VonChristiane Mühlbauerschließen
Im Rollstuhl gut 6000 Kilometer entlang des Jangtsekiang in China, und das weitestgehend allein: Das hat Andreas Pröve (62) gemacht. Beim „Wunderfalke“-Festival in Tölz wird Pröve, zugleich Profi-Fotograf, darüber berichten.
Bad Tölz – Vermutlich ist Andreas Pröve der erste Rollstuhlfahrer, der die schwer zugängliche Quelle des Flusses in Tibet erreicht hat. Vor dieser Tour durch China im Jahr 2018 hat Pröve schon viele andere außergewöhnliche Reisen unternommen, etwa durch Indien, Jordanien und Iran. Im Interview mit dem Tölzer Kurier berichtet er darüber, wie es ist, als Querschnittsgelähmter zu reisen.
Herr Pröve, seit einem Verkehrsunfall 1981 sitzen Sie im Rollstuhl. Wie erging es Ihnen nach der Diagnose, und wie entwickelte sich Ihre Abenteuerlust?
Der Unfall war natürlich ein schwerer Schicksalsschlag. Ich bin gelernter Möbelschreiner, und nach dem Motorradunfall war nichts mehr, wie es war. Ich musste meinen Beruf und meine Wohnung aufgeben und war sehr niedergeschlagen. Was mir in der Zeit sehr geholfen hat, waren der enge Kontakt zu meiner Familie und eine sehr gute ärztliche Betreuung. Ich war in einer Klinik, in der Querschnittsgelähmte von Anfang an gefördert und gefordert wurden. In der acht Monate langen Reha habe ich sehr viel gelernt. Kurz vor dem schweren Unfall war ich mit dem Rucksack durch Indien gereist, das war meine erste große Fernreise. Ich war 22 Jahre alt und wollte unbedingt noch mehr von der Welt sehen. Als ich dann meinen Rucksack wieder gesehen habe, habe ich mir geschworen, eine Lösung zu finden, wie ich mit dem Rolli reisen kann.
Beschreiben Sie doch bitte mal, wie der Rollstuhl, mit dem Sie reisen, aussieht.
(schmunzelt) Da hat sich in den vergangenen 40 Jahren viel verändert! Zum Glück. Heute sind die Rollis viel leichter, denn es wird viel mehr Karbon verarbeitet. Für die Tour in China hatte ich mir etwas Besonderes ausgedacht: Ich habe mir vorne ein Handbike mit einer Kurbel und einer Nabenschaltung montiert. Hinten habe ich einen Motor angehängt, der mich anschiebt, denn rein mit der Kraft aus meinen Armen hätte ich die lange Tour nicht geschafft. Durch das Handbike war es mir möglich, Fahrradpacktaschen für das Gepäck mitzunehmen.
An der Konstruktion haben Sie bestimmt lange getüftelt. Was hat man denn in China dazu gesagt?
Ja, ich habe alles selbst gebaut. In Deutschland würde es der TÜV wahrscheinlich nicht zulassen (schmunzelt). Auch in China war das gar nicht so leicht. Sicherheitshalber habe ich den Motor separat nach Shanghai geschickt, dem Ausgangspunkt meiner Tour, und dann vor Ort alles zusammengebaut. Die Polizisten in China waren meistens sehr irritiert, weil sie nicht wussten, ob sie mich als Rollstuhlfahrer oder motorisiertes Fahrzeug einstufen sollen. In China ist es nämlich Touristen nicht erlaubt, ein Fahrzeug zu lenken. Immer wieder wurde ich von Polizisten angehalten und musste diskutieren.
Wie haben Sie sich verständigt?
Mit Hilfe einer Sprach-App auf dem Smartphone. Man spricht den Satz ins Handy und er wird sofort übersetzt. Die Chinesen haben die gleiche App und sind gewöhnt, mit Touristen so zu kommunizieren. Man kann auf diese Weise auch Straßenschilder abfotografieren und übersetzen. Es hat überall erstklassig funktioniert.
Wie haben Sie sich als Rollstuhlfahrer auf diese Tour vorbereitet?
Einiges konnte ich im Vorfeld klären, auf anderes musste ich spontan reagieren. Eine große Herausforderung war, den Weg zu finden. Mein Navisystem war ein Jahr alt, aber schon veraltet. China wächst rasant. Wo gestern noch eine Landstraße war, ist heute schon eine Autobahn. Und mit dem Rollstuhl fahre ich natürlich nicht auf Autobahnen, das ist ja lebensgefährlich. Und ich fahre auch nicht bei Dunkelheit. Manchmal war es nicht leicht, eine Unterkunft zu finden. Dann habe ich in Herbergen für Lkw-Fahrer übernachtet, denn die haben nicht viele Stufen. Für die Toilette habe ich meinen Rollstuhl multifunktional umgerüstet. Duschen konnte ich aber in den Herbergen nicht. Wenn ich dann wieder in einer Stadt war, habe ich nach einem guten Hotel gesucht und auch immer was gefunden.
Ist Barrierefreiheit in China überhaupt im Bewusstsein der Öffentlichkeit?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land. In den Städten gibt es abgesenkte Bürgersteige, und in die U-Bahn kann man in der Regel mit dem Aufzug. Auch öffentliche Toiletten sind picobello sauber. Auf dem Land hingegen ist es nicht so leicht. Trotzdem, es ist zu schaffen. Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß.
Andreas Pröve: „Ich bin neugierig, die Welt zu sehen“
Welche Erfahrungen haben Sie denn auf all Ihren Reisen als Rollstuhlfahrer gemacht?
Generell habe ich überall sehr gute Erfahrungen gemacht. In den 40 Jahren meiner Reisen habe ich nicht einmal Gewalt erlebt, ich bin nie überfallen oder ausgeraubt worden. Hilfsbereite Menschen gibt es überall. In China zum Beispiel haben alle Tempel Stufen, und wenn ich davor stand, waren im Nu mehrere Männer da, die mich hochgetragen haben. Das war für sie ganz selbstverständlich.
Wann kommen Sie an Ihre Grenzen?
Mit dem Rollstuhl kann ich ja nur auf befestigten Wegen fahren. Das heißt, ich kann nicht über eine Wiese, durch den Wald oder durch eine Wüste fahren. Das ist schade. Also habe ich mir was einfallen lassen. Ich habe mittlerweile eine Drohne, die ich dann steigen lasse, um die Region von oben zu sehen und um zu fotografieren. In der Wüste Gobi habe ich mir ein Auto und einen Fahrer gemietet. Den Luxus habe ich mir gegönnt. Ich wollte fühlen, wie es ist, in der Wüste zu sein.
Woher nehmen Sie Ihre Motivation?
Ich bin einfach neugierig, die Welt zu sehen und Menschen kennenzulernen. Vieles ist so ganz anders, als wir es uns vorstellen. Ich möchte meine eigenen Erfahrungen sammeln. Ich bin jetzt 62 Jahre alt. Eines Tages werde ich nicht mehr reisen können. Und dann möchte ich nicht dasitzen und feststellen, dass ich etwas verpasst habe.
Wo geht es als nächstes hin?
Das weiß ich noch nicht. Mal schauen, wie sich die weltpolitische Lage bis 2021 entwickelt. Wenn es geht, möchte ich sehr gerne noch mal in den Iran. Das waren die gastfreundlichsten Menschen, die ich jemals erlebt habe.
Was würden Sie anderen Rollstuhlfahrern raten, die auch gerne solche Reisen machen möchten?
Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Denn jeder Rollstuhlfahrer hat seine eigenen Bedürfnisse, jede Behinderung ist individuell und nicht leicht vergleichbar. Aber einen Satz würde ich jedem mit auf den Weg geben. Er stammt von dem schottischen Schriftsteller Robert Louis Stevenson: „Es kommt im Leben nicht darauf an, ein gutes Blatt auf der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen.“ Ich übersetze das so: „Mach’ das Beste draus, lass’ dich nicht hängen, lebe intensiv.“
Infos zum Vortrag
Andreas Pröve ist am Samstag, 7. März, zu Gast beim „Wunderfalke“-Festival in Bad Tölz und berichtet über seine Reise entlang des Jangtsekiang durch China. Beginn ist um 13.30 Uhr im Kurhaus. Der Eintritt kostet 14,50 Euro, Kinder (bis 14 Jahre) zahlen 8,50 Euro. Alle Vorverkaufsstellen in der Region sind im Internet auf www.wunderfalke.de aufgelistet. Mehr Infos über Andreas Pröve gibt es auf der Seite www.proeve.com
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