VonRoland Loryschließen
Der Landtagsabgeordnete Andreas Krahl (Bündnis 90/Die Grünen) hat Weihnachten nicht bei der Familie verbracht. Der 33-jährige Murnauer nahm hingegen als Rettungssanitäter erneut an einer mehrwöchigen Rettungsmission auf dem Mittelmeer teil.
Murnau – Es sind wieder viele Eindrücke, die Andreas Krahl von der Mission im Mittelmeer mitgebracht hat. Ein Vorfall empört den Murnauer besonders. Malta beziehungsweise das maltesische Seenotrettungszentrum hätten bewusst versucht, eine Rettung zu verhindern. „Das ist hart.“ Die Ansage sei gewesen, „wir sollen gefälligst am Boot vorbeifahren“. Das machte das Schiff Sea-Eye 4 selbstverständlich nicht. Stattdessen rettete die Mannschaft laut Krahl insgesamt 63 Flüchtlinge. Manche davon hatten „schwerste Verätzungen“, entstanden durch eine Mischung aus Benzin und Salzwasser. „Die Menschen waren sechs Tage auf dem Meer.“ Krahl, Landtagsabgeordneter der Grünen, war von 6. Dezember bis Jahresende an Bord der Sea-Eye 4. Als Rettungssanitäter, nicht als Politiker, wie er betont.
Schlauchboot mit 45 Insassen
Zunächst flog er nach Burriana nahe Valencia in Spanien. Fliegen? Darf man das als Grüner? Krahl findet schon, „manchmal“ zumindest. In so einem Fall gilt für ihn: „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Von Burriana fuhr die Sea-Eye 4, deren Krankenstation über einen modernen Standard verfügt, dann in Richtung libysche Küste, wo sie in internationalen Gewässern patrouillierte. In dieser Gegend stieß das Seenotrettungsschiff auf ein Schlauchboot mit etwa 45 Insassen. Die Menschen wurden an Bord geholt. Die Geflüchteten – sie stammten hauptsächlich aus Bangladesch – brachte man letztendlich nach Livorno (Toskana/Italien). Die italienischen Behörden hatten laut Krahl kundgetan, dass die Sea-Eye 4 dorthin fahren soll. Der 33-Jährige kritisiert dies. Er spricht von einer „bewussten Zuweisung an einen weit entfernten Hafen. Man merkt, dass da Strategie dahinter ist“. So war die Sea-Eye 4 mit der 25-köpfigen Crew fünf Tage bis Livorno unterwegs und fuhr dabei an zig anderen Häfen vorbei.
Doch der Murnauer will nicht nur Kritik üben. „Ein Hoch auf die Rettungskräfte von Livorno.“ Er sei baff gewesen, „die haben gezeigt, was sie können“. Geflüchtete, die schwerst von Verätzungen betroffen waren, seien sofort in Verbrennungszentren weitertransportiert worden. „Das war ein großer Akt der Menschlichkeit“, betont Krahl.
Was dem Murnauer, der auch ausgebildeter Krankenpfleger und Vizepräsident des Bayerischen Roten Kreuzes ist, hingegen missfällt: Italien habe der Crew nicht erlaubt, in Livorno an Land zu gehen. Grund: Der ursprüngliche Hafen war Burriana. „Das macht man nicht“, findet Krahl. Doch er sieht es gelassen: „Lieber bei Freunden aussteigen als bei Feinden.“
Weihnachtsfeier an Bord
So steuerte die Sea-Eye 4 also zurück nach Spanien. In dieser Zeit feierte die Crew Weihnachten an Bord. Darunter sind Nautiker und Ingenieure, aber auch ein Psychologe und Logistiker. Sie kommen aus verschiedenen europäischen und nicht-europäischen Ländern.
Nicht nur in Bayern stellt sich freilich die Frage, wie man die Geflüchteten unterbringt. Krahl sagt: „Wir dürfen Italien nicht allein lassen. Dafür haben wir eine EU.“ 100 000 Flüchtlinge pro Jahr in der EU hält er für verkraftbar, die Zahlen seien „verschwindend gering“. Außerdem verweist er auf den Mangel an Arbeitskräften, und nennt etwa Lkw- und Busfahrer. Es gelte Qualifizierungsprogramme aufzulegen. Krahl plädiert dafür, Einrichtungen zu schaffen, „in denen eine menschenwürdige Unterbringung möglich ist, bevor das Asylverfahren abgeschlossen ist“.
Zurück in Bayern lässt es Krahl Anfang des Jahres noch etwas ruhig angehen. Doch die Pause dauert nicht allzu lange. Die Landtagswahlen nahen. Krahl will wieder ins Maximilianeum. Anfang Februar steht erst einmal die oberbayerische Listenaufstellung an.
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