VonDirk Walterschließen
Ein Verkehrsplaner aus Ingolstadt feilt an einer Alternative zur Blockabfertigung im Inntal, einem digitalen Zuteilungssystem. Wie es funktionieren könnte und wann eine Realisierung möglich wäre.
München/Ingolstadt – Könnte ein digitales Slot-System die Blockabfertigung auf der Inntalautobahn überflüssig machen? Vergangene Woche überraschten die Verkehrsminister von Bayern und Tirol mit diesem Vorschlag (wir berichteten). Ziel ist es, dass Lkw künftig Zeitfenster buchen, während denen sie durchs Inntal über den Brenner fahren können.
Der Erfinder des Slot-Systems sitzt an der Technischen Hochschule Ingolstadt: Harry Wagner ist Professor für intermodale Mobilität und KI und Geschäftsführer der Firma Future Mobility Solutions GmbH (FMS). Im Auftrag der Südtiroler Landesregierung hat die FMS das Slot-System für die Strecke Rosenheim-Trient entwickelt.
So funktioniert das Slot-System
Es funktioniert grob gesagt wie folgt:
Stufe eins: Der Spediteur bucht am Handy ein Zeitfenster für seine Fahrt. Einen Tag vorher muss er das bestätigen („Pre-Check-In“).
Stufe zwei: Nähert er sich dem Beginn des Slots, dann gibt es den Check-In. Dem Lkw-Fahrer wird 100 oder 150 Kilometer davor signalisiert, ob er zu früh dran ist. Um Staus zu vermeiden, würde er dann auf einen Parkplatz gelotst und ihm signalisiert, wann er weiterfahren sollte. Ist er etwa wegen eines Staus indes viel zu spät dran, verfällt der Slot und der Spediteur muss einen neuen buchen.
Stufe drei: Erreicht der Fahrer dann Rosenheim, gibt es einen Gate-In. Der Slot beginnt. Um Unwägbarkeiten zu berücksichtigen, gibt einen gewissen Zeitpuffer, in dem die Fahrt dann wirklich begonnen werden muss.
Stufe vier: Ist das Fahrtziel am Ende erreicht, gibt es einen Check-out.
Nicht-Nutzen eines Slots müsste finanziell bestraft werden
Soweit die Theorie. Ein Knackpunkt des Systems ist, dass eine Maximalkapazität der Autobahn errechnet werden muss – denn an irgendeinem Punkt muss das Slot-System dem Lkw-Fahrer signalisieren, dass er lieber zu einer anderen Zeit fahren sollte, weil die Autobahn schon voll ist. Wie hoch die Kapazität auf der hoch belasteten Brenner-Strecke sein würde, vermag Wagner im Moment nicht zu sagen. Sie wäre wohl ein Politikum, Tirol sieht die Belastungen anders als Bayern und die Maximalkapazität müsste auf jeden Fall auch den voraussichtlichen Pkw-Verkehr auf dieser beliebten Urlaubsroute berücksichtigen.
Wichtig ist Wagner, dass die Slots kostenlos wären, aber dass sie auch tatsächlich genutzt werden müssen. Das könnte über einen Kennzeichen-Abgleich geschehen. Das Nicht-Nutzen eines Slots müsste hingegen finanziell bestraft werden („denn sonst bucht man sie pro forma massenhaft“) – ebenso, wenn man die Autobahn einfach ohne Slot sozusagen illegal nutzt.
Es wird noch ein langer Weg, sagt Harry Wagner im Gespräch mit unserer Zeitung. Erst wenn ein Staatsvertrag von Deutschland, Österreich und Italien abgeschlossen sei, könnte die konkrete Planung beginnen. „Zwei bis drei Jahre würde es dann aber auch noch dauern.“
