- VonHeidi Siefertschließen
Die Autorin Birgit Lutz hat mit „Nachruf auf die Arktis“ ein neues Buch geschrieben. Trotz des Titels hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben.
Schliersee – Verschwundene Gletscher, von Lawinen abgerissene Küstenabschnitte, Wissenschaftler, die in Tränen ausbrechen. Es sind beklemmende Erfahrungen, die Birgit Lutz im Rahmen der Recherche für eine Reportage über die Arktis machte. Über den eigentlichen Artikel hinaus entstand daraus das neueste Buch der Arktis-Spezialistin aus dem Oberland: „Nachruf auf die Arktis“. Darin beschreibt die Schlierseeerin die Veränderungen im Nordpolarmeer und hat damit nicht nur einen lesenswerten Reisebericht verfasst.
Werk liefert verstörende Fakten über den Klimawandel, bleibt aber zuversichtlich
Ihre fundierte Betrachtung sieht sie selbst „fast schon als Nachschlagewerk zum Klimawandel“. Eines, das sich mit dem großen Ganzen beschäftigt, aber auch sehr analytisch den Bogen zum Alltag spannt. Und eines, das nicht nur verstörende Fakten liefert, sondern auch einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft richtet. Nicht von ungefähr hat Lutz dem umfangreichen, mit Bildern und Grafiken angereicherten Band mit „Noch können wir die Welt retten“ einen hoffnungsvollen Untertitel gegeben.
Schriftstellerin ist seit vielen Jahren in den kältesten Regionen der Welt unterwegs
Am Anfang seien die vielfach gestellten Fragen gewesen, ob man den Klimawandel in solchen Regionen sehen könne, schickt Birgit Lutz voraus. Seit vielen Jahren bewegt sie sich in den kältesten Regionen der Welt, marschierte auf Ski zum Nordpol, begleitete Expeditionsboote und arbeitet für das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung an einem Forschungsprojekt über Plastik, für das sie an den Stränden Spitzbergens Müll sammelt. Seit 2015 die Veränderungen enormen Schwung aufgenommen hätten und die Menschen vor Ort spüren ließen, dass etwas geschehe, „das größer ist als alles, was die Menschheit bisher gesehen hat“, begann Lutz, ihre Eindrücke aufzuschreiben. Als sie der Schweizer Tagesanzeiger mit einem „Nachruf auf die Arktis“ beauftragte, begab sie sich auf die Reise.
Birgit Lutz: „Für mich war es das bisher schwierigste Projekt“
Zwei Jahre arbeitete sie daran, um wie schon in früheren Büchern aus vielen Puzzleteilen ein umfangreiches Bild zu zeichnen und dabei eigene Eindrücke mit den belastbaren Aussagen von Wissenschaftlern unterschiedlicher Genres zu unterlegen. So kommen etwa Meeresbiologen, Permafrostforscher, Glaziologen, Klimafolgenforscher, Energieökonomen, Psychologen und Philosophen zu Wort. „Für mich war es das bisher schwierigste Projekt, aber es hat auch immer wieder viel Spaß gemacht“, resümiert Lutz, die diese Gespräche besonders beeindruckten. Auch vor dem Hintergrund, dass ältere Wissenschaftler neben Faktenwissen auch auf einen unschätzbaren Fundus subjektiver Erfahrungen zurückgreifen könnten. Seit Jahren sprächen sie konkret die Probleme an, aber ihre Warnungen würden nicht gehört. Nicht nur einer ihrer Gesprächspartner sei während der Interviews in Tränen ausgebrochen. „Und das waren alles andere als Gefühlsdusler“, sagt die Autorin aus Schliersee.
Demnächst Lesung in der Schlierseer Bücheroase
So klar der „Nachruf auf die Arktis“ die existenzbedrohenden Probleme aufzeigt: Es gehe hier nicht um Endzeitstimmung, betont Lutz. Eher um eine Zwischenbilanz auf einem Weg nach vorn mit Vorschlägen für Lösungswege, um zu ermuntern statt zu bevormunden. An Entscheidungsträger appelliert sie, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, die nicht schon jeden Einkauf zu einer Abwägung zwischen unterschiedlich schlechten Angeboten werden lassen. Mit dem Philosophen Christoph Rehmann-Sutter spricht sie über den Freiheitsbegriff, der hinsichtlich des Klimas aktuell so gelebt wird, dass zwei, drei Generationen durch ihre Lebensweise allen folgenden gravierende Freiheitseinschränkungen auferlegen. Dass es auch anders geht, ist bei Lutz nachzulesen.
Buch und Lesung: Birgit Lutz’ „Nachruf auf die Arktis. Noch können wir die Welt retten“ (erschienen bei btb) ist zu 18 Euro im Buchhandel erhältlich. Am Donnerstag, 1. Dezember, liest die Autorin daraus im Heimatmuseum in Schliersee. Die Lesung mit Bildvortrag beginnt um 19.30 Uhr. Karten (15 Euro) gibt es in der Schlierseer Bücheroase oder an der Abendkasse.