Beschlüsse und Planungen gibt es, doch umgesetzt wurde wenig: Stadtrat Dr. Hans Schmidt kritisiert die Wolfratshauser Stadtentwicklung. Damit steht er nicht alleine da.
Wolfratshausen – „Wollen wir Leuchtturmprojekte oder geben wir uns zufrieden mit mehr Lebens- und Verweilqualität?“, fragt sich Dr. Hans Schmidt. Der Ortverbandsprecher der Grünen lud Bürger, Architekten, Kommunalpolitiker und Immobilienmakler am Donnerstagabend zu einer Diskussionsrunde in die Gaststätte Flößerei ein.
Schmidt legte die Finger in offene Wunden der Stadtentwicklung. „Wir brauchen keine Megaprojekte, Superlative und weitere Zuzüge“, sagte Schmidt. Stattdessen wünsche er sich eine „kleine Wohlfühlstadt“, in der die Bürger in politische Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden.
Nur bedingt recht gaben ihm Hans-Werner Kuhlmann und Ernst Gröbmair, Vorstandsmitglieder des Vereins Lebendige Altstadt Wolfratshausen (LAW). Sie plädierten dafür, die drei Komponenten westliches Loisachufer, Marktstraße und Bergwald deutlich aufzuwerten. Beide verteidigten die umstrittene Plakat-Aktion von dem Werbekreis und der LAW, die Stadträte und Entscheidungsträger zu raschem Handeln auffordern soll. „Viele Beschlüsse und Planungen zur Stadtentwicklung sind vorhanden, werden aber nicht umgesetzt“, kritisierte Gröbmair.
Ulrike Adldinger vom gleichnamigen Architekturbüro, die wie berichtet 2013 mit ihrem Mann den Wettbewerb zur Umgestaltung des westlichen Loisachufers gewann, wartet ebenfalls auf die Umsetzung. „Wir müssen es jetzt gemeinsam anpacken“, forderte die 64-Jährige.
Selbstkritisch zeigte sich Zweiter Bürgermeister Fritz Schnaller (SPD), der seit vielen Jahren im Stadtrat mitwirkt. Er lobte die Initiatoren der Plakataktion. „Das war, wie wenn man mit einem Stock in einem Ameisenhaufen rührt“, sagte er. „Plötzlich haben sich alle bewegt: Es gab Protest und Zustimmung.“ Zusammen mit den Grünen-Stadträten Hans Schmidt und Rudi Seibt hofft Schnaller, dass schon in der nächsten Stadtratssitzung am 18. September wegweisende Entscheidungen getroffen werden.
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Für Ernst Gröbmair komme es vor allem darauf an, dass den Bürgern eine Basisplanung zur Gestaltung der Innenstadt vorgelegt werde, die dann mit deren Anregungen „verfeinert“ werden könne. Als positives Beispiel nannte er die Zentrumsumgestaltung in der Nachbarstadt Geretsried. Dort berücksichtigte Architekt Klaus Kehrbaum Nachbesserungen wie zum Beispiel den erweiterten Tiefgaragenbau. Gröbmair warnte ebenso wie Besucherin Jacqueline Rupp davor, Bürgeranregungen ohne begleitende Moderation anzuhäufen. Sonst drohe wie zum Beispiel beim nicht verwirklichten Bürgerladen-Projekt am Untermarkt 10 ein vorzeitiges Scheitern.
Schmidt will sich dabei nicht nur auf die Marktstraße konzentrieren. „Die Altstadt ist eine verkalkte Schlagader. Das Leben pulsiert doch eher in den umliegenden Stadtteilen“, unterstrich er. Dabei gelte es nach Ansicht von Dieter Landmann auch, zu großem Flächenverbrauch einen Riegel vorzuschieben. „Ich kann nicht verstehen, warum Discounter wie Aldi, Lidl und Rewe nur eingeschossige Gebäude beziehen“, kritisierte der Inhaber eines Fahrradgeschäfts. Er regte an, die Supermarkt-Gebäude aufzustocken und so Platz für Wohnungen oder Büroeinheiten zu schaffen.
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„Wir können leider niemanden zwingen, höher zu bauen“, bedauerte Schnaller. In diesem Zusammenhang erneuerte Schmidt seine Kritik am geplanten Bau eines Einkaufzentrums am Kraft-Areal neben dem Bahnhof. „Dieser Koloss passt nicht in die kleinteilige Wohnbebauung und würde nur unsere Verkehrsprobleme vergrößern“, befürchtet er. Der Fraktionssprecher der Grünen setzt darauf, dass schon nach der nächsten Stadtratssitzung ein umfangreicher Stadtleitbildprozess in Gang gesetzt wird.
Peter Herrmann