VonMichael Hudelistschließen
Die Münchener Straße in Freilassing steht vor einer zweijährigen Sanierung – erst Wasserrohre, dann Radstreifen. Bei einem Infoabend entlud sich der Frust der Geschäftsleute, die um ihre Kunden und Existenz bangen. Besonders der geplante Radstreifen und die Verkehrsführung während der Bauzeit sorgen für hitzige Diskussionen und viele offene Fragen.
Freilassing – Die Münchener Straße wird zwischen dem Kreisverkehr beim Rathaus und der Industriestraße ab Herbst 2025 bis Ende 2026 eine Großbaustelle: Zuerst werden Wasserrohre unter der Straße ausgetauscht (ab Herbst 2025), anschließend wird die Fahrbahn „ausgebaut“, um Fahrradstreifen unterzubringen (ab März 2026). Soweit die Fakten. Bei Anwohnern und Geschäftsleuten hatten sich viele Fragen angesammelt, die am Mittwochabend beim ersten Infoabend der Stadt zum Großteil von Martin Bambach vom Staatlichen Bauamt und von Bürgermeister Markus Hiebl beantwortet werden konnten. Die Verunsicherung ist groß. Kurt Ratzesberger vom gleichnamigen Zoofachgeschäft gegenüber dem Kaufland befürchtet, dass viele seiner Kunden – zu 60 Prozent aus Österreich – ausbleiben könnten: „Dann kann ich zusperren.“
Wie schon beim ersten Bauabschnitt der Münchener Straße ab dem Salzburger Platz fragen auch jetzt viele nach dem Sinn eines eigenen Radfahrstreifens auf der Fahrbahn. Warum könne man es nicht wie auf der Salzburger Straße und der Münchner Bundesstraße gestalten, wo Geh- und Radwege abseits der Fahrbahn gebaut wurden? „Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass diese Kombilösung nicht funktioniert. Die Radfahrer sind oft sehr rücksichtslos und fahren auf den kombinierten Geh- und Radwegen Fußgänger über den Haufen“, so Bambach, der für seine Feststellung spontan Applaus erntete. Darum sei der geplante Radfahrstreifen auf der Fahrbahn in Freilassing ein Kompromiss; für einen eigenen Radweg gebe es in der Münchener Straße schlichtweg zu wenig Platz.
„Kreuzungen sollen immer offen sein“, Martin Bambach
Unter den Besuchern sind fast alle Geschäftsleute und Leiter der Filialen in der betroffenen Münchener Straße. Der Aldi-Filialleiter will gleich wissen, wie die Zufahrt zum Discounter funktionieren soll, da die Kreuzung Münchener Straße und Schillerstraße (Aldi) in beiden Bauabschnitten vorkommt. „Was ist, wenn die Kreuzung dichtgemacht wird?“ Martin Bambach versucht zu beruhigen: „Wir werden versuchen, die Kreuzung immer offenzuhalten.“ Aber ähnliche Situationen gebe es auch beim Kaufland. Man baue erst auf der einen Seite der Straße, die andere Seite sei dann befahrbar – für den Anliegerverkehr, „den versuchen wir immer durchzubringen“.
Dass auch Kunden zum Anliegerverkehr zählen, müsse den Kunden bewusst gemacht werden; das sei Aufgabe der Stadt und der Betriebe. Es werde Hinweisschilder nach dem Vorbild der Reichenhaller Straße geben. Bei Aldi und bei der Gärtnerei Pichler werde man konkret versuchen, „ob man auch von hinten zufahren kann“. Zu diesem Zweck müssten das Fahrverbot in der Straße „Sonnenfeld“ und die Durchfahrtssperre aufgehoben werden; fix ist das aber noch nicht.
Wie bei einigen anderen Fragen zeigt sich, dass die jetzt präsentierte Planung weiterhin eine Art Grobplanung ist und viele Details erst noch geklärt werden müssen. „Darum sind wir hier, damit wir Ihre Fragen aufnehmen und Lösungen umsetzen können.“ Fakt ist, dass der Durchgangsverkehr über die Bundesstraße abgeleitet wird, „aber wer in Freilassing ein Ziel hat, wird irgendwo einen Weg finden“. Auch der Bürgermeister versucht zu beruhigen: „Wenn zum Beispiel jemand zum Blumen Pichler fahren will, wird er das können; es wird halt nur ein bisschen zäher und langsamer gehen.“ Seine Zusammenfassung: „Den Durchgangsverkehr wollen wir nicht. Anrainer und Kunden dürfen immer fahren, außer am Ende der Bauarbeiten bei Deckenarbeiten.“
Keine Umleitung innerhalb der Stadt
„Umleitungen innerhalb der Stadt werden wir nicht kennzeichnen“, verspricht der Bürgermeister und meint damit die nördliche „Umfahrung“ über die Laufener Straße, Matulusstraße, Richard-Strauss-Straße und Obere Feldstraße sowie die südliche Umfahrung der Baustelle über die Ludwig-Zeller-Straße und die Rupertusstraße. Aber die Stadt müsse reagieren, wenn die Schleichwege überlastet sind, und Halteverbote aufstellen, „zeitlich befristet, zum Beispiel von 7 bis 18 Uhr, um den Verkehr einigermaßen flüssig zu halten“, so Hiebl, aber: „Das ist noch nicht ausgearbeitet.“ Diese Einschränkung hört man noch öfter an diesem Abend.
