VonChristiane Mühlbauerschließen
Wo drückt Menschen mit Behinderung der Schuh? Was können Kommunen tun, um ihnen den Alltag zu erleichtern? Anlässlich des Welttags von Menschen mit Behinderung hatte der regionale Arbeitskreis am Montag zu einem Info-Nachmittag ins Landratsamt eingeladen.
Bad Tölz-Wolfratshausen – „Barrierefreiheit ist eine riesengroße Herausforderung in verschiedenen Dimensionen“, sagte Dritter Landrat Klaus Koch (Grüne), als er die Besucher begrüßte. Unter den Gästen – leider nur wenige an der Zahl – waren unter anderem der neue Landtagsabgeordnete Hans Urban (Grüne), der Lenggrieser Bürgermeister Werner Weindl (CSU) sowie vereinzelt Gemeinde- und Stadträte, etwa Roswitha Beyer (SPD), die Seniorenreferentin aus Wolfratshausen. Für Klaus Koch bedeutete Barrierefreiheit „nicht nur abgesenkte Bürgersteige“, sondern ein Gesamtkonzept. Gemeinden und Landkreise könnten allein aber nur wenig verändern. Gefragt seien Weichenstellungen vom Freistaat und von der Bundesregierung. „Es ist eine Herausforderung fürs Hirnschmalz“, sagte Koch.
Die Besucher konnten sich über die Bedürfnisse von Seh-, Hör- und Körperbehinderten informieren, über die Arbeit des Integrationsfachdienstes und darüber, wie wichtig Informationen in leichter Sprache sind.
Für alle Beteiligten ist der Austausch von Bedeutung. „Ohne Gespräche weiß ich doch auch nicht, was ein Rollstuhlfahrer braucht“, sagte zum Beispiel Markus Ertl. Der erblindete Lenggrieser ist einer von 44 deutschen Inklusions-Botschaftern. Geduldig erklärte er am Montag, wie er mit Hilfe des Smartphones Zeitung liest (es gibt ein spezielles Programm, das ihm Zeitungstexte vorliest) und neu gelernt hat, am Computer mit einer Tastatur für Blinde zu schreiben. Ertl, der bei der Sparkasse arbeitet, berichtete aber auch davon, wie schwierig beispielsweise eine Software-Umstellung für Blinde zu bewerkstelligen ist. Neue Tastaturbelegungen lassen sich eben nicht im Handumdrehen lernen.
Aus ihrem Alltag berichtete auch Ute Fröhlich, Beraterin im bayerischen Landesverband der Gehörlosen. Menschen, die nicht hören können, sind auf Visualisierung angewiesen. Auch für Taube ist ein Smartphone heute sehr wichtig, beispielsweise, um sich in der Bahn-App über verspätete Züge zu informieren. Und während Gehörlose früher nicht telefonieren konnten, können sie heute beim Skypen (Video-Telefonieren) einen Gebärdendolmetscher hinzuziehen.
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Was könne denn eine Kommune für Gehörlose konkret tun, erkundigte sich die Wolfratshauser Stadträtin Beyer. Fröhlich hatte einige Ideen parat. Zum Beispiel, dass man im Rathaus wissen sollte, wo man Dolmetscher anfordern könnte. „Man will ja auch mal an einer Bürgerversammlung teilnehmen können.“ Fröhlich wünscht sich auch generell mehr Geduld von Passanten, wenn diese „im Gespräch“ feststellen, dass sich die Person gegenüber nicht oder nur schwer artikulieren kann.
Trotz einiger guter Entwicklungen standen bei dem Info-Nachmittag aber die Schwierigkeiten im Mittelpunkt. „Es fehlt eigentlich ein Gesamtkonzept“, sagte Johannes Voit vom Bayerischen Blinden- und Sehbehinderten-Bund. Als positives Beispiel nannte er Oberstdorf. Wie viele Widerstände noch immer zu überwinden seien, davon berichtete auch Ingenieur Wolfgang Heubeck, dessen Planungsbüro für einige Kommunen im Landkreis tätig ist. Heubecks Tochter sitzt im Rollstuhl. „Alles, was für Alte und Behinderte wichtig ist, nützt auch den Jungen“, sagte Heubeck. Das konnte auch Markus Ertl bestätigen: „Hörbücher waren einst nur für Blinde gedacht, jetzt sind sie überall sehr populär.“
