Nach fast 60 Jahren als Vermieterin

Agnes Wohlmuth vom „Streidlhof“ geht in Ruhestand - und erinnert sich an Zeiten, als es noch ein Waschbecken für alle gab

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Blumen vom Bürgermeister: Werner Weindl überraschte Agnes Wohlmuth senior am Ende ihrer 58-jährigen Karriere als Vermieterin mit einem Blumenstrauß. Schwiegertochter Agnes und Sohn Josef hatten das Ganze eingefädelt.
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Am Ende ihrer Karriere als Vermieterin erinnert sich Agnes Wohlmuth aus Lenggries an Zeiten, als es noch Etagenduschen im Streidlhof gab und die Übernachtung zwölf Mark kostete.

 Lenggries – Für einen Eisbecher in der Marktstraße blieb nie Zeit, wenn Agnes Wohlmuth senior in Bad Tölz etwas zu erledigen hatte. Zuhause in Lenggries warteten immer die Gäste des „Streidlhofs“. Nun rückt der Traum von einem gemütlichen Nachmittag im Café in greifbare Nähe. Ende des Jahres geht Agnes Wohlmuth in Ruhestand – nach 58 Jahren als Vermieterin.

Berge von Wäsche hat die 86-Jährige in dieser Zeit gewaschen und nach der Arbeit im Stall abends noch gebügelt. Sie hat Unmengen von Brot gebacken und sich die Finger wundgeputzt. Vor allem aber hat sie unzählige interessante Charaktere kennengelernt. „Es hat mich immer fasziniert, mit Menschen zu sprechen“, sagt Agnes Wohlmuth. Das merkten auch die Gäste und erzählten ihrer Vermieterin bei einem Kaffee ihre Geschichte. „Das hat mich oft sehr berührt.“

Da gab es eine Psychologin aus Köln, die schwer an Krebs erkrankt war. Agnes Wohlmuth hörte ihr zu, fuhr sie auch mal zum Arzt, während der Ehemann der Frau sich um die drei Kinder kümmerte. Das Paar verbringt noch heute regelmäßig seine Urlaub auf den Streidlhof. Eine andere Familie aus Dresden kommt seit der Wende sogar zweimal im Jahr. Die Stadt-Kinder kamen hier zum ersten Mal in Kontakt mit Kühen und genossen die wunderschöne Natur. Inzwischen sind sie erwachsen, fallen der „Streidl“-Mutter aber noch heute um den Hals, wenn sie sie sehen. „Für sie ist das hier ein Stück Heimat geworden“, sagt Agnes Wohlmuth. Ein schöneres Kompliment gibt es für einen Vermieter wahrscheinlich nicht.

Ein Waschbecken mit Vorhang für alle

Agnes Wohlmuths eigene Wurzeln liegen in Sachsenkam. Als Magd verschlug es sie damals nach Wegscheid. Auf dem Weg in die Kirche oder nach dem Gottesdienst begegnete ihr immer wieder einem jungen Mann namens Josef Wohlmuth. „Es war sofort etwas zwischen uns.“ 1958 heiratete das Paar, 1961 übernahm es von Josef Wohlmuths Eltern den Streidlhof. Die junge Bäuerin wollte neben der Landwirtschaft eine weitere Einnahmequelle etablieren und hatte die Idee, Zimmer an Feriengäste zu vermieten. „Damals gab es in den Räumen noch kein Wasser“, erinnert sich Agnes Wohlmuth. Ein Waschbecken auf dem Flur mit zuziehbarem Vorhang – das war alles. Im Laufe der Zeit nahm der Komfort zu: In den 1980er Jahre wurden die Etagenduschen und -toiletten abgeschafft. Die Übernachtung kostete 1980 zwölf Mark. Heute verfügen alle sieben Ferienwohnungen und das Einzimmerapartment nicht nur über Duschen und WC, sondern auch über Flachbildfernseher und Gratis-W-Lan. „So ändern sich die Zeiten“, sagt Agnes Wohlmuth und lacht.

Die 86-Jährige ist begeistert vom Internet. Durch die Homepage des Streidlhofs kommen plötzlich Gäste aus den USA, Holland und Russland. „Das hätte früher kein Mensch zu träumen gewagt.“ Englisch spricht Agnes Wohlmuth zwar nicht. Eine Nachbarin aber hilft beim Dolmetschen. Und die Verständigung mit Händen und Füssen habe immer gut funktioniert.

Auch Olympia-Sieger frühstücken Brot

Einer der prominentesten Gäste in den vergangenen 58 Jahren war wohl der damalige CSU-Arbeitsminister Fritz Pirkl. „Das war ziemlich aufregend, weil auch seine Sicherheitsleute mit dabei waren.“ Zum Weltcup 1979/80 schlief außerdem Olympia-Sieger Francisco Fernández Ochoa unterm Dach der Wohlmuths. „Was so ein Skirennläufer wohl zum Frühstück will“, fragte sich seine Vermieterin im Vorfeld nervös. Beruhigt stellte sie fest: frisches Obst und das selbstgebackene Brot schmeckten dem Athleten genauso gut wie den normalen Gästen.

Ende des Jahres nun ist Schluss. Dann übergibt Agnes Wohlmuth die beiden Ferienwohnungen, die zuletzt sie betreut hat, an ihre Schwiegertochter, die zufällig ebenfalls Agnes heißt. „Man merkt schon, dass es Grenzen gibt, auch körperliche“, sagt die Lenggrieserin über ihre Beweggründe. Wehmut am Ende ihrer Karriere verspürt sie nicht. „Ich freue mich, dass alles so gut fortgeführt wird“, sagt sie. Traurig ist die 86-Jährige nur, dass sie den Ruhestand nicht mit ihrem Ehemann Josef verbringen kann. Er ist bereits 1994 gestorben, zusammen hatten sie fünf Kinder.

In Zukunft will die Vermieterin mit Leib und Seele trotzdem im Familienbetrieb helfen, wo sie kann. Mit 15 Enkeln und zehn Urenkeln wird es ihr aber sicher nicht langweilig. Außerdem will Agnes Wohlmuth Tagesausflüge machen – und endlich in Ruhe einen Eisbecher in der Tölzer Marktstraße genießen.

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