Gut 50 Zuhörer gingen bei einem gemeinsamen Spaziergang durchs Tölzer Badeteil mit - und lernten erstaunliche Dinge.
Bad Tölz – Spannende Mischung: Zwei Städteplaner gehen mit zwei Ortshistorikern und rund 50 interessierten Tölzern durchs Badeteil und erklären abwechselnd, was ihnen auffällt und was sie für städtebaulich wichtig erachten. Der Tölzer Stadtbaumeister Florian Ernst vertrat das Baumt. Zahlreiche Stadträte und Bürgermeister Josef Janker waren ebenfalls unter den Zuhörern.
Letzterer staunte zum Beispiel über die Info von Claus Janßen, dass die ersten Bierkeller von Tölz nicht etwa am Mühlfeld, sondern rund um den Amortplatz zu finden waren. An der Königsdorfer Straße, so erläuterte der Vorsitzende des Historischen Vereins weiter, haben die bayerischen Herzöge und der Markt Tölz für die Floßleut’ eine Art Wohnbauprogramm auf die Beine gestellt. Annegret Michler vom Fachplanungsbüro „Die Stadtentwickler“ erkannte mit Blick auf den ehemaligen Bruckbräu-Komplex (Kino) vor allem die Ähnlichkeit zum Altstadtbereich und die „Scharnierfunktion“ zum Badeteil.
Kleiner Exkurs von Claus Janßen mit Bezug zum Weltgeschehen: Die Bekämpfung des Corona-Virus in China durch Abschottung habe man auch in Tölz zum Beginn der Neuzeit praktiziert. Am Ende der damaligen Königsdorfer Straße (heutige Engstelle) war das Leprosenhaus, wo Menschen mit ansteckenden Krankheiten in Quarantäne gesteckt wurden.
An der – städtebaulich unbestritten wichtigen – Franziskanerkirche marschierte die Gruppe über Franziskaner- und Rosengarten zum Max-Höfler-Platz. Janßen erinnerte an den 1915 aufgelassenen alten Friedhof neben der Kirche. Eine durch Gottesacker, Leichenhaus und Heuwaage äußerst schmale Straße habe den Zugang zu Bad Krankenheil (Badeteil) ziemlich erschwert. Die wachsende Bedeutung des Kurbetriebs führten zur völligen Neugestaltung der Ost-West-Achse. Der Tölzer Stadtarchivar Sebastian Lindmeyr erläuterte am Beispiel Wetterwarte (heute Urologe) den Umschwung im städtebaulichen Denken. Die Wetterwarte repräsentiere „ein bisserl Bauhaus und ein bisserl Heimatstil“. Die Klimakur sei in den 1930er-Jahren groß im Kommen gewesen.
Den beiden Städteplanern Annegret Michler und Max Kehmer fiel vor allem der schöne alte Baumbestand auf, der sehr bewusst in Richtung Badeteil gepflanzt worden sei. Alfor (früher Probst-Villa) und Rot-Kreuz-Heim (Parkhotel) bezeichnete Kehmer indes als – „leider, leider ausgesprochene Bausünden“.
Der Erhalt der Baulinien und -fluchten sowie die Vorgärten entlang der Ludwigstraße und Schützenstraße sