Männlicher und weiblicher Wolf im Landkreis Garmisch-Partenkirchen nachgewiesen

Kommt das Wolfsrudel? Almbauern mit „größter Angst“ vor der Weidesaison

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Die schlimmste Vorstellung für die Almbauern: Dass zwei Wölfe Nachwuchs bekommen und ein Rudel bilden. Im Landkreis könnte sie Realität werden.
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Der einzelne, jagende Wolf sorgt schon für Unruhe unter Almbauern. Ihr Schreckensszenario aber ist das Rudel. Das könnte im Landkreis bereits im Frühsommer Realität werden. Dann werden zahllose Schafe sterben, befürchten die Viehhalter. Wenn die Politik nicht handelt.

Garmisch-Partenkirchen – Die große Show mag Joseph Grasegger nicht. Er inszeniert kein Drama, wo er keines sieht. Nur für die Aufmerksamkeit. Denn Joseph Grasegger ist Realist. Er betrachtet die Fakten. Die jagen ihm, ganz realistisch, Angst ein. „Ja, die hab’ ich. Angst, größte Angst.“ Vor der Weidesaison. Die Fakten bringen den Chef der Partenkirchner Weidegenossen, zugleich Vorsitzender des Landesverbands bayerischer Schafhalter, zu dem Schluss: Sobald er und die übrigen Almbauern im Landkreis ihre etwa 2500 Schafe ab Mai auf die Almen treiben, sterben viele von ihnen. Weil der Wolf zuschlagen wird. Beziehungsweise mehrere Wölfe.

Landkreis Garmisch-Partenkirchen: Männlicher und weiblicher Wolf bestätigt

Jahr für Jahr gab es dieses Risiko, Jahr für Jahr ist es gestiegen. Vor dieser Saison aber hat sich etwas geändert. Es ist eingetreten, wovor die Almbauern immer gewarnt haben und was zu massiver Unruhe führt. Das Landesamt für Umwelt hat ein Männchen und ein Weibchen bestätigt. Bekommen sie Nachwuchs, dürften sie schon im Frühjahr ein Rudel bilden. Das Wort, das Almbauern erschaudern lässt. Der Landkreis wird zum Jagdrevier der Tiere.

Ist es auch derzeit. Klaus Solleder liest vom Computerbildschirm Daten ab. 18. und 30. Dezember, 1., 13., 19. und 22. Januar. An jedem dieser Tage wurde im Ammertal ein Rotwild gerissen. Die Informationen bekam der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes vom Landesamt für Umwelt (LfU). Ebenso wie das Ergebnis der Analysen: Drei verschiedene Wölfe haben die Tiere erlegt. Dem Landratsamt zufolge werden derzeit weitere Meldungen von toten Wildtieren aus den vergangenen Wochen überprüft.

Wildtiere, die andere Wildtiere jagen, erlegen und fressen: Das ist Natur. Solleder und die vielen Bauern, für die er spricht, sehen darin vielmehr einen erschreckend lauten Warnschuss. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Nutztiere betroffen sind.“

„Der Wolf ist schlau, er holt sich die Schafe“

Derzeit stehen alle Schafe sicher im Stall, genauso wie Kühe und Kälber, um die sich die Almbauern ebenfalls Sorgen machen. Im Sommer aber bieten sie dem Wolf leichte Beute. Auf den Almen – etwa ein Drittel der gut 7000 Schafe im Landkreis wird aufgetrieben – wie auf den Weiden im Tal. „Er ist schlau, er holt sie sich“, prophezeit Grasegger.

Ihm wird ganz anders. Das Frühjahr naht und nichts ist passiert. Wobei er den Politikern zugesteht, mittlerweile zumindest zuzuhören und sich Gedanken zu machen. „Aber es ist alles so zäh.“

An den heimischen Mandatsträgern soll es nicht scheitern. Nach den Rissen im vergangenen Jahr rund um Garmisch-Partenkirchen, die für viel Aufsehen gesorgt haben, schrieben Landrat Anton Speer (FW) und Farchants Bürgermeister Christian Hornsteiner (CSU) einen offenen Brief an die Minister Michaela Kaniber (Landwirtschaft) und Thorsten Glauber (Umwelt). Darin forderten sie die Staatsregierung auf, „sofort Maßnahmen zur Entnahmemöglichkeit von großen Beutegreifern zu erlassen“. So könne es nicht weitergehen. „Unter diesen Voraussetzungen ist die Ausübung der Weide- und Almwirtschaft im gesamten Landkreis in Gefahr“, bekräftigt Speer nun. Er steht mit den übergeordneten Behörden in Kontakt, um eine Lösung zur Wolfsproblematik im Landkreis zu erreichen.

Landwirte fordern Politik zum Handeln auf

So sehr hätten sich Grasegger und seine Kollegen gewünscht, man hätte sie gefunden, bevor sich ein Rudel niederlässt. Eine kleine Chance besteht, dass noch Zeit bleibt: Wenn das Männchen und Weibchen – im Oktober wurden sie laut LfU erstmals gesichtet – Geschwister sind und die aktuelle Paarungszeit ohne Folgen verstreicht. Dazu äußern sich die Experten vom LfU nicht. Weder eine Paarbildung noch eine Aussage zur verwandtschaftlichen Beziehung der Tiere könne aktuell anhand der Daten abgeleitet werden, heißt es auf Anfrage. Für die Almbauern steht auch so außer Frage, dass über kurz oder lang ein Rudel kommt.

Die Politik möge endlich etwas unternehmen, fordert Solleder. Sie möge die „notwendigen Rahmenbedingungen“ schaffen. Das Wort Abschuss spricht er nicht aus, es ist klar, dass diese Option für ihn dazu gehört. Das hat er mehrfach untermauert.

Gegner bringen immer den Herdenschutz ins Spiel, etwa durch hohe Zäune. Immer wieder betont Grasegger, wie unrealistisch das für den Landkreis ist. Alleine für die Flächen der Weidengenossen Garmisch und Partenkirchen bräuchte man demnach rund 250 Kilometer Zaun. Abgesehen davon, dass es sich aus topografischen Gründen nicht umsetzen lässt. Noch etwas Entscheidendes spreche dagegen: der Eingriff in die Biodiversität. Man schneidet Wasserwege ab, zäunt das Wild ein. „Die Folgen sind gar nicht abzusehen.“

Zu viele Wölfe: Aus der Almwirtschaft droht

Argumente wie diese wurden schon oft ausgetauscht. Oft haben die Viehhalter auch bereits mit einem Szenario gedroht, das Solleder nun deutlicher denn je wiederholt: „Werden die Wölfe noch mehr, bedeutet dies das Aus der Weidehaltung.“ Und damit das Aus einer einzigartigen Artenvielfalt. Auch er will sich keine künstliche Dramatik vorwerfen lassen. „Das ist keine Drohgebärde. Das glaube ich wirklich.“ Emotional und wirtschaftlich tue sich das unter diesen Umständen doch keiner an. Realist Grasegger denkt auch an die Hirten, die täglich mit Bauchschmerzen die Herde überprüfen. „Auf Dauer hält das niemand aus. Das ist ja psychischer Terror.“

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