- VonLars Beckerschließen
Die Zahl rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten steigt rasant an. Trotzdem engagieren sich Menschen im Kampf gegen Rechts auch in der Region. Wie sind Ihre Erfahrungen und wie viel Angst müssen sie um Leib und Leben haben? Der OVB hat mit einer Aktivistin aus der Chiemsee-Region gesprochen.
Chiemsee – Wir sind zum Gespräch verabredet mit einer Frau, die sich gegen Rechts und für ein AfD-Verbot engagiert. Sie kommt aus einem bürgerlichen Milieu, radikale Kampf-Ideen einiger linker Antifa-Gruppierungen teilt die Aktivistin nicht. Das Motto der Kampagne „Herz statt Hetze“ trifft ihre Einstellung wohl am besten. Es ist verabredet, dass sie über ihre Erfahrungen bei Demonstrationen in der Region und im täglichen Leben berichtet. Mit ihrem Klarnamen und einem Foto von sich. Doch das Interview beginnt anders als erwartet.
„Kein Klarname, kein Foto“
Unsere Gesprächspartnerin hat vor dem Termin den Kontakt mit der Beratungsstelle für Betroffene rechtsextremer Gewalt in Bayern (B.U.D) gesucht. Die Abkürzung B.U.D. steht für Beratung, Unterstützung und Dokumentation. Die Empfehlung der dortigen Experten war klar: „Kein Klarname, kein Foto.“ Das ist schon der erste Hinweis auf die Beantwortung der Frage, wie es Menschen aus der Region geht, die sich aktiv gegen Rechtsextremismus engagieren.
Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in Deutschland 2024
Im Mai wurde die Jahresbilanz der Opferberatungsstellen für rechte, rassistische und antisemitische Gewalt veröffentlicht. Das sind die Hauptergebnisse:
- Anstieg von mehr als 20 Prozent bei rechten Angriffen.
- Täglich ereigneten sich im Jahr 2024 mindestens neun rechte Angriffe in 12 von 16 Bundesländern.
- Rassismus ist bei mehr als der Hälfte der Fälle das dominante Tatmotiv.
- Opferberatungsstellen registrieren einen dramatischen Zuwachs bei Angriffen auf sogenannte „politische Gegner*innen“ um 2/3 im Vergleich zum Vorjahr.
- Anstieg um mehr als 40 Prozent bei queerfeindlich motivierten Angriffen.
- Anstieg um 11 Prozent bei antisemitischen Angriffen.
- Insgesamt waren 4.861 Menschen von 3.453 politisch rechts motivierten Angriffen in Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen direkt betroffen.
Wir sprechen also an diesem Tag mit Yuni Hauser (Name geändert), die sich unter anderem in der Rosenheimer Ortsgruppe der deutschlandweiten Kampagne „Menschenwürde schützen, AfD Verbot jetzt!“ engagiert. Es gibt Ortsgruppen in vielen Städten, Rosenheim ist die kleinste. Die Einstufung der AfD als gesichert rechtsextrem durch den Verfassungsschutz hat der Aktion Aufwind verliehen. Aber eine Vorentscheidung im Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Deutschland ist das für Yuni Hauser längst nicht: „Das wird ein sehr langer Weg – und der Kampf um das AfD-Verbot ist nur ein Instrument im Orchester.“
So hat alles begonnen – und die ersten Drohungen folgten
Begonnen hat ihr Engagement eher zufällig. Vor inzwischen über einem Jahrzehnt fielen ihr immer wieder Geflüchtete in der Chiemsee-Region auf, die mit Supermarkt-Tüten vom Einkaufen zu Fuß auf dem Weg in ihre Unterkünfte in den Dörfern waren. Yuni Hauser nahm immer mal wieder welche mit in ihrem Auto und stellte dabei fest, dass sie noch nicht einmal Deutschunterricht bekamen. Sie begann sich für die Menschen mit Migrations-Hintergrund einzusetzen, half ihnen beispielsweise beim Ämtergängen: „Ich komme aus der karitativen Ecke und mir ging es einfach um Gleichbehandlung.“
Dann kam die Corona-Zeit und Yuni Hauser machte Front gegen die sogenannten „Schwurbler“ oder Querdenker. „Rechte Esoterik, identitäre Bewegung, rechtsoffene Personen oder die AfD – da waren viele dabei, die von der außergewöhnlichen Situation profitieren wollte“, erinnert sie sich. 2022 versuchte Hauser, die symbolträchtige Pflanzung einer Esche des Vereins „Unsere Verfassung“ an den Priener Schären zu verhindern. „Danach bekam meine Mutter daheim einen Anruf von einem Unbekannten, in dem sie zum Thema Geld ausgefragt wurde. Offenbar wollte da jemand herausfinden, welche Ressourcen mir zur Verfügung stehen“, erzählt sie.