„Bitte rund um die Uhr, dann haben wir es schneller hinter uns“, ein Anwohner
Bei der wichtigsten Ost-West-Verbindung der Stadt mit 15.000 Kfz pro Tag muss natürlich auch die Frage kommen, warum man die Bauarbeiten nicht schneller über die Bühne bekomme, zum Beispiel mit Arbeiten in der Nacht. „Ich weiß, das kostet mehr, aber eine lang dauernde Baustelle kostet die Geschäfte und damit die Wirtschaft auch mehr“, so ein Anwohner. Martin Bambach hat offensichtlich auf diese Frage schon gewartet: „Ich kenne das von vielen Baustellen.“ Aber schon ohne Nachtbaustellen sei das Abwickeln von Bauverträgen sehr kompliziert. „Für eine Nachtbaustelle brauchen Sie unzählige Ausnahmegenehmigungen, denn Sie stören ganz einfach die Nachtruhe.“ Und, noch wichtiger, man brauche eine Baufirma, die ihre Mitarbeiter nachts arbeiten lässt. „Die werden Sie nicht finden, weil es bekanntlich ohnehin zu wenig Fachkräfte gibt“, erklärt Bambach. Bei Autobahnbaustellen sei das zum Teil noch möglich, wobei hier die Verkehrssicherung oft schon mehr koste als die eigentlichen Bauarbeiten. Doch der Besucher hakt nach und meint, bei Tunnelbaustellen würde auch 24 Stunden gearbeitet. Doch auch hier hat Bambach eine Antwort sofort parat: Bei Tunnelbaustellen würden die entsprechenden Bohrmaschinen so viel Geld kosten, dass diese einfach 24 Stunden in Betrieb sein müssten.
Neue Ampelschaltung bei Kreuzung Obere Feldstraße
Die Ampelschaltung an der Kreuzung Münchener Straße/Obere Feldstraße strapaziert offensichtlich nicht nur die Nerven der Autofahrer, die vom Kaufland kommend beim Versuch, links in die Obere Feldstraße einzubiegen, gefühlt ewig auf eine kurze Grünphase warten müssen. Auch ein Fußgänger beklagt sich bei der Infoveranstaltung, dass er nie ein grünes Licht bekommt. Die Ampel sei leistungsfähig und bekomme eine neue Schaltung, auch deshalb, weil es vom Kaufland kommend keine eigene Rechtsabbiegespur mehr in Richtung Schillerstraße (Aldi) geben wird.
Im zweiten Bauabschnitt – von der Schillerstraße (Pichler) bis zur Industriestraße – sind zahlreiche Geschäfte betroffen, von der ARAL-Tankstelle über Deichmann bis zum Zoo Ratzesberger. Hier kommt schnell die Frage auf, ob eine Zufahrt „von hinten“, also über die Sägewerkstraße (McDonald’s, BayWa), möglich ist. Ja, sagen Bürgermeister und Bauamts-Vertreter. Man überlege auch, ob man am BayWa-Platz Parkflächen bekommen könne, wenn es zum Beispiel am Sonnenfeld Parkverbote geben sollte.
„Kämpfen um unsere Existenz“, Kurt Ratzesberger
Eine sehr ausführliche Schilderung der wirtschaftlichen Situation des Einzelhandels allgemein und seines Zoofachgeschäfts im Besonderen liefert Kurt Ratzesberger: „Es geht hier um unsere Existenz. Ich habe den Eindruck, alle kümmern sich nur um die Geschäfte in der Hauptstraße, und was bei uns draußen passiert, ist egal.“ Er sei jetzt 23 Jahre in der Stadt, erst in der Laufener Straße, jetzt in der Münchener Straße. Sein Einzugsgebiet sei 200 Kilometer groß, und 60 Prozent seiner Kunden kommen aus Österreich. „Wenn wegen der Baustelle dann nur noch jeder zweite Kunde kommt, kann ich zusperren.“ Er befürchtet ganz generell, dass Freilassing keine attraktive Einkaufsstadt mehr ist. „Wir verbauen Millionen für die Hauptstraße, aber die ist tot. Und für uns außerhalb der Hauptstraße hat man noch nie etwas gemacht“, so sein Rundumschlag in Richtung Bürgermeister und Wirtschaftsforum.
