Jeder einzelne kostete Rung Kraft, vor allem in den Oberschenkeln. Er legte Ruhephasen ein. Die letzten vier absolvierte er aber in fünf Tagen. Am Ende „war ich gesättigt vom Einradfahren“. Nach Mittenwald kehrte der 36-Jährige am 13. August zurück – und schlief erst einmal drei, vier Tage.
Jetzt hat sich Rung erholt, ist seit seinem Projekt Teamfahrer bei einem deutschen Einradhersteller – und plant mit seiner mentalen Stütze, seiner Freundin, die nächsten Ziele: das Atlas-Gebirge und die Anden, vielleicht mit Befahrung des Chachany in Peru mit 6075 Metern. Rung sagt: „Alles beginnt mit einem Traum.“
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