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Chaotische Wendemanöver spielen sich regelmäßig an der Nördlichen Münchner Straße in Grünwald ab. Der Grund: Hier befindet sich das afghanische Konsulat – und das hat in Grünwald ein Alleinstellungsmerkmal.
Grünwald - Die Wünsche, Vorschläge, Anregungen und Anträge schwappten in den vergangenen Wochen bei der Gemeinde Grünwald nur so herein: vielleicht ein Kino mit Tapas Bar? Ein Sprungbrett im Freizeitbad, der altbekannte Tunnel durch die Ortsmitte oder ein neues Kunstwerk im Grünzug? Es schien ein einziges Wünsch-Dir-Was-Konzert zu werden. Vor allem aber wurde der stehende und fahrende Verkehr bei der Bürgerversammlung im Gymnasium angesprochen, zu der rund 200 Gäste kamen. Ziemlich genau zur Halbzeit der Veranstaltung in der Aula ploppte plötzlich ein kurioses Thema auf, das das Publikum aus den Sitzen hob. Das afghanische Konsulat in Grünwald hat ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.
Polizei bestätigt, dass Verkehr stark zugenommen hat
Nirgendwo in Grünwald gibt es einen Unfallschwerpunkt aus Sicht der Polizei. Teilweise herrschen allerdings chaotische Verhältnisse vor der afghanischen Botschaft. Wieso ausgerechnet dort? Im Zusammenhang mit einer Bürgeranfrage kam das Thema zur Sprache. Auf der Nördlichen Münchner Straße finden nach Beobachtungen von Anwohnern und Passanten vogelwilde Wendemanöver statt. Dass der Verkehr an der Stelle stark zugenommen hat, das haben der stellvertretende Dienststellenleiter der Polizei Grünwald, Jörg Greiner, und seine Kollegen schon vor einiger Zeit festgestellt.
Nur Konsulat in Grünwald hat noch eine Legitimation
Vor einem Monat hatte er einen Termin beim Generalkonsul der Republik Afghanistan an besagter hoch frequentierter Stelle. Die Regierung der Taliban in dem asiatischen Land habe allen Konsulaten und den meisten Botschaften in Europa die Legitimation entzogen, außer einem: dem Generalkonsulat in Grünwald. Diese Aussage in der Bürgerversammlung sorgte für großes Erstaunen, gemischt mit Kopfschütteln. Staatsangehörige, die ihre Angelegenheit zu regeln haben, kommen mittlerweile nicht nur aus ganz Deutschland nach Grünwald, sondern auch aus Österreich, der Schweiz, Belgien und Frankreich. Das Konsulat stellt zum Beispiel Heiratsurkunden aus, wie auf der Webseite zu lesen ist. Allerdings: Neben den Heiratswilligen müssen auch fünf erwachsene Zeugen zusammen mit einem Antragsschreiben und den erforderlichen Dokumenten vor Ort sein.
Konsul räumt Ausmaß des Ansturms ein
Das Problem des starken Publikumverkehrs betrifft vor allem das afghanische Generalkonsulat selbst, das ursprünglich lediglich für Bayern und Baden-Württemberg zuständig war und personell auch nur auf diese Größe zugeschnitten ist. Die Mitarbeiter des Konsulates sind darauf bedacht, ihren Bürgern im Rest Europas mitzuteilen, dass sie mehr nicht zu leisten imstande sind. Jörg Greiner: „Momentan ist viel im Fluss, Afghanistan betreffend.“ Seine persönliche Einschätzung geht dahin, dass die Taliban nicht damit zurechtkommen werden, wenn es nur noch ein Generalkonsulat für ganz Europa gibt. Er geht davon aus, dass es mittelfristig wieder vernünftige Regelungen geben wird. Denn der Konsul selbst gebe klar zu verstehen, dass er die Betreuung im derzeitigen Ausmaß nicht leisten könne. Das Konsulat sei sehr darauf bedacht, wenig Außenwirkung zu erregen. Das habe man der Polizei zugesichert.
Eine ungewollte Außenwirkung hat das Konsulat vor fünf Jahren erzielt, als binnen weniger Monate gleich zwei Häftlinge aus einem Toilettenfenster des Konsulats in Grünwald sprangen. Nur einen von beiden konnte später auf der Flucht wieder festgenommen werden. Der Fahrer einer Tram erkannte ihn an einer Haltestelle und rief die Polizei.
Polizei sieht keinen Handlungsbedarf
Aktuell hat die Außenwirkung völlig andere Züge. Bei seinem Besuch konnte der stellvertretende Dienststellenleiter selbst sehen, dass man viele auf dem Gelände des Konsulates warten lässt und extra nicht bei offener Tür auf dem Gehweg oder auf der Straße. Nichtsdestotrotz sei der Konsul auch wegen der schwierigen Parkraumsituation, die sich neu ergebe, schon auf die Nachbarn in Geiselgasteig zugegangen, mit der Bitte um Verständnis. Außerdem habe man der Polizei zugesichert, möglichen Abfall oder Müll abends wegzuräumen, falls die Besucher etwas liegen ließen. „Wir haben die Stelle im Blick, aber momentan besteht aus unserer Sicht kein Handlungsbedarf.“