Der angesprochene Bürgermeister geht darauf ein und meint, dass alle mit dem starken Online-Handel zu kämpfen hätten. „Damit müssen wir umgehen. Auch was seit 2015 an der Grenze los ist, finde ich nicht gut.“ Ratzesberger ist nach der Veranstaltung zumindest „zufrieden“, dass die ersten Meldungen von zwei Jahren Vollsperre nicht stimmten. „Ich werde schon im August eigene Flugzettel erstellen und meine Kunden informieren sowie um ihre Hilfe bitten.“
„Radweg, braucht’s das überhaupt?“
Neben den vielen sachlichen Fragen zu den Bauarbeiten kommt auch eine generelle, politische Frage, die eigentlich vor einigen Jahren schon entschieden wurde: „Braucht’s auf einer stark befahrenen Straße mit 15.000 Kfz pro Tag wirklich noch einen Radweg?“, gemeint ist der Radfahrstreifen auf der Fahrbahn. Applaus brandet auf. Und der Besucher fährt fort, er habe den Eindruck, bei Straßenbauten seien mittlerweile Fußgänger und Radfahrer wichtiger als Autofahrer: „Meinen Sie, dass die Österreicher mit dem Lastenfahrrad zu uns herüberfahren? Wenn wir Autos weiterhin aussperren, werden wir ja sehen, was passiert.“ Bambach lässt sich auf keine Diskussion über politisch getroffene Entscheidungen ein. Fakt sei, dass Radfahrer auf der Fahrbahn besser aufgehoben seien und eine Straße eben für alle da sei.
Nach Straßenausbau nächste Baustelle: Sparkasse
Ein Vertreter eines Drogeriemarkts in der Hauptstraße meldet sich zur Münchener Straße zu Wort. Er befürchtet, dass nach dem Ende des Straßenausbaus die wichtige Ost-West-Verbindung weiterhin eine Baustelle bleibt: dann nämlich, wenn die Sparkasse ihre Geschäftsstelle am Salzburger Platz umbauen wird. Hiebl sagt, man sei hier noch in der Abstimmung mit der Sparkasse. Ob mit dem Bau 2026 begonnen werde, habe der Vorstand noch nicht final entschieden. „Aber selbst wenn, wird das keine Auswirkungen auf die Münchener Straße haben“, verspricht der Bürgermeister. Die Stadt werde der Sparkasse nur den oberirdischen Parkplatz für Baucontainer zur Verfügung stellen, die Sparkasse verpflichte sich im Gegenzug, auf die ohnehin nicht ausgelastete Tiefgarage hinzuweisen.
Erfahrungen aus Reichenhaller Straße
Von seinen Erfahrungen bei den Bauarbeiten in der Reichenhaller Straße berichtet ein Anwohner vom Heideweg. Dort habe sich sehr schnell ein Durchgangsverkehr über enge Nebenstraßen gebildet, dem die Stadt machtlos gegenübergestanden habe. Wie könne man das stoppen, sodass beispielsweise keine 40-Tonner durch enge Straßen fahren? Hiebl wiederholte, dass man keinen Durchgangsverkehr in der Stadt wolle. „Wir werden beispielsweise auch den Kiesunternehmer Moosleitner auffordern, dass seine Lkw die Umgehungsstraße nutzen.“ Wichtig sei, dass auch alle Unternehmen ihre Lieferanten über die Sperre für den Durchgangsverkehr informieren.
Was ist mit Pendlerkindern?
Nach über zwei Stunden der Fragen und Antworten kommt dann noch eine Mutter zu Wort, mit einer Frage, auf die weder der Bürgermeister noch Martin Bambach eine Antwort wissen: „Was ist mit den Pendlerkindern?“, gemeint sind Kinder, die täglich mit der Linie 24 zu einer Schule nach Salzburg pendeln. „Wie kommt mein Kind in die Schule? Ich kann nicht meinen Job aufgeben, und zur S-Bahn ist es viel zu weit“, so die besorgte Mutter. Kurze Stille im Saal. „Da sind wir gerade blank“, so Hiebl. Ein Vertreter des Busunternehmens meint, man werde provisorische Haltestellen einrichten; wo, sei noch unklar und vom Bauverlauf abhängig. (hud)

