VonMarc Kniepkampschließen
In zwei Straßen in München probte die Stadt einen autofreien Sommer: Jetzt liegen die Ergebnisse der Anwohner-Befragung vor. Viele sind begeistert, doch es gibt auch Kritik. Besonders die Kommunikation muss verbessert werden.
München – Die Emotionen bei Anwohnern und Autofahrern kochten hoch: Einen Sommer lang probierte die Stadt im vergangenen Jahr aus, wie die Zukunft der Mobilität in den Stadtvierteln Münchens aussehen kann – und das (fast) ohne Autos. Jetzt haben die Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) gemeinsam mit dem Mobilitätsreferat und dem Planungsreferat die Ergebnisse dieses Tests unter Realbedingungen ausgewertet.
Gemischte Reaktionen auf Test im Münchner Vierteln
Was war passiert: Im Sommer 2023 wurden in der Kolumbusstraße in der Südlichen Au und am Walchenseeplatz in Obergiesing Straßenzüge in Grün- und Aufenthaltsflächen umgewandelt. Das Modellprojekt lief unter dem Titel „aqt–autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt“. Begleitet wurde der Versuch von massiven Protesten der Anwohner.
Nach Abschluss des Versuchs waren die Haushalte in den beiden Quartieren zu einer Online-Befragung eingeladen worden. Besonders an der Kolumbusstraße war die Beteiligung groß, am Walchenseeplatz haben weniger Menschen teilgenommen. Die Ergebnisse zeigen ein interessantes Stimmungsbild.
Anwohner können sich mehrheitlich eine Wiederholung vorstellen
Demnach befürwortete eine Mehrzahl der Anwohner das Projekt und wünschte sich sogar weitere Initiativen dieser Art. Dabei war die Begeisterung in der Südlichen Au deutlich größer als am Walchenseeplatz. In der Südlichen Au bewerteten 60 Prozent der Befragten das Projekt insgesamt positiv, 31 Prozent äußerten sich negativ. Am Walchenseeplatz hielten sich positive (45 Prozent) und negative (42 Prozent) Bewertungen quasi die Waage.
Interessant: Die meisten Befragten sind bereit, sich erneut auf solche Experimente zur Zukunft der Mobilität einzulassen. Auch hier ist die Bereitschaft in der Südlichen Au (68 Prozent bereit und 18 Prozent nicht bereit) größer als am Walchenseeplatz (58 Prozent bereit und 24 Prozent nicht bereit).
Kommunikation wird von vielen Befragten als negativ bewertet
Ein großes Problem der Projekte war die Kommunikation im Vorfeld. Jeweils ein Drittel der Befragten in beiden Quartieren bewertete die Kommunikation als negativ. Die selbstkritische Einschätzung der Forscher: „Für zukünftige Projekte ist es daher entscheidend, die Kommunikation noch durchdachter, transparenter und bürgernäher aufzusetzen, um alle Beteiligten zu erreichen und einzubinden.“
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Unterschiedliche Erwartungen und Ansprüche an den öffentlichen Raum
Allerdings können offenbar nicht alle Probleme durch eine bessere Kommunikation behoben werden. Dafür sind die Ansprüche an den öffentlichen Raum zu unterschiedlich, was eine weitere Frage zeigt. „Beim Thema Parken wurden unterschiedliche Ansprüche an den öffentlichen Raum sichtbar. Die einen freuen sich über die andere Nutzung des öffentlichen Raums durch mehr Begrünung und Aufenthalt, andere sprechen sich gegen die Reduktion von Parkplätzen aus“, heißt es in der Auswertung.
Forscher betonen: Projekt hat wichtige gesellschaftliche Debatten angestoßen
Das Projekt habe diese unterschiedlichen Ansprüche sichtbar gemacht und so gesellschaftliche Debatten angestoßen – langfristig sei dies ein positiver Effekt. „Durch gegenseitiges Zuhören und Aushandeln fand nicht nur ein Dialog statt – es konnten auch gemeinschaftlich Gestaltungsvorschläge erarbeitet werden“, so die Hoffnung der Forscher.
