Corona

Fachklinik Bad Heilbrunn: „Froh um jeden Tag ohne Covid-19-Fall“

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Vor großen Herausforderungen steht in der Corona-Krise die Leitung der Fachklinik Bad Heilbrunn (v. li.) Alexander Heim (kaufmännischer Direktor), Dr. Thomas Haberer (leitender Oberarzt Kardiologie), Dr. Peter Bader (Chefarzt Neurologie), Dr. Doris Gerbig (Pandemiebeaufragte), Maximilian Roth (stellvertretender kaufmännischer Direktor), Dr. Andreas Liebl (Chefarzt Diabetologie) und Dr. Michael Fäßler (Chefarzt Orthopädie).
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Die Corona-Pandemie hat den Alltag in allen Kliniken auf den Kopf gestellt – selbst wenn die einzelnen Häuser auf den ersten Blick wenig mit Infektionskrankheiten zu tun haben. Ein Besuch in der Fachklinik in Bad Heilbrunn – einer „Non-Covid“-Einrichtung.

Bad Heilbrunn – Deutschlands Kliniken haben sich in den vergangenen Wochen auf die Behandlung von Covid-19-Patienten eingestellt. Die Fachklinik Bad Heilbrunn, die vor allem Rehaufenthalte zum Beispiel nach Transplantationen oder Hüftimplantationen anbietet, gehört nicht zu den Häusern, in die im Ernstfall Corona-Patienten eingeliefert würden. Und doch hat die Pandemie auch hier vieles auf den Kopf gestellt. „Und es ist in keiner Weise so, dass irgendetwas vorbei ist“, betont Dr. Doris Gerbig.

Die Chefärztin der Inneren Medizin für den Bereich Transplantationsnachsorge hat seit einiger Zeit einen zusätzlichen Titel: „Pandemie-Beauftragte“. Gemeinsam mit dem kaufmännischen Direktor Alexander Heim, der nun „Leiter des Krisenstabs“ ist, fällt ihr damit im Haus eine zentrale Rolle in der Corona-Krise zu. „Aber es kommt auf jeden einzelnen Mitarbeiter an“, betonen beide, als sie den Tölzer Kurier in der Fachklinik zum Gespräch empfangen. Der Zutritt ist nur mit Mundschutz erlaubt. Am Eingang ist ein Fragebogen auszufüllen, und es wird Fieber gemessen.

Isolierstation noch nicht benötigt: „Gott sei Dank!“

Die Pandemie hat umfangreiche Auswirkungen auf den Klinikbetrieb: Vor allem gilt es, wo irgend möglich zu verhindern, dass sich das Virus in der Einrichtung ausbreitet. „Wir haben uns von Anfang an auf das Schlimmste eingestellt“, sagt Heim. Die Zustände im italienischen Bergamo, wo Patienten mit vermeintlich harmlosen Grippesymptomen das Virus rasend schnell in Krankenhäusern verbreitetet hätten, sei das abschreckende Beispiel gewesen. „Das war für uns ein Schuss vor den Bug“, sagt Dr. Gerbig.

Schon seit Februar habe die Fachklinik unter anderem damit begonnen, einen Notfallplan aufzustellen, Hygienekonzepte anzupassen und Mitarbeiter zu schulen. „Ab Anfang März sind wir darangegangen, eine Station leer zu räumen und zur Isolierstation umzubauen.“ Ein infizierter Fachklinik-Patient könnte hier umgehend separiert werden: in einer „unabhängigen Einheit inklusive eigenem Lager, Essensversorgung und Putzkolonne“, so Gerbig. Betretbar ist die Isolierstation nur über eine Schleuse. „Gott sei Dank war diese Arbeit umsonst“, sagt Heim. Denn bislang ist der Ernstfall nicht eingetreten. Mittlerweile wurde die Isolierstation etwas verkleinert, besteht aber noch.

Ambulante Reha findet in der Fachklinik nicht mehr statt – ständiges Kommen und Gehen ist in Corona-Zeiten nicht denkbar. „Frisch transplantierte Patienten haben wir noch vor dem Lockdown nach Hause geschickt“, sagt Dr. Gerbig. „Bei ihnen ist das Immunsystem unterdrückt. Sie sollen sich zu Hause in einen quarantäneähnlichen Zustand begeben. Die Reha wird später nachgeholt.“

Ein Besuchsverbot erließ die Fachklinik, noch bevor es bayernweit per Verordnung eingeführt wurde. Gleiches gilt für die Maskenpflicht für die Mitarbeiter. Im Speisesaal essen die Patienten in drei Schichten, jeder an einem Einzeltisch, auf Wunsch auch im Zimmer. Gruppentherapien werden in deutlich kleinerem Kreis abgehalten, in den 100 Personen fassenden Vortragssaal werden noch höchstens 24 zugelassen.

