Der Landkreis hat für rund 700 000 Euro Schutzausrüstung bestellt, für die Kliniken sind es mehr als eine Million Euro. Zum Glück wurden Masken, Schutzanzüge und dergleichen bisher nicht in Massen gebraucht. Die Lage kann sich mit nur einem Ausbruch in einem Altenheim grundlegend ändern.
Landkreis – Was der Berliner Virologe Prof. Christian Drosten für Deutschland ist, nämlich der mahnende Coronavirus-Erklärer, ist Dr. Thomas Weiler für den Landkreis Starnberg. Der Chef der Starnberger Kliniken ist Ärztlicher Leiter für vier Landkreise (neben Starnberg auch Landsberg, Dachau und Fürstenfeldbruck) und damit der Mann, der die Corona-Bekämpfung in Krankenhäusern zu organisieren hat. In der letzten Kreistagssitzung der Wahlperiode gestern in der Starnberger Schlossberghalle – nur dort kann der Mindestabstand bei 60 Kreisräten eingehalten werden – räumte Weiler mit Mythen auf, zeigte sich insgesamt aber vorsichtig optimistisch zur aktuellen Lage. Die allerdings ist fragil.
Pandemien, erklärte Weiler, habe es früher schon gegeben, vor 100 Jahren oder in den 1960ern. Es sei also keine Frage des „ob“, sondern des „wann“ gewesen. SARS und MERS waren ähnlich, aber bei Weitem tödlicher als das aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2. Weiler geht davon aus, die Sterblichkeitsrate (Letalität) bei etwa 0,5 Prozent bezogen auf die Gesamtzahl der Infektionen liegt – ein Wert, wie ihn auch Epidemiologen ansetzen. Die Grippe liege bei 0,2 bis 0,4, sagte Weiler. Deswegen liege SARS-CoV-2 auf dem Niveau einer Influenza, etwa der schweren Grippesaison 2016/2017. Für 80 Prozent der Bevölkerung sei das Virus relativ harmlos – aber nicht für die anderen 20 Prozent.
Gute Werte, aber Zahl der unentdeckten Infektionen weiterhin unklar
Dass Deutschland mit offiziell 3,6 Prozent Sterblichkeit vergleichsweise gut dastehe, sei eine Folge von früher Unterbrechung von Infektionsketten (Isolation Infizierter) und Hochfahren des Gesundheitssystems. „Das ist der entscheidende Punkt“, erklärte der Medizinier. So habe man Risikogruppen früh schützen können und sei nicht überrascht worden wie andere Länder. Staaten mit ähnlichen System und ähnlichem Stand des Gesundheitswesens hätten auch ähnliche Zahlen: Japan 2,7 Prozent, Österreich 3,2 Prozent.
Die Zahlen (3,6 Prozent für Deutschland) deuten im Vergleich zu den geschätzten Werten (0,5 Prozent) allerdings darauf hin, dass längst nicht alle Fälle entdeckt werden. Auch im Landkreis nicht. Wie hoch die Zahl unentdeckter Fälle ist, ist unklar.
Dass die Beatmung lebensgefährlich sei, sieht Weiler nicht. Vielmehr seien in einigen Ländern Patienten lange zu Hause geblieben und hätten sich dort gewissermaßen erschöpft, weil Covid-19 die Sauerstoffversorgung bremst, was hoch belastend für den Körper ist. Oft seien solche Patienten erst auf der Intensivstation angekommen, wenn sie zusammengebrochen waren. Weiler hält eine bessere Überwachung für geboten, auch durch Sensoren im Ohr eines Patienten – ein solches Projekt läuft gerade an. Die Fälle im Januar bei Webasto seien letztlich von Vorteil gewesen, weil man viel erfahren habe über das Virus. Die Betroffenen damals, von Patienten will Weiler wegen deren guten Zustands nicht sprechen, waren unter anderem im Klinikum Starnberg untergebracht.
Weiler sieht heuer keine Chance mehr auf Impfstoff
Weiler erwartet, dass die aktuelle Lage länger so bleibt: „Im Lauf des Jahres wird sich an der Situation nicht viel ändern.“ Mit einem Impfstoff rechnet er heuer nicht, wenn überhaupt. Es sei nicht sicher, dass ein wirksamer gefunden werde – für Aids gebe es auch keinen. Bei wirkungsvollen Medikamenten ist Weiler optimistischer. Es hält einen konsequenten Schutz der Risikogruppen für geboten, wobei manches moralisch oder rechtlich unmöglich sei. Eine „Durchseuchung“ – also der Zustand, wenn so viele Menschen die Krankheit überstanden haben und immun sind, dass es kaum noch neue Fälle gibt – würde bei der aktuellen Geschwindigkeit 56 Jahre dauern. „So funktioniert es nicht“, sagte Weiler. Also bleibe nur, die Welle zu verlangsamen, bis Medikament oder Impfstoff vorhanden seien. Möglich sei, dass das Virus im Sommer an Kraft verliere, zumindest im Freien. Es überlebe aber einige Zeit auf Oberflächen, in einem Fall bis zu neun Tagen. Auch auf Edelstahl – wie auf Türklinken – halte es sich lange. Deswegen Weilers Rat: „Handhygiene, Handhygiene, Handhygiene.“
Wie es mit der angeblichen Immunisierung durch andere Coronaviren stehe, wollte Kreisrätin Barbara Wanzke (Grüne) wissen. Darauf gebe es Hinweise, sagte Weiler, zumal man auch schon Fälle hatte, in denen eine Kontaktperson nach allen Regeln der Logik hätte infiziert sein müssen, es aber nicht war. Tests der Antikörper seien in der Erprobung, aber noch nicht zugelassen; es gebe auch mehrere Studien. Was manche als Test für 30 Euro anböten, hält Weiler für Unfug: „Da können Sie auch einen Schwangerschaftstest machen.“
Aufgestockte Intensivkapazitäten im Landkreis derzeit zu 50 Prozent ausgelastet
Die inzwischen aufgestockten Intensivkapazitäten im Landkreis seien derzeit zu 50 Prozent ausgelastet; ohne Aufstockung wären es 70 bis 80 Prozent. Der Landkreis sei mit seinen fast 1000 Krankenhausbetten in einer „sehr komfortablen Lage“. Die Kliniken insgesamt seien wegen des Stopps nicht erforderlicher Behandlungen nur zur Hälfte belegt. Stufenweise müsse man wieder zum Normalzustand kommen. Weiler stellt jedoch auch fest, dass viele in Krankenhäusern „Stätten des Bösen“ sähen und eine Ansteckung fürchteten. In Italien sei das auch so gewesen, in Deutschland „definitiv nicht“. Es gebe Fälle, in denen Patienten so lange gewartet hätten, dass sie bleibende Schäden davongetragen hätten.
Für die Verantwortlichen ist ein Fall gewissermaßen das Horror-Szenario: Wenn sich das Virus in einem Alten- oder Pflegeheim ausbreitet, was bisher im Landkreis nicht passiert ist. Dort könnten sich schnell 70 bis 80 Prozent der Bewohner infizieren, dann wären die Intensivstationen und die Beatmungsplätze schnell voll. Dass der Schutz älterer Menschen ein „gigantisches Thema“ sei, weiß Weiler selbst: Seine Mutter ist 87 Jahre alt. Diese Situation kennen auch einige Kreisräte. Diese drohende Gefahr wirkt sich bis in die Kliniken aus, in denen es beim Personal derzeit kein Problem gebe. Aber: „Die Mitarbeiter wissen nicht, was noch kommt.“ Überrollt werde man aber auch in diesem Fall nicht.
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