„War eine kalte Dusche“
Es war das erste Mal, dass sie wirklich ins Nachdenken über die Folgen ihres politisches Engagement kam. „Es war wie eine kalte Dusche, das Gefühl der Sicherheit war weg, das ist immer schlimm. Natürlich habe ich mich gefragt, was passiert, wenn sie bei uns in der Tur stehen“, so Yuni Hauser. Sie habe offen mit ihrer Mutter gesprochen, doch die stärkte ihr den Rücken für ihr Engagement. Das ist die vielleicht wichtigste Lehre all ihrer Erfahrungen der letzten Jahre, die sie anderen mitgeben möchte: „Man sollte rechtzeitig mit seinem Umfeld besprechen, was die Liebsten bereit sind, mitzutragen.“
Bei Yuni Hauser wurde der Einsatz im Kampf gegen Rechts über die Jahre immer intensiver. Letzter Knackpunkt waren Anfang 2024 die Enthüllungen von „Correctiv“ über eine Konferenz bei Potsdam, in der über die im Rechts-Jargon als „Remigration“ bekannte Vertreibung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen wurde. Die Berichte lösten Massendemonstrationen in ganz Deutschland aus. Yuni Hauser war mittendrin – auch bei einer Demo von „Herz statt Hetze“ im September 2024 im Kloster Seeon.
Mord-Drohungen
Die Demonstranten wollten dort in der Debatte um eine stärkere Begrenzung der Migration ein Signal gegen Hass setzen – und wurden im zeitlichen Zusammenhang zu den Protesten offen bedroht. „Ich habe eine E-Mail mit der Absender-Adresse Deutschland den Deutschen bekommen. Darin stand: ‚Töten, Töten, Töten‘ – man sollte mich an die Wand stellen“, erzählt sie. Sie wirkt bewegt bei diesen Worten, hat Tränen in den Augen. Noch heute gruselt es Yuni Hauser, die glücklicherweise noch nie jemand in der Realität körperlich angegriffen hat, beim Gedanken an die Todes-Drohungen. Sie will sich trotzdem nicht von ihrem Kampf gegen Rassismus und Rechts abhalten.
Deshalb demonstrierte sie jüngst auch gegen eine AfD-Veranstaltung in Grassau. Mit durchaus gemischten Reaktionen bei den vorbeifahrenden Autofahrern. „Einige probieren aus, wie es ist, wenn man einen halben Hitlergruß macht. Andere zeigen den Vogel. Manche hupen aber auch als Anerkennung“, schildert sie: „Ich hoffe einfach, dass es etwas bringt, sich zu zeigen. Damit man auch anderen Mut macht, seine Meinung zumindest im privaten Rahmen zu zeigen. Damit wäre schon viel gewonnen.“ Dass inzwischen Hunderte zu Aktionen wie „Prien bleibt bunt“ oder anderen Aktionen für Vielfalt kämen, sieht sie schon als Erfolg.
Der Kampf sei aber längst nicht gewonnen – auch mit Blick auf die 2026 anstehenden Kommunalwahlen müsse man auch mit AfD-Sympathisanten friedlich reden: „Wir müssen ins Gespräch kommen in niederschwelligen Formaten: Ob nun beim Straßenfest, Waffel backen oder einem Fußballturnier.“ Sich in seine Bubble zurückzuziehen sei keine Lösung, ehrenamtliches Engagement gegen Rechts und Rassismus dringend nötig: „Trotz aller Anfeindungen – steter Tropfen höhlt den Stein.“
