- VonUwe Hechtschließen
Ambulante Pflegedienste klagen über die Bürokratie sowie den massiven Zeitdruck, der eine menschenwürdige Pflege kaum mehr zulasse. Wie die Menschlichkeit trotzdem bei der Pflege ihren Platz findet, davon konnte sich das OVB jetzt selbst überzeugen. Wir waren mit Pflegedienst-Mitarbeitern in Bad Aibling unterwegs.
Bad Aibling – Immer mehr Menschen bedürfen heutzutage häuslicher Pflege, Angehörige können diese in den meisten Fällen nur bedingt oder gar nicht leisten und sind daher auf einen Pflegedienst angewiesen. Doch die Pflegedienste haben nicht nur mit personellen Problemen zu kämpfen. Auch behördliche Vorgaben, überbordende Verwaltungsarbeit, der tägliche Kampf mit den Krankenkassen um ausreichende Versorgung sowie die dafür nötigen finanziellen Zuschüsse sind Hemmnisse.
Hinzu kommen außerdem minutiöse Vorgaben, wie viel Zeit die Pflegekräfte für einzelne Leistungen aufwenden dürfen. Ein Zeitdruck, der deren Arbeit zusätzlich erschwert und kaum Zeit für menschliche Zuwendungen lässt, die gerade pflegebedürftige Menschen aber genauso bräuchten wie die zu verabreichenden Medikamente.
Dass es nicht immer so sein muss, zeigt ein Blick hinter die Kulissen. Das OVB durfte Pflegerin Alexandra Davcheva und Pflegefachmann Bleron Bulliqi, beschäftigt beim nun seit 20 Jahren bestehenden Mangfall Sozial- und Pflegedienst aus Bad Aibling, bei Ihrer Tätigkeit begleiten.
Es ist Samstag und noch früh am Morgen, wenn sich die Zentrale in der Wildstraße nach und nach mit den Pflegekräften füllt, die täglich mit acht Fahrzeugen unterwegs sind. Gegen 6 Uhr sitzen alle am Tisch, es herrscht geschäftiges Treiben, aber keineswegs Hektik. „Hektik würde sich unweigerlich auf die Patienten übertragen, das wollen wir vermeiden“, stellt Geschäftsführer Sami Bulliqi, zugleich Pflegedienstleiter, klar.
Die Medikamenten- und Versorgungspläne, die alle auf einem iPad gespeichert sind, das jede Pflegekraft bekommt, werden kontrolliert, wo nötig Medikamente aufgefüllt, die Ausrüstung wie Blutdruck- oder Blutzuckermessgeräte und Insulin-Pens überprüft und verstaut, Hilfsmittel wie etwa Einlagen oder Verbände eingepackt. Bevor es endgültig auf Tour geht, öffnen sich die Schlüssel-Tresore. Dort finden sich die Schlüssel zu den Wohnungen oder Häusern der Menschen, die gepflegt werden müssen.
„Das ist schon eine große Verantwortung. Wir haben zu jeder Tages- und Nachtzeit Zutritt zu den Wohnungen und damit auch zu den intimsten Bereichen“, weiß Renate Pail, die schon längst im Ruhestand sein könnte. „Mir macht die Arbeit und der Umgang mit Menschen nach wie vor Freude. Warum sollte ich also aufhören.“
Körperliche und geistige Beeinträchtigungen
Doch nun geht es los: Alexandra Davcheva und Bleron Bulliqi setzen sich ihr Dienstfahrzeug, tragen den Kilometerstand ein und steuern ihren ersten Einsatz bei Familie Schmidt an. Während Sandra, 53 Jahre alt, und Adoptivtochter Sevgi (38) noch großteils selbstständig sind und neben motorischen Störungen durch Epilepsie an geistigen Beeinträchtigungen leiden, sieht es bei Andreas ganz anders aus. Dem 38-Jährigen, ebenfalls adoptiert, wurde eine „schwere geistige und körperliche Behinderung nach Alkoholembryopathie“ – eine Schädigung durch Alkoholkonsum der leiblichen Mutter während der Schwangerschaft – attestiert.
Heißt im Klartext: Der junge Mann ist fortwährend auf fremde Hilfe angewiesen, kann nicht selbstständig gehen und essen. So steuert Pflegerin Alexandra Davcheva mit Sandra und Sevgi zur morgendlichen Hygiene wie Waschen und Zähneputzen zunächst einmal das Bad an und unterstützt Sandra nebenher beim Anziehen, denn: „Sie ist sehr eitel. Wenn nur ein kleiner Fleck auf dem Pullover ist, zieht sie den nicht an“, erzählt Mutter Gabriele Schmidt und lacht.
Währendessen geht es für den ausgebildeten Pflegefachmann Bleron Bulliqi ins Zimmer von Andreas, der noch schläft. „Bestimmte Tätigkeiten im Pflegebereich dürfen nur von ausgebildeten Fachkräften ausgeführt werden“, erklärt er gegenüber dem OVB. Sanft wird der Patient geweckt, dann folgt schon der erste „Kraftakt“: Der Patient muss aufgerichtet und so stabilisiert werden, dass er nicht von der Bettkante rutscht. Bei der Medikamenten-Abgabe wird ein Trick angewendet: Die Tabletten verschwinden im Joghurt, der Andreas löffelweise zugeführt wird. Gekonnt führt Bleron Bulliqi seinen Patienten nun ebenfalls ins Bad – auch hier steht Waschen, Zähneputzen und Anziehen auf dem Programm.
Nun wird noch Kollegin Davcheva zur Unterstützung benötigt, denn Andreas kann nur mit Hilfe und eigener großer Kraftanstrengung für wenige Minuten stehen. Für ihn geht es dann in den Multifunktions-Rollstuhl, während des Tages die einzige Möglichkeit, ihn am Gemeinschaftsleben teilhaben zu lassen. Auch hier zeigt sich die Professionalität der Pflegekräfte. Im Handumdrehen sind alle nötigen Vorrichtungen eingestellt, damit der Patient nicht aus dem Rollstuhl rutschen kann.
Die Mimik ist seine einzige Kommunikationsmöglichkeit
Was Andreas mit einem Griff zu seiner Trinkflasche und einem zufriedenen Lächeln quittiert. Die Mimik ist seine einzige Kommunikationsmöglichkeit, Wörter und Sätze artikulieren kann er nicht. Sandra und Sevgi, mit denen die beiden Pflegekräfte sich gut unterhalten und viel lachen können, haben sich derweil an den Tisch gesetzt. Alexandra Davcheva bringt die Medikamente und Bleron Bulliqi dokumentiert das Geschehen. Nach 45 Minuten ist der erste Einsatz des Tages beendet. Ein kurzer Blick auf das iPad und schon geht es weiter zu nächsten Patienten nach Bruckmühl.
Unter der Woche sind die drei Kinder von Gabriele Schmidt tagsüber in den Wendelstein-Werkstätten in Raubling beschäftigt, heute ist jedoch Samstag und somit arbeitsfrei. Vorgesehen sind für einen solchen Einsatz maximal 25 Minuten, lässt uns Sami Bulliqi wissen: „Aber bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.“ Eine Einstellung, die sich auch auf seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überträgt.
„Es ist die Liebe zum Beruf, der für mich eine Berufung ist. Menschen in Not zu helfen, war mir schon immer ein Anliegen“, so Bulliqi, der „mit nichts angefangen“ hat. Mittlerweile sind für seinen Pflegedienst 26 Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 74 Jahren tätig. Darunter auch Auszubildende, die die Berufs-Fachschulen in Miesbach, Rosenheim oder Wasserburg besuchen, und dieses „Credo“ ebenso verinnerlicht haben.
Sie decken ein breites Berufsfeld ab, das von Pflegefachkräften in Ausbildung, Praktikanten und Pflegehilfskräfte bis zu ausgebildeten Pflegefachkräften, auch für die Intensivbetreuung, und sozialen Betreuungskräften reicht. Davon konnte sich auch Bad Aiblings Bürgermeister Stephan Schlier bei einem Besuch in den Räumlichkeiten des Mangfall-Sozial- und Pflegedienstes überzeugen.
Pflegedienste werden regelmäßig einer strengen Prüfung unterzogen
Schlier war nach eigenen Worten selbst „überrascht, dass es den Pflegedienst nun schon 20 Jahre gibt“ und gratulierte nicht nur zum Jubiläum, sondern auch zur aktuellen Bewertung durch den Medizinischen Kontrolldienst. „Wie seit 20 Jahren steht eine 1 vor dem Komma“, sagt Sami Bulliqi über das Ergebnis der kürzlich erfolgten strengen Prüfung, auf das er zurecht stolz sein kann. Ständige Aus- und Weiterbildung sind unabdingbar, um auf Höhe der Zeit zu bleiben und eine bestmögliche Versorgung der Pflegebedürftigen zu gewährleisten, ist der Chef überzeugt. Nur so könne der Leitgedanke „Helfen, wo nötig und so lange wie möglich, in den eigenen vier Wänden“, verwirklicht werden.


