Das Geretsrieder Schulzentrum feiert sein 50-jähriges Bestehen. Zwischen 1970 und 1972 entstanden die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium.
Geretsried – Schon Mitte der 1960er- Jahre waren die Bürger der aufstrebenden Stadt Geretsried überzeugt: Wir brauchen ein eigenes Gymnasium, damit unsere Kinder nicht mehr jeden Tag nach Bad Tölz pendeln müssen. Die Stadtverwaltung sah das damals genauso. Die Stadtortfrage war schnell geklärt: Geretsried stellte dem Landkreis als Träger der staatlichen Gymnasien ein Waldgrundstück an der Adalbert-Stifter-Straße für den symbolischen Preis von einer Mark zur Verfügung.
Zum Schuljahr 1971/72 fingen am neu gebauten Gymnasium 317 Mädchen und Buben an. Zusammen mit der 1970 gegründeten staatlichen Realschule bildete das Gymnasium das „Schulzentrum Geretsried“. Bereits mit dem Beginn des Schuljahres 1969/70 entstand aus der evangelischen Bekenntnisschule die Hauptschule in der alten Stifter-Schule mit 420 Schülern in zwölf Klassenräumen, die in Schichten unterrichtet wurden. Die Schule führte Rektor Karl Mayer.
Drei Schulen, ein Jubiläum: Großes Fest am Geretsrieder Schulzentrum
Die heutige Stadträtin Beate Paulerberg erinnert sich: 1970 waren im Saal des Isarau-Gebäudes zwei Klassenzimmer ausgelagert. „Dort ging ich jeden Tag hin. Wir waren damals nach Konfession und Geschlecht getrennt.“ Die Buben waren im evangelischen Gemeindehaus. „Unsere Lehrer fuhren den ganzen Tag mit dem Radl von einem Standort zum anderen“, sagt die ehemalige Schülerin. Für das jetzige Hauptschulgebäude, das die Stadt in den kommenden Jahren generalsanieren und erweitern will, wurde 1972 der erste Spatenstich vorgenommen; im Januar 1974 begann der Schulbetrieb.
Der Versuch einer kooperativen Gesamtschule
Ein wichtiges Kapitel am Schulzentrum startete 1971 mit dem Schulversuch „Kooperative Gesamtschule“. In diesem Jahr wurden in ganz Bayern 18 Versuche mit Gesamtschulen gestartet, einer davon in Geretsried. Im Gemeindesaal der Petruskirche sei mehrere Abende lang heftig über das Für und Wider des Experiments diskutiert worden, schreibt der erste und langjährige Direktor des Gymnasiums, Harald Schiel, in der Geretsrieder Chronik „Eine Doppelschwaige wird Stadt“. Es gab eine sogenannte Orientierungsstufe, das heißt eine gemeinsame fünfte und sechste Klasse für alle damals 1000 Schüler. So gewannen diese Zeit, sich für Gymnasium, Realschule oder Hauptschule zu entscheiden. Die Realschule begann damals ohnehin erst mit der siebten Klasse.
Dietmar Baumeister, 29 Jahre lang stellvertretender Leiter des Gymnasiums, bewertete den Versuch in einem früheren Gespräch mit unserer Zeitung als „ganz hervorragend“, nicht nur aus Integrationsgründen, sondern auch was die Ausbildungsqualität betraf. Die Durchfallquoten in den siebten und achten Klassen seien zurückgegangen, und die Abiturnoten seien immer besser als der Landesdurchschnitt gewesen. Die Hauptschul- und Gymnasiallehrer arbeiteten während des Versuchs eng zusammen. Am Nachmittag wurden schulartübergreifende Neigungsgruppen angeboten. Bis zu 1000 Schüler belegten einen der etwa 60 angebotenen Kurse – von Astronomie über Filmen, Musizieren und Theaterspielen bis hin zu verschiedenen Sportarten.
„Es wurde mit Herz und Hand gearbeitet, und das wurde uns von den Lehrern vorgelebt“
Christine Venus-Michel, ehemalige Gymnasiastin und heute Rektorin der Realschule, denkt gerne an den freiwilligen Nachmittagsunterricht zurück: „Ich war unter anderem beim Töpfern und sang im Chor. In diesen Kursen kam es nicht nur auf den Verstand an. Es wurde mit Herz und Hand gearbeitet, und das wurde uns von den Lehrern vorgelebt.“ Venus-Michel schwärmt vom „Spirit“ des Geretsrieder Gymnasiums. Geprägt von diesen Erfahrungen versuche sie als Realschulleiterin ebenso, neue pädagogische Wege einzuschlagen – Stichwort Lerninseln – sowie das soziale Engagement (Afrika-Hilfe) der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Großes Ansehen genoss die Realschule unter Ex-Rektor Peter Halke, der sie über 17 Jahre führte. Während dieser Zeit wurde die Schule auch sechsstufig.
