- VonElisabeth Kirchnerschließen
Eine Alpenüberquerung zu Pferde wagen jetzt zwölf Reiter aus dem Chiemgau. Auf ihrer Rast in Sachrang berichten sie, wie sie mit ihren Pferden die etwa 200 Kilometer lange und beschwerliche Strecke schaffen wollen.
Aschau im Chiemgau – Dass man auf Schusters Rappen oder auf dem Fahrrad die Alpen überqueren kann, ist bekannt und beliebt. Doch es geht auch mit dem Pferd. Beispielsweise mit dem im Achental beheimateten Reitstall „equitours“. Inhaberin Jessica Emmerich und elf weitere Reiter aus ganz Deutschland sind am Freitag (20. Juni) in Rottau aufgebrochen. Dort liegt der Hoderhof, dort hat „equitours“ seine Pferde einstehen.
Am Nachmittag kam die Reitertruppe dann nach Sachrang. Über Kufstein, den Stimmersee, das Zillertal, das Pfitscherjoch und Sterzing geht es weiter zur Flecknerhütte am Jaufenpass und von dort an nur noch bergab nach St. Leonhard im Passeiertal. „Jeden Tag reiten wir 2,5 Stunden am Vormittag. Nach einer langen Rast für Reiter und Pferd geht es nachmittags noch mal 2,5 bis drei Stunden weiter.“
Jessica Emmerich bietet die Tour nicht zum ersten Mal an: „Wir haben feste Logis-Partner.“ Und doch wird alles – seien es Übernachtungsmöglichkeiten, Weidemöglichkeiten für die Pferde, Platz für den Transporter oder Rastplätze – vor jeder Tour noch einmal sorgfältig eruiert und geplant.
Ganz ohne Begleitfahrzeug geht es nicht: Jessicas Mann, Thomas Hütter, fährt den Begleitransporter mit ausreichend Heu für die acht Tage, kleiner Werkstatt und natürlich dem Gepäck. „Pferde brauchen keinen Reisepass“, sagt Jessica. „Aber sie brauchen eine Gesundheits- und Reisetransportzeugnis vom Veterinäramt, das wird auch überall streng kontrolliert.“ Den Mitreitenden hat der erste Reittag – von Rottau nach Sachrang – gut gefallen. Klar, keiner von ihnen ist Novize. Alle sind sie erfahrene Reiter, haben für ihre Bewerbung mehrtägige Reitertouren und Vorbereitungskurse absolviert.
Jessica führt die Gruppe an. Sie hat ihr eigenes Pferd dabei, auch zwei weitere Reiter haben ihre eigenen Pferde mitgebracht, alle anderen sitzen auf Pferden aus dem Stall vom Hoderhof, die die Reiter teilweise von früheren Touren kennen. Die Natur, die Ausblicke, die Wege abseits der großen Straßen und die Gemeinschaft – all das hätte ihr schon im vergangenen Jahr so gut gefallen, dass sie unbedingt nochmal mitmachen wollte, sagt Bettina (34) vom Ammersee.
Janne (39) ist eigens von Köln angereist. Die gebürtige Kielerin ist schon sehr gespannt, im vergangenen Jahr war sie erstmals auf einem Viertages-Trail mit „equitours“ unterwegs. Sie schätzt an Jessica, dass sie „so unfassbar ruhig und gelassen“ ist. Das müsse man auch, sagt die Horsemanship-Instruktorin, Pferdetherapeutin, Sozialpädagogin und zertifizierte Erlebnispädagogin bescheiden. Beim Reiten und speziell auf solch langen Touren seien eine gute emotionale Kontrolle und eine gute mentale Verfassung das A und O. Ganz zu schweigen von der physischen Verfassung.
Acht Tage werden sie unterwegs sein, acht Tage, an denen alle Reiter ihrem Pferd ein guter Leader sein müssen. Auch wenn es eine geführte Reitertour ist, ist jeder selbst für sich und sein Pferd verantwortlich.
Was ist eine Horsemanship-Instruktorin?
Eine Horsemanship-Instruktorin ist eine Fachfrau, die Reitern dabei hilft, eine tiefere, vertrauensvolle Beziehung zu ihren Pferden aufzubauen, basierend auf gegenseitigem Respekt und Verständnis. Sie lehrt Techniken, die auf natürlicher Kommunikation und Körpersprache basieren, um eine harmonische Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd zu fördern.
Eine so lange Reiterreise birgt durchaus Risiken: Das Pferd ist ein Fluchttier, dazu kommen noch die äußeren Einflüsse, seien es die Wege, der Verkehr oder das Wetter. Im vergangenen Jahr hatten sie sogar Regen und Schnee. Doch danach schaut es dieses Mal nicht aus: Die Wettervorhersagen verheißen Sonnenschein. „An der Wetterfront gibt es also hoffentlich keine Probleme“, lacht Jessica.
Genug erzählt. Jetzt heißt es wieder aufsitzen: Vom Ertlhof in Sachrang bewegt sich die Karawane nach Süden, über einen Feldweg geht es hinunter ins Kaisertal, immer mit Blick auf den Wilden und den Zahmen Kaiser. Reiter müsste man sein.


