Bad Tölz - Ab Montag für immer geschlossen: 45 Jahre lang war das Alpamare einer der größten Anziehungspunkte in Bad Tölz. Es ist viel passiert: Es gab einen rührenden Antrag, Prominente - und sogar einen Hai.
Anabela Pegado räumt gerade ihr Büro aus. Sie leert Schränke und die Schubladen in ihrem Schreibtisch. Alles muss sauber und ordentlich sein, wenn sie am Sonntag das letzte Mal auf den Lichtschalter in ihrem Büro drückt. Pegado, 46, ist Abteilungsleiterin in der Reinigung des Alpamare. Seit 26 Jahren. „Ich dachte, ich bleibe hier bis zur Rente“, sagt sie.
Doch jetzt kommt alles ganz anders. Das erste deutsche Brandungswellenbad schließt. Es ist in die Jahre gekommen und als privates Unternehmen nicht mehr wettbewerbsfähig. Wenn am Sonntagabend der letzte Gast gegangen ist und am Montag die Mitarbeiter die letzte Abschiedsschwimmrunde gedreht haben, wird Anton Hoefter, Chef der betreibenden Jodquellen-AG, das Wasser aus den Becken lassen.
Der Abschied ist schmerzhaft für Anton Hoefter, 46. Er ist sozusagen im Alpamare aufgewachsen. Sein Vater hat das Bad am 18. Juli 1970 eröffnet. Als kleiner Bub verbrachte Hoefter seine Sommerferien im Spaßbad, später hämmerte er aus dem übrig gebliebenen Bauholz Regale für sein Zimmer. Jahrzehntelang war das Alpamare über die Stadtgrenzen hinaus für seine Innovationen bekannt. Doch jetzt ist endgültig Schluss. „Standort und Lage erlauben kein weiteres Wachstum“, sagt Hoefter.
Als das Alpamare vor 45 Jahren eröffnete, war es eine Sensation. „Alpamare holt das Meer über die Alpen“, lautete der Slogan. Mit einem „pompös-poppigen swim-in happening“ samt Badenixen, Meeresgott Neptun und echten Möwen wurde gefeiert, schrieb unsere Zeitung damals. „Die Tölzer kamen, sahen und staunten.“ Schaumgekrönte Wellen, die sanft am watteweichen Kunststoff-Strand auslaufen, ein weiträumiges Hallenbad mit Unterwassermusik, Sprudelbecken, Sauna, Solarium und natürlich: lange Schlangen an der Kasse. Eine ganze Stadt war verzaubert von ihrem Schwimmbad.
Die Idee zum „Alpen-Meer“ hatte Anton Hoefters Vater Max beim Urlaub in Japan. Dort gab es Südseeflair im Landesinneren – in Deutschland noch nicht. Damals florierte die Jodkur in Bad Tölz. Max Hoefter wollte sich darauf aber nicht ausruhen, sondern junge Familien in die Stadt holen. „Mein Vater wusste, dass die Kur in der Form keine Zukunft haben würde“, sagt Anton Hoefter.
Das Alpamare wurde ein Ort, der Familien nicht nur anzog. Dort gründeten sich auch welche. Ein junger Mann hat vor Jahren um die Hand seiner Freundin angehalten – im Solebecken. „Er hat uns vorher mit irrem Aufwand erklärt, welcher Tag und welche Zeit es sein muss“, sagt Schwimmbad-Direktor Stefan Anselm.
Romantischer Heiratsantrag im Alpamare
Anselm, 56, sitzt im Büro von Anton Hoefter. Dort erzählen sich die beiden Geschichten aus der guten alten Tölzer Bäder-Zeit. Damals beim Heiratsantrag, erzählt Anselm lachend, sei er extra durchs Gebüsch gekrochen, um Lautsprecher zu verstecken. Der Mann gab aus dem Wasser ein Zeichen, und Anselm spielte Musik ab. „Das Paar hatte sich im Alpamare kennengelernt“, sagt er. „Die Angebetete konnte gar nicht Nein sagen.“ Hat sie dann auch nicht. Näher gekommen sind sich überhaupt einige Paare im Wellenbad. „Viele waren mit ihrer ersten Freundin da, das war ein besonderes Highlight“, sagt Anton Hoefter. Beim Date im Spaßbad, da konnte man sich eben ungefährlich kennenlernen, meint Anselm.
Gelegen kamen den jungen Leuten die Candlelight-Abende im Alpamare. Draußen lag Schnee, im Restaurant brannten Kerzen – es gab Pommes und andere Gerichte unter zehn Euro. „Damit konnten die Burschen mit ihrem Taschengeld Wahnsinns-Eindruck hinterlassen“, sagt Anselm. „Wir wollten immer ,Magic Moments’ kreieren.“ Bei einer Apres-Ski-Party rieselten dank Schneekanone weiße Flocken ins Warmwasserbecken, während die Gäste mit Glühwein anstießen.
In diesen magischen Momenten konnte es auch mal gruselig werden. Zum Beispiel, wenn beim Open-Air-Kino im Schwimmbecken die Leinwand mit der Wasserkante abschloss. Plötzlich schoß der „weiße Hai“ aus dem Meer, und es schien, als käme er aus dem Schwimmbecken. Anselm: „Das sah pervers aus.“
Die Aktionen waren nicht nur guter Wille der Badbetreiber. „Wir mussten einen hohen Erlebniswert bieten“, sagt Anton Hoefter. Mit 35 Euro für die Erwachsenen-Tageskarte wurde der Eintrittspreis oft als zu teuer kritisiert. Darauf erwiderte die Jodquellen-AG stets, dass günstige Eintrittspreise leicht machbar seien, wenn ein Bad Zuschüsse von der Kommune bekommt. Die Jodquellen-AG führte das Bad aber von Anfang an privat.
Um mit der Konkurrenz mitzuhalten, haben die Hoefters immer wieder investiert. Die erste Baumaßnahme folgte ein paar Jahre auf die Eröffnung. Das Wellenbad unter freiem Himmel stellte sich in verregneten Sommern als ungünstig heraus. Also kam über das Becken eine Tragluftdecke. Doch am meisten zu tun hatten die Bauarbeiter im Jahr 1986. Das Alpamare bekam die ersten Rutschbahnen im Alpenraum und 500 Spinde mehr. „Die Rutschbahnen sind wie eine Bombe eingeschlagen. Wir mussten 1990 zwei dazubauen, weil die Leute so lange anstanden“, sagt Anselm. 2001 kam die Indoor-Surfanlage dazu – die erste fest installierte weltweit. Viele Superlative, die das Alpamare letztlich nicht retten konnten.
Das Bad hatte 45 Jahre lang täglich geöffnet. Eine Ausnahme gab es. Einmal musste die Feuerwehr das Bad räumen, das Alpamare war einen Nachmittag lang geschlossen – ein Feuer schwelte stundenlang vor sich hin. Der Keller war verqualmt, aber durch den Überdruck im Wellenbad hatte keiner den Geruch bemerkt.
Ob die Drehbuchautoren vom „Bullen von Tölz“ das wussten, als sie die erste Folge konzipierte, ist zwar nicht bekannt. Giftige Dämpfe spielen da aber immerhin eine zentrale Rolle. Da erstickt nämlich der Chef des Wasserwirtschaftsamts im Dampfbad, und Ottfried Fischer alias Benno marschiert bei seiner Ermittlung durch das Wellenbad im Alpamare. „Die haben gerne bei uns gedreht“, sagt Anton Hoefter. Die Schauspieler wohnten nebenan im Hotel Jodquellenhof, und gegenüber war das Innere der Polizeistation in der Wandelhalle aufgebaut. „Zum Alpamare war es ein kurzer Weg. Das war ganz praktisch.“
Hans Rieger, 74, war in den 1970er-Jahren Aushilfs-Bademeister im Alpamare. Der Rentner erinnert sich noch genau an einen Stammgast von damals: Richard von Weizsäcker ging jeden Morgen ins Alpamare, wenn er sich in seinem Zweitwohnsitz in Wackersberg aufhielt. „Er ist immer zwei Bahnen geschwommen. Eine Rücken, eine Brust, und dann in die Sauna“, erzählt Rieger. „In der Früh war er immer einer der Ersten.“
An prominente Bad-Besucher erinnert Jodquellen-Chef Hoefter jeden Tag ein Fußball, der im Regal in seinem Büro steht. Er ist handsigniert. „Der FC Bayern hat bei uns gebadet und ihn mir geschenkt“, sagt Hoefter. Das war zu der Zeit, als Felix Magath Bayern-Trainer war. Im Alpamare, da habe jeder gleich ausgesehen, sagt er. „In Badehose und mit nassen Haaren.“
Oben ohne im Alpamare? Das wurde schnell wieder abgeschafft
Wobei sich die Bademode der insgesamt 15 Millionen Besucher im Laufe der Jahre ziemlich verändert hat. Ende der 1970er-Jahre forderten junge Frauen, auch im Alpamare den angesagten Monokini tragen zu dürfen – also: oben ohne. „Das haben wir aber ziemlich schnell wieder abgeschafft, weil es Beschwerden gab“, sagt Hoefter grinsend.
Allerdings hätten einige Männer den Trend unfreiwillig abgewandelt, sagt Anselm – also: unten ohne. „Einmal spazierte ein Mann aus der Sauna gemütlich ins Restaurant.“ Die Leute schauten ihn komisch an, bis ihm auffiel, dass er vergessen hatte, seine Badehose anzuziehen. Anselm: „Oh scheiße, hat er gesagt, und ist zurückgerannt.“
Fürs Alpamare jedoch gibt es kein Zurück mehr. Ohne großen Wellnessbereich sanken die Zahlen zuletzt auf 200 000 Besucher im Jahr – etwa ein Drittel der Besucherzahlen in den 1990er-Jahren. Die Therme Erding, eine gute Stunde Fahrtzeit entfernt, brummt, das Alpamare muss schließen: Das Bädergeschäft ist hart umkämpft (siehe Kasten).
Badetag des Tölzer Kurier im Alpamare (2013)
Über einen Umbau zum „Alpamare-Spa“ konnten sich Stadt und Jodquellen-AG nicht einigen. Es scheiterte am Geld. Die Rutschen, Liegen und andere Einrichtungsgegenstände finden nun einen neuen Bestimmungsort in anderen Bädern. Noch ist unklar, was aus dem Gelände wird. Anton Hoefter würde darauf gerne Wohnungen bauen. Die Stadt fordert, dass das Gelände im weitesten Sinne touristisch genutzt wird.
Anabela Pegado, 46, weiß nicht, wie es für sie weiter geht. Sie ist eine von 90 Angestellten, 50 waren Aushilfen. Viele haben bisher keinen neuen Job gefunden. Noch schlimmer für Pegado ist aber der Abschied vom Alpamare. „Das geht mir richtig ans Herz.“