Trotz der überaus positiven Ergebnisse des Gesamtschulversuchs, entschied die bayerische Staatsregierung 1992, ihn zu beenden. Die drei Schularten entwickelten sich dennoch jeweils zum Positiven weiter. Die Adalbert-Stifter-Hauptschule erfuhr 1995 eine besondere Aufwertung, indem dort ein freiwilliges zehntes Schuljahr (M-Zug) eingeführt wurde. Die Schüler können seitdem den der Realschule gleichgesetzten Abschluss der Mittleren Reife erlangen. Seit 2010 gibt es eine offene Ganztagesbetreuung, die vom Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit geleitet wird. 2011 fusionierten das Karl-Lederer-Haus und das Stifter-Haus unter der damaligen Rektorin Eva-Maria Hörmann zur „Mittelschule Geretsried“. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich das Unterrichten in zwei Schulhäusern eingespielt. Rektor Florian Kropius legt neben Respekt und Toleranz Wert auf Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, Selbstständigkeit und Einsatzbereitschaft. Sie seien in der heutigen Zeit ebenso wichtig wie eine fundierte Allgemeinbildung, sagt er.
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Ein besonderer Geist und jede Menge Baustellen
Nach einer ersten baulichen Erweiterung 2009 fand an der Realschule 2016 eine umfangreiche Kernsanierung statt, welche die Einteilung in Lerninseln sowie Lernwerkstatt beinhaltet und somit auch in der räumlichen Gestaltung dem pädagogischen Konzept der Schule gerecht wird. Seit dem Schuljahr 2010/2011 werden von der siebten bis zur neunten Jahrgangsstufe im sogenannten „Bilingualen Zug“ die Fächer Geschichte, Erdkunde und Musik auf Englisch unterrichtet, und die jeweilige Klasse hat eine Stunde mehr Unterricht im jeweiligen Fach. Musikinteressierte Schülerinnen und Schüler können seit 2011 in den fünften und sechsten Klassen Gitarre erlernen oder im Chor singen. Die Realschule ist „Fair Trade Schule“.
Das naturwissenschaftlich-technologische und neusprachliche Gymnasium unter der Leitung von Christoph Strödecke besuchen aktuell knapp 1000 Schüler. Wegen des starken Zustroms wurde die Schule mehrfach erweitert. 2011 entstanden zehn zusätzliche Klassenzimmer für die Oberstufe und drei Informatikräume. Der Geist der Kooperativen Gesamtschule lebte unter den Direktoren Georg Mühlbauer und Dr. Hermann Deger weiter. Es wurde und wird bis heute nicht der reine Lehrstoff in den Vordergrund gestellt, sondern der sich entwickelnde, junge Mensch.
Seit dem Schuljahr 2016/17 wird von der fünften bis zur neunten Jahrgangsstufe in Lernlandschaften unterrichtet, einem Konzept, das auf Schüleraktivierung, selbstständiges Arbeiten und kooperative Lernformen abzielt. Eine große Anzahl an Wahlkursen wie verschiedene Sportgruppen, Schulhausgestaltung, Schülerzeitung, Filmgruppe, Robotik, Bigband und Theatergruppe stehen bereit. Seit 2008 unterstützt das Gymnasium eine Partnerschule in Nepal.
2009 wurde die gemeinsame Mensa mit der Realschule eingeweiht. Seit Mitte 2016 wird das Gymnasium vom Landkreis generalsaniert und gleicht einer Großbaustelle. Voraussichtlich beendet sein sollen die Arbeiten 2024.
Das Festprogramm am Dienstag, 26. Juli
Mit einem Festakt für geladene Gäste wird am Dienstagvormittag, 26. Juli, das 50-jährige Bestehens des Schulzentrums Geretsried gefeiert. Am Nachmittag ist dann die breite Bevölkerung zum Jubiläumsfest auf dem Gelände des Gymnasiums und der Realschule eingeladen. Von 15 bis 20 Uhr gibt es ein umfassendes Unterhaltungsprogramm: Es werden Theaterstücke gezeigt. Bei Führungen gibt es unter anderem Informationen über Nistkästen und den neuangelegten Schulgarten. Kunstausstellungen sind zu sehen, Aktionen regen zum sportlichen Mitmachen an, zum Beispiel auf der Gorilla-Skatebahnrampe. Ferner treten die Chöre sowohl des Gymnasiums und der Realschule auf, die Bigband sowie die Bläserklassen und -ensembles geben Konzerte. Und es werden tänzerische und akrobatische Showeinlagen gezeigt.
Jede Klasse wie auch Schülerinnen und Schüler aus den Willkommensklassen haben etwas für das Fest vorbereitet – ob Spiele, Präsentationen, kreative Aktionen oder kleine Köstlichkeiten. Für manche Aktion wird ein kleiner Kostenbeitrag erhoben, als Spende für die jeweiligen Schulprojekte, das heißt für das Gymnasium das Nepalprojekt. Darüber hinaus gibt es einen Zeitstrahl der Geschichte des Gymnasiums, man kann sich mit ehemaligen Lehrern und Schülern austauschen und in den Ergebnissen der „Zukunftswerkstatt“ sehen, wie die heutigen Schülerinnen und Schüler die Zukunft des Gymnasiums sehen.
Wenn die Aktionen um 19 Uhr enden, beginnt das einstündige Konzert von Cicos Jazz Orchester, das den ereignisreichen Tag musikalisch abschließen wird. Die Elternbeiräte und die SMV des Gymnasiums und der Realschule sowie die Q11 kümmern sich um das leibliche Wohl.
Tanja Lühr
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