Vor Rückkehr ins Heim Quarantäne in Bad Heilbrunn

Seit Kurzem wird ausnahmslos jeder Patient, der in der Fachklinik eintrifft, per Mund-Rachen-Abstrich auf Corona getestet – bisher passierte das nur, wenn sich beim Screening Verdachtsmomente ergaben. „Bis das Ergebnis vorliegt, wird er in seinem Zimmer isoliert“, erklärt Dr. Gerbig.

Am Abend desselben Tages liege das Ergebnis vor – es war zum Glück bis jetzt immer negativ. „Aber es ist uns klar, dass es jederzeit auch anders sein kann“, sagt die Pandemie-Beauftragte. In diesem Fall werde in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt entschieden, ob man den Betroffenen in die häusliche Quarantäne heimschickt, in ein Akutkrankenhaus oder ein als Covid-19-Klinik vorgesehenes Hilfskrankenhaus verlegt. Für die Zusammenarbeit mit dem Tölzer Gesundheitsamt ist Gerbig übrigens voll des Lobes.

Auch dass die rund 400 Mitarbeiter das Virus nicht in die Klinik tragen, ist ein Thema von höchster Priorität. „Wenn jemand morgens Halskratzen hat, dann fährt er bei uns in die Tiefgarage, und ein Kollege in Schutzkleidung nimmt bei ihm einen Abstrich“, berichtet die Chefärztin.

Auch wenn sie selbst keine Covid-19-Patienten aufnehmen würde, erfüllt die Fachklinik doch ihre Rolle im Corona-Notfallplan für das Oberland. Das Heilbrunner Haus wurde als „Non-Covid-Klinik“ eingeteilt. Das heißt, ihr kommt im Bedarfsfall die Aufgabe zu, Corona-negative Patienten aus Akutkrankenhäusern zu übernehmen, falls diese überlastet sind.

Außerdem hat die Fachklinik eine Quarantäne-Station mit zehn Plätzen eingerichtet. Hier kommen Menschen unter, die nach einem Klinikaufenthalt zurück in ein Pflegeheim verlegt werden sollen. „Altenheime sind die verletzlichsten Bereiche der Gesellschaft“, sagt Dr. Gerbig. „Sollte dort Corona ausbrechen, muss man befürchten, dass es ein Viertel der Bewohner nicht überlebt.“ Um auszuschließen, dass infizierte Bewohner wiedereinziehen, müssen diese vorher in eine 14-tägige Quarantäne.

Klinikbetrieb mit angezogener Handbremse 

Für die Fachklinik handelt es sich um eine völlig neue Patientengruppe. „Es sind meist schwerkranke Patienten mit dem Pflegegrad vier oder fünf, viele sind dement“, erklärt Gerbig.

Die Abstands- und Vorsorgeregeln auf der einen und die Quarantäne- und Reservekapazitäten auf der anderen Seite haben zur Folge, dass die Fachklinik „zurzeit nur mit angezogener Handbremse fahren kann“, sagt der kaufmännische Direktor.

Sogenannte elektive Patienten darf die Klinik zurzeit nicht aufnehmen – also diejenigen, die ohne akuten Anlass im landläufigen Sinne zur „Kur“ kommen, etwa zwei Jahre nach einem Schlaganfall oder Unfall.

Zurzeit hat die Fachklinik nur 240 statt der sonst üblichen 300 Plätze belegt – „obwohl mehr Rehabedarf da wäre“, sagt Heim. Aktuell wartet die Klinikleitung auf den Bescheid der Regierung, wie viele Betten sie im aktualisierten Pandemie-Notfallplan freihalten muss. Beantragt hat die Klinik, dass es 15 Prozent sind, im Höchstfall wären es 30 Prozent.

Wirtschaftlich aber werde man „über die Runden kommen“, sagt Heim. „Natürlich haben wir nicht unsere Regeleinnahmen. Aber wir können froh sein, das wir in Bayern sind“, sagt er. Denn der Freistaat lege bei den Ausgleichszahlungen für leer stehende Betten noch mal etwas mehr drauf.

Nach wie vor trifft sich die siebenköpfige Klinikleitung jeden Mittag zur Lagebesprechung. Die Anforderungen und Szenarien ändern sich ständig. Auch eine größere Coronawelle bleibt ein realistisches Szenario, auf das man vorbereitet sein muss. „Wir tun alles, was in unserer Macht steht“, sagt Heim. „Aber man muss sagen, dass wir auch einfach großes Glück hatten.“ Ein „gesundes Maß an Demut“ sei angebracht. „Wir sind um jeden Tag froh, an dem wir hier keinen Covid-19-Fall haben.“

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