VonChristina Jachert-Maierschließen
Wenn am Sonntag der Rottacher Rosstag zum 50. Mal über die Bühne geht, ist nicht nur viel Historisches zu sehen, sondern auch eine junge Generation von Fuhrleuten mit großem Können.
Rottach-Egern – „Die Jungen sind wieder Rosserer“, freut sich Bruno Six (73). „Die spannen wieder ein und haben gute Wagen.“ Vier Zehnerzüge werden beim 50. Rosstag zu bewundern sein. Dies zeigen zu können, erfordert beträchtlichen Aufwand. Pferdebesitzer müssen sich zusammenschließen und gemeinsam üben. Meist in Wildbad Kreuth, denn es braucht eine sehr große Wiese. Und großes Können, um zehn Rösser zu dirigieren. „Aber wir haben ein paar richtig gute Fahrer dabei“, weiß Six.
Keiner könnte das besser beurteilen als er. Six war im Landwirtschaftsamt von Berufs wegen 25 Jahre lang für Fragen der Pferdezucht in Bayern zuständig, als Vielseitigkeitsreiter sehr erfolgreich und führt mit seiner Familie seit 1986 den Straußenhof in Waakirchen. Als Kommentator ist er auf vielen großen Pferdesport-Veranstaltungen gefragt, aber der Rottacher Rosstag liegt ihm ganz besonders am Herzen. Gemeinsam mit Co-Moderator Florian Maier wird Six am Sonntag die Gespanne und Reiter vorstellen. 125 Zugnummern sind für den Rosstag 2019 verteilt, etwa 80 davon gehören zu Kutschen und Wagen. Six kennt sie alle bestens – und er wirkt auch bei der Auswahl mit. „Wir möchten beim Rosstag eine möglichst große Palette von Fahrzeugen zeigen“, erklärt Six. Almkarren, alte Römerwagen, Bauernwagen, Kutschen, Chaisen, Landauer und was es sonst noch so gibt.
Rosstag Rottach-Egern: Moderator Bruno Six ist Experte
Six selbst hat ein Faible für historische Kutschen. Etwa zehn stehen in einer Scheune im Straußenhof. Echte Prachtstücke wie der sechssitzige Jagdwagen aus dem Jahr 1892, der einst für Max Graf von Drechsel gebaut wurde, damals Eigentümer des Kanzlerhofs. Six hat ihn originalgetreu restaurieren lassen. „Der stand total versifft am Kanzlerhof“, erinnert er sich. Auch ein eleganter Phaeton mit hohem Dach und ein schneller Spider gehören zu seiner Sammlung.
„Jede Kutsche hat ihre Geschichte“, weiß Six. Ganz nach Wunsch des späteren Eigentümers wurden die Gefährte gefertigt, für Fahrten zur Jagd oder zur Oper, mit Bediensteten und herausgeputzten Damen oder für sportliche Alleingänge. Allesamt waren sie Unikate – und sehr teuer. „Der Wert war damals der eines Einfamilienhauses“, erklärt Six.
Etwa ein Dutzend historische Kutschen wird Six beim Rosstag vorstellen können: „Das sind die Schmankerl.“ er. Den Kutschern verlangen die alten Chaisen viel ab. Sie zu fahren, ist eine Kunst: Die linke Hand für die Zügel, die rechte an der Bremse.
Rosstag in Rottach-Egern: Junge Rosserer mit Hochleistungskutschen
Genügend Gefährte für einen respektablen Rosstag zu finden, war einige Zeit lang nicht einfach. „Die Bauern haben nicht mehr eingespannt“, weiß Six. Ein Pferdegespann bedeutete Arbeit, die man sich nicht mehr machen musste. Doch die jüngere Generation hat die Freude am Fahren mit wenigen Pferdestärken wieder entdeckt. Dies aber mit modernen Kutschen, technisch ausgefeilten Fahrzeugen für den Leistungssport.
Den Übergang vom Traditionsfahren zum modernen Kutschfahren – ein Turniersport – will Six bei diesem Rosstag besonders herausstellen. Es ist der 50.. Ein Jubiläum also, allerdings ein Verschobenes. 2018 war ein großer Jubiläums-Rosstag geplant, der jedoch wegen Regen ausfallen musste. Heuer dürfte sich Petrus den Prognosen zufolge gnädiger zeigen. Als besonderen Höhepunkt präsentiert Six auf der Festwiese keine Hommage an die Geschichte, sondern eine sportliche Herausforderung: eine gerittene und gefahrene Quadrille der Haflinger Genossenschaft Oberland.
Rottacher Rosstag: Der Zeitplan
ab 10 Uhr Musik an der Rottacher Kuranlage; ab 12 Uhr Festzug von der Ganghofer Straße zum Festplatz nach Enterrottach über den Gsotthaberhof; gegen 13 Uhr Pferdesegnung an der Roßkapelle in Ellmau, ab 14 Uhr Präsentation aller Gespanne, Kutschen und Reiter am Festplatz in Enterrottach. Kostenloser Pendelbus zwischen Rottach/Postamt und dem Festplatz in Enterrottach. Eintritt: drei Euro.
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