Michael Deschermeier und Anton Holzner

Bad Tölz ehrt Politiker und benennt Straßen um

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Der künftige Michael-Deschermeier-Weg führt von der Isarbrücke die Mauer entlang. Der SPD-Politiker hatte in der Nähe gewohnt.

Der Tölzer Stadtrat hat beschlossen, nach den Politikern Michael Deschermeier und Anton Holzner Straßen zu benennen.

Bad Tölz – Es hat (zu) lange gedauert, doch nun hat der Stadtrat Versäumnisse seiner Vorgänger korrigiert und zwei fast vergessene Politiker gewürdigt, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus und nach dem Krieg um Bad Tölz verdient gemacht haben. Nach dem Sozialdemokraten Michael Deschermeier (1885-1945) wird der Fußweg von der Isarbrücke hinab benannt. Die Bürgermeister-Stollreither-Promenade bleibt nur noch zwischen den beiden Isarbrücken erhalten. Der nördliche Bereich, ab Isarbrücke isarabwärts, wird in Bürgermeister-Holzner-Promenade umbenannt.

Anton Holzner (1902-1965) lenkte ab 1945 drei Jahre die Geschicke der Stadt. Erich Mayer, der 82-jährige Neffe Holzners, verfolgte aufmerksam die Diskussion, auf die er lange hatte warten müssen und kommentierte das Ergebnis so: „Was lange währt, wird endlich gut.“ Josef Förster, über seine Frau mit Michael Deschermeier verwandt, sagte: „Ich bin sehr dankbar, dass es nun endlich geklappt hat.“

Dritter Bürgermeister Christof Botzenhart blickte in der Stadtratssitzung am Dienstag zunächst zurück auf die Weihnachtssitzung 2018, als der Stadtrat nach dem Vorbild des Hindenburg-Projekts eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen hatte, die sich mit dem Leben und Wirken von Deschermeier, Holzner und Stollreither befasste. In dem Arbeitskreis saßen Botzenhart, Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr, Franz Mayer (Grüne), Josef Förster und Christoph Schnitzer. Das Ergebnis ihrer Recherchen mündete in der einstimmigen Empfehlung für eine Ehrung durch einen Straßennamen.

Die Straßen für die Würdigung sind nicht willkürlich ausgesucht

Im Fall Stollreither riet der Arbeitskreis zu einem Vorgehen wie bei der Hindenburgstraße. Damals entschied der Stadtrat, den Straßennamen des umstrittenen Reichspräsidenten nicht zu ändern und damit Geschichte auszulöschen, sondern ihn durch Informationen zu ergänzen. Im Fall Hindenburg geschah dies durch einen künstlerisch gestalteten Informationsweg. Auch bei Stollreither soll der Straßenname teilweise bleiben, aber eine Zusatztafel darauf hinweisen, dass er „den Nationalsozialismus in Wort und Tat förderte“.

 Botzenhart erinnerte daran, dass Michael Deschermeier im Gries in der Messerschmiedgasse gewohnt und sich dort auch mit Gleichgesinnten getroffen hatte. Vorteil zwei: Es gibt nur drei Anlieger. Damit die nicht ihre Adresse ändern müssen, wird für den Fahrweg nach dem Parkplatz die schöne alte Bezeichnung „Am Quai“ beibehalten. Der Name Michael-Deschermeier-Weg gilt nur für den Fußweg entlang der Mauer.

Auch bei Anton Holzner gibt es einen historischen Bezug zum neuen Straßennamen. Die Bürgermeister-Holzner-Promenade führt auf Höhe der ehemaligen Tennisplätze an seinem früheren Wohnhaus vorbei. Obwohl Holzner 1948 nicht ganz im Frieden aus seinem Amt schied, vererbte er unter anderem dieses Haus der Stadt.

„Deschermeier und Holzner waren anders. Sie sind unsere Vorbilder.“

AK-Mitglied Franz Mayer listete auf, was die Stadt beziehungsweise ihre Bürger in 25 Jahren an Vergangenheitsaufarbeitung auf die Beine gestellt haben. Eine ganze Menge nämlich. 1995 wurde das Todesmarsch-Mahnmal aufgestellt, 2003 eine Erinnerungstafel sowie 2019 eine Schulbenennung für das Mitglied der Weißen Rose, Marie-Luise Schultze-Jahn, initiiert. 2005 fasste der Stadtrat den Beschluss, Ge(h)denksteine für die Tölzer Opfer des Nationalsozialismus zu verlegen. 2013 begann der AK Hindenburg seine Arbeit.

Für Mayer sind die aktuellen Straßenbenennungen gewissermaßen ein Schlusspunkt. „Und warum tun wir all das so viele Jahre nach Kriegsende?“, stellte er die Frage in den Raum und fand gerade mit dem Fall Stollreither eine Antwort mit sehr aktuellem Bezug. Jugendliche dürften eben nicht das Gefühl haben, dass Unterstützer des Nationalsozialismus in Ehren gehalten werden. Auch so werde Rechtsextremismus ein Stück weit salonfähig. Mayer: „Mittäter taugen nicht als Vorbilder. Deschermeier und Holzner waren anders. Sie sind unsere Vorbilder.“ chs

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