VonAndreas Steppanschließen
Nach einer unerwarteten Praxisschließung in Bad Tölz tun sich die Patienten teilweise schwer, einen neuen Hausarzt zu finden. Denn viele Mediziner arbeiten bereits am Limit und wollen keine zusätzlichen Patienten aufnehmen. Wie kann das sein in einer Region, die offiziell als „überversorgt“ gilt?
Bad Tölz – Es ist Erkältungszeit. Bis die nächste Grippewelle anrollt, ist es nur eine Frage der Zeit. Bei einem Tölzer Hausarzt einen Termin zu bekommen, ist aber alles andere als eine Selbstverständlichkeit: Einige Mediziner nehmen keine neuen Patienten auf. Viele Hausärzte arbeiten am Limit – und das in einer Region, die offiziell als überversorgt mit Praxen gilt.
Aus Sicht von Dr. Matthias Bohnenberger, Vorsitzender der „Tölzer Hausärzte“, ist es „kein Wunder“, wenn Kollegen Aufnahmestopps verhängen. Ganz aktuell habe sich die Lage durch die unerwartete Praxisschließung von Dr. Adalbert Diegmann verschärft. Der Internist war auch hausärztlich tätig. In seiner Praxis wird bereits nicht mehr behandelt, bevor Ende des Jahres ganz offiziell die Lichter ausgehen. Für die Frage nach den Hintergründen war Dr. Diegmann für den Tölzer Kurier nicht zu erreichen.
Laut Bohnenberger gibt es so eine Situation nicht zum ersten Mal. Auch als in den vergangenen Jahren Dr. Stefan Witt, Dr. Martin Landenberger oder auch in Reichersbeuern Dr. Sebastian Schindele aufhörten und es jeweils keinen Nachfolger gab, mussten sich deren Patienten auf die Suche nach neuen Hausärzten machen und strömten in die verbliebenen rund 15 Tölzer Praxen.
Abgesehen von solchen Ereignissen nennt Bohnenberger, der zusammen mit Dr. Gela Greilinger eine Gemeinschaftspraxis führt, eine Reihe grundsätzlicher Faktoren. „Die Ärzte werden älter, und es kommen nur wenige nach.“ Gleichzeitig habe es zuletzt viel Zuzug nach Bad Tölz gegeben, vor allem von der „Generation Ü 70“. So sei es logisch, dass der Ansturm auf die Praxen zunehme und die Ärzte Grenzen ziehen müssten. „Man kann nicht mehr als arbeiten, und der Tag hat nur 24 Stunden.“
Gleichzeitig hält es Bohnenberger aber auch für zumutbar, wenn Patienten – wie bei der Handwerkersuche – bei zwei bis drei Adressen nachfragen müssen, um neu aufgenommen zu werden. „Die Situation in Bad Tölz ist immer noch ein Luxus im Vergleich zu Regionen, in denen man 30 bis 40 Kilometer bis zum nächsten Hausarzt fahren muss.“
Ein neuer Hausarzt könnte sich gar nicht ansiedeln – außer, er übernimmt den Kassensitz eines anderen Arztes
Dem entspricht die Tatsache, dass die Kassenärztliche Vereinigung in Bad Tölz keine neuen Kassensitze vergibt, weil es offiziell ein „überversorgtes Gebiet“ ist, das heißt: Ein neuer Hausarzt könnte sich gar nicht ansiedeln – außer, er übernimmt den Kassensitz eines anderen Arztes, der aufhört. Damit sich die Lage in den kommenden Jahren nicht weiter zuspitzt, appelliert Bohnenberger an seine Kollegen, sich rechtzeitig um eine Nachfolgeregelung zu bemühen.
Geklappt hat so eine Übergabe, als Dr. Adelheid Raifer vor etwa sechs Jahren den Kassensitz von Dr. Gerhard Theodossiades übernahm. „Damals war ich die einzige Bewerberin“, erinnert sie sich. Aktuell hat auch sie einen Aufnahmestopp verhängt. Ihr Limit liegt eigentlich bei 1000 Patienten im Quartal. „Bis Ende Dezember werde ich aber auf 1100 kommen“, sagt sie. „Offiziell nehme ich daher niemanden mehr auf, sonst werde ich meinen Patienten nicht gerecht.“
Lesen Sie auch: Kritik und Lob für neuen ärztlichen Bereitschaftsdienst
Freilich sei das ein „zweischneidiges Schwert“. „Ich will ja auch keinen auf der Straße stehen lassen.“ Meist verweise sie an Kollegen, die noch gewisse Kapazitäten haben. Sie habe sich aber auch schon erweichen lassen, „wenn ältere Leute verzweifelt gesagt haben, dass sie niemanden finden, der ihnen ihr dringend benötigtes Rezept ausstellt.“ Bohnenberger versichert ebenfalls: „Im Notfall bleibt niemand unversorgt.“
Lesen Sie auch: Craft-Limo aus Bad Tölz: Gin mit Gurke, Enzian oder Salbei
Dr. Andreas Lang hat seine Gaißacher Praxis vor etwa einem Jahr erfolgreich übergeben, verfolgt die Lage als Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbands aber weiter aufmerksam. „Das Phänomen der Praxissperrung für Neu-Patienten gibt es schon lange“, sagt er. „Es dient dem Selbstschutz überlasteter Ärzte.“ Auch wenn es „formal“ in Bad Tölz keinen Ärztemangel gebe, hat Lang doch einen faktischen Mangel an „Arztzeit“ festgestellt, denn: „Die meist älteren und männlichen Kollegen haben weit mehr Arztzeit angeboten als die jüngeren und oft weiblichen Nachfolger.“ Das bestätigt Dr. Adelheid Raifer. Als Mutter eines sechsjährigen Sohnes könne und wolle sie nicht noch mehr arbeiten.
Lesen Sie auch: „Over-Tourism“: Walchensee-Gebiet überlastet wie Venedig - Neues Format soll Lösungen bringen
Erschwerend kommt aus Langs Sicht hinzu, dass die Liegezeiten in den Kliniken immer kürzer würden und der Bedarf an ambulanten Arztleistungen steige. „Solange aber mehr Leistung durch Budgetierung, Regresse, Kürzungen und teilweise Spott-Honorare bestraft wird, sehe ich schwarz für den notwendigen haus- und fachärztlichen Nachwuchs.“
