Aiwanger und CSU empören sich

Eklat um Lesung für Kinder: Jetzt sprechen die Drag-Künstler bei tz.de – „Frage mich, wovor man Angst hat“

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Die Drag-Künstler Eric BigClit und Vicky Voyage zeigen sich auf Instagram mit teils provokanten Fotos. In der Stadtbibliothek München lesen sie vor Kindern vor.
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Eine Drag-Lesung für Kinder in der Münchner Stadtbibliothek sorgt für harsche Kritik. Aiwanger spricht von „Kindswohlgefährdung“. Die CSU will die Lesung gleich verbieten. Jetzt äußern sich Eric BigClit und Vicky Voyage zu den Vorwürfen.

München – Eigentlich geht es um Aufklärung und um geschlechtliche Vielfalt, doch im Netz erntet eine Lesung derzeit Wellen von Hass: Die Stadtbibliothek München plant für den 13. Juni eine Veranstaltung, bei der zwei Drag-Künstler und eine Transfrau vor Kindern ab vier Jahren vorlesen. Das Thema trifft auf harte Kritik. Hubert Aiwanger, der Vorsitzende der Freien Wähler, spricht gar von „Kindswohlgefährdung“. Auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) nimmt eine ablehnende Haltung gegenüber der Lesung ein. Die CSU im Bezirksausschuss Bogenhausen fordert bereits ein Verbot der Lesung.

Auf der Website der Stadtbibliothek mutet das Angebot hingegen harmlos an. Bei „Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt“ soll es um Geschichten gehen, die mit Geschlechterklischees brechen. Auf Anfrage von tz.de reagieren sowohl die Stadtbibliothek als auch die zwei Drag-Künstler auf die Vorwürfe.

Drag-Lesung in der Stadtbibliothek München: Eric Big Clit äußert sich zu Vorwürfen

„Dass Menschen darüber besorgt sind, dass verkleidete Menschen Kindern aus Büchern vorlesen, verstehe ich nicht. Das macht traditionell auch der Nikolaus“, sagt Eric BigClit, der aus Österreich kommt, gegenüber unserer Redaktion. Auf Instagram bezeichnet er sich selbst als „Drag King Monster“ und präsentiert sich auch so: In extrem bunten, oft monströs und sexualisiert anmutenden Kostümen. Dass Politiker und Internet-Nutzer erschrocken auf solche Bilder reagieren, scheint auf ersten Blick durchaus nachvollziehbar.

Eric BigClit betont hingegen, dass es sich bei Instagram um eine Plattform mit Altersbeschränkung handle – der Rahmen sei entscheidend. Nach offiziellen Richtlinien ist Instagram erst ab 13 Jahren erlaubt. „Kinder haben dort nichts verloren. Als Künstler*in und erwachsener Mensch darf ich unterschiedliche Rollen an den passenden Veranstaltungen darstellen. Bei einer Kinderbuchlesung ist das zum Beispiel in einem Prinzen Kostüm mit Disney Büchern.“ Der Drag King kann nachvollziehen, dass einige seiner Kunstfiguren „einfach überfordern.“ Er versichert aber, „dass so etwas niemals bei einer Lesung dargestellt wird. Zu welchem Zweck auch“?

Drag-Künstler: „Ich bin menschlich und professionell geeignet“

Laut Beschreibung der Stadtbibliothek sollen die Geschichten unter anderem von „Jungs in Kleidern, Prinzessinnen mit ihrem eigenen Willen, den Farben Blau und Rosa“ handeln. Im Anschluss daran finde eine Austauschrunde mit den Vorlesenden statt. Eric BigClit fühlt sich durchaus qualifiziert dafür, Kinder mit den Themen Geschlechtsidentität und Vielfalt vertraut zu machen.

Münchner Stadtbibliothek: „Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt“

Die Draglesung für Kinder soll am 13. Juni ab 16 Uhr in der Stadtbibliothek Bogenhausen stattfinden. Vorlesen werden Drag Queen Vicky Voyage aus München, Drag King Eric BigClit aus Linz und die Transfrau und Jungautorin Julana Gleisenberg (13) aus dem Allgäu. Sie sollen in „farbenfrohe Welten“ mitnehmen, „die unabhängig vom Geschlecht zeigen, was das Leben für euch bereithält“. Vorgesehen ist die Lesung für Familien und Kinder ab vier Jahren. Der Eintritt ist frei.

