VonVeronika Ahn-Tauchnitzschließen
Vor gut einem Jahr wäre der Tölzer Tim Wortmann bei einem Bergunfall fast gestorben. Jetzt ist er zurück auf dem Berg - wenn auch manchmal unter Schmerzen.
Bad Tölz – Es war ein falscher Schritt, der Tim Wortmann fast das Leben gekostet hätte. Etwa 150 Meter stürzte der Tölzer bei einem Trainingslauf an der Schaufelspitze im Karwendel ab. Beim Fallen schlug er mehrere Male auf, bevor er schließlich schwer verletzt in einem Kar liegen blieb. Trotzdem gelang es ihm noch, selbst den Notruf zu wählen. Nachdem ihn die Bergretter gefunden hatten, brachte ihn der Helikopter ins Innsbrucker Krankenhaus. Dort lag der 36-Jährige einige Zeit im Koma.
14 Monate liegt der Unfall des einstigen Ultra-Trailläufers, der 180 Kilometer am Stück lief und dabei mehrere 1000 Höhenmeter überwand, zurück. „An und für sich geht es mir gut und stetig bergauf“, sagt Wortmann. Dass das so ist, liegt auch an einer Knie-OP aus dem Dezember. Die konnte Wortmann dank zahlreicher Spenden, die über die Internetplattform „GoFundMe“ zusammenkamen, finanzieren, da die Krankenkasse nur einen geringen Teil davon übernahm. „Im Dezember kommt jetzt noch das Metall raus. Aber für das, was alles kaputt war, funktioniert das Knie eigentlich wieder sensationell.“
Tatsächlich ist Wortmann auch schon wieder in den Bergen unterwegs – zumindest bergauf. „Darüber bin ich superglücklich. Runter ist es aber schwierig. Das wird wohl noch ein bisschen dauern.“ Trotz dieses schmerzhaften Handicaps wagte sich der Sportwissenschaftler und -therapeut an einen Berg, bei dem ihm keine Bahn beim Abstieg hilft. Am 19. Juni, dem Jahrestag seines Unfalls, nahm er erneut die Schaufelspitze im Karwendel in Angriff. „Es war wichtig für mich, um den Unfall zu verarbeiten“, sagt er. An jenem Tag schaffte er es allerdings noch nicht bis ganz nach oben. „Aber das war okay.“ Im August stand Wortmann dann aber auf dem 2306 Meter hohen Gipfel. „Es war ein emotional aufgeladener Moment. Es war schon hart für mich.“ Wortmann suchte seinen Eintrag im Gipfelbuch vom 19. Juni 2018. „A Träumchen“ hatte er damals geschrieben, bevor er sich an den Abstieg machte, der ihm zum Verhängnis wurde.
150-Meter-Sturz: Was damals genau passiert ist, weiß Tim Wortmann nicht
Was damals genau passiert ist, daran erinnert sich der Tölzer bis heute nicht genau. Er wisse noch, dass er überlegt habe, welchen Weg er am besten für den Abstieg einschlagen sollte. Er rief auf dem Handy noch eine gespeicherte Wegbeschreibung auf, die aber an der entscheidenden Stelle abgeschnitten gewesen sei. Irgendwann landete der Ultratrail-Läufer in weglosem Gelände – und an dieser Stelle endet auch seine Erinnerung. „Ich habe jetzt die Stelle gefunden, an der ich falsch abgebogen bin“, berichtet Wortmann von der jüngsten Tour. „Das Problem war, dass ich eine Abzweigung zu früh genommen habe.“
Derzeit beschäftigt sich Wortmann vor allem mit der Frage, ob und wie er künftig wieder in seinem Beruf als Sporttherapeut arbeiten kann. Und er hofft, dass er irgendwann tatsächlich wieder normal gehen kann – ohne zu humpeln und möglichst schmerzfrei. „Wobei alle meine Ärzte sagen, dass es ein ziemliches Wunder ist, dass ich schon so weit bin“, sagt Wortmann. Dass er noch einmal einen Ultratrail laufen wird – mit dieser Vorstellung hat der 36-Jährige abgeschlossen. „Das wird nichts mehr. Der Illusion darf man sich nicht hingeben.“ Allerdings hat er einen Alternativplan, denn Radfahren funktioniere ziemlich gut. „Ultra-Radfahren – vielleicht geht da was. Ich habe da für nächstes Jahr zwei, drei Pläne“, sagt er lachend.
„Manchen Menschen reicht es nicht, ein 08/15-Leben zu führen“
Priorität habe aber im Moment wirklich erst einmal wieder arbeiten gehen zu können – und bei Bergtouren nicht auf Bahnen angewiesen zu sein. Das bedeute für ihn Freiheit. Natürlich hat sich der Tölzer auch hier bereits Gedanken über Alternativen zur Bergbahn gemacht – falls das mit dem bergab Gehen nicht besser werden sollte. „Ich möchte meinen Gleitschirmschein machen“, sagt Wortmann.
Der eine oder andere findet das vermutlich verrückt. Für den Tölzer geht es aber eher um die Frage, „was jemand bereit ist zu geben für eine Passion“. Damit befasst sich auch der Film „SchmerzFrei“, den Lukas Sörgel, ein ehemaliger Laufkonkurrent von Wortmann, über ihn gemacht hat. Darin geht es um den Unfall und Wortmanns Weg zurück, „aber auch um die Liebe zur Natur und den Bergen. Und um die Frage, warum es manchen Menschen nicht reicht, ein 08/15-Leben zu führen, warum es wichtig ist, für etwas zu brennen“, sagt der Tölzer.
Seine Premiere feiert der Film am Freitag, 13. September, im Kleinen Kursaal in Bad Tölz. Beginn ist um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.
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