Auf Anfrage von tz.de stellt auch die Stadtbibliothek klar: „Wir bedauern, dass die Künstler*innen-Namen der Beteiligten und die Berichterstattung in der Bild den Anschein erwecken, als würde ein Travestieprogramm für Erwachsene dargeboten. Dies war nie geplant.“
 

Der Drag King hat Soziale Arbeit studiert und arbeitet in Linz mit Jugendgruppen zusammen. „Ich wurde angefragt, weil ich selbst einen Drag Hintergrund mit vielen Rollen habe und auch aus der sozialen Arbeit und Jugendarbeit komme. Ich bin menschlich und professionell geeignet und habe Freude daran, Freude zu verbreiten.“

Vicky Voyage erklärt gegenüber tz.de, warum es ihr wichtig ist, als Drag Queen auch vor jungem Publikum aufzutreten: „Ich lese bereits regelmäßig bei der Erwachsenenshow Cabaret con Carne Kinderbücher mit queeren oder alternativen Blickwinkeln. Oft werde ich im Anschluss vor allem von Eltern gefragt, ob es dieses Angebot auch für Kinder gäbe.“ Sie sei selbst „total überrascht, dass die Kinderveranstaltung von Einzelnen zur Meinungsmache missbraucht und damit eine aus dem Kontext gerissene Diskussion entfacht wird“. Das Kostüm, was die Drag Queen aus München bei der Lesung tragen möchte, werde „wahrscheinlich eher Richtung Märchen gehen. Darum wird Freizügigkeit vermutlich keine Rolle spielen“.

Kritik von Politikern: „Das ist Kindswohlgefährdung und ein Fall fürs Jugendamt“

Vonseiten verschiedener Parteien hagelt es hingegen Kritik an der geplanten Lesung. „Vierjährige sollten mit Bauklötzen oder Knete spielen und nicht mit woker Frühsexualisierung indoktriniert werden“, schreibt Martin Huber, CSU-Generalsekretär, auf Twitter. Münchens Oberbürgermeister, Dieter Reiter (SPD), sagt auf Anfrage der Bild-Zeitung: „Ich habe für diese Art Programm kein Verständnis. [...] Ich würde mit meinen Enkeln nicht hingehen.“

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Aiwanger verwendet Halloween-Kostüm-Foto in Tweet gegen Drag-Queen-Lesung

Ebenfalls gegenüber Bild fordert Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) den Stopp der Veranstaltung. „Das ist Kindswohlgefährdung und ein Fall fürs Jugendamt, keine Weltoffenheit, wie es die Grünen verharmlosen.“ Über Twitter teilt er ein gruselig anmutendes Foto von Vicky Voyage, lässt jedoch außen vor, dass es sich dabei um ein Halloween-Kostüm handelt. Ein Nutzer kommentiert daraufhin unter dem Post der Drag Queen: „Ich frage mich, wovor man hier bei solch einer Lesung Angst hat. Geht vermutlich nur darum, einmal politisch Aufmerksamkeit zu bekommen und seine ‚extremen‘ Wähler etwas zu befeuern.“

Ein Artikel von Buzzfeed.de zeigt Bilder, auf denen sich gerade Politiker wie Aiwanger und Markus Söder selbst mit problematisch en Aussagen in der Öffentlichkeit präsentieren.

Sicht der Psychologie: Traumatisierung von Kindern sei unwahrscheinlich

Aus Sicht der Psychologie kommen in bisherigen Medienberichten verschiedene Standpunkte zum Ausdruck. Kinder- und Jugendtherapeut Dr. Christian Lüdke sagt gegenüber Bild: „Aus kinder- und jugendtherapeutischer Sicht finde ich das zu früh. Kinder beschäftigen sich bis zum 10. Lebensjahr mit Papa, Mama, Spielen und Freunden – erst mit 11, 12 Jahren treten sie in die Pubertät ein. Erst dann beschäftigen sie sich auch mit Sexualität und Geschlechteridentität.“ Er würde die Veranstaltung mit Vierjährigen nicht besuchen.

Auch in Österreich haben bereits Drag-Lesungen vor Kindern stattgefunden – und hier ebenfalls für einen medialen Aufschrei gesorgt. Der Standard befragte deshalb Caroline Culen, Psychologin und Geschäftsführerin der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Laut ihr nehmen nur Erwachsene einen Drag-Künstler direkt durch die Brille der Sexualität wahr. „Es gilt daher, Drag Queens aus Kinderaugen zu betrachten: Es sind wild geschminkte, bunt angezogene Menschen. Ohne jegliche Beurteilung.“ Sie sagt: „Dass Kinder durch eine Veranstaltung mit Drag Queens traumatisiert werden könnten, halte ich für sehr unwahrscheinlich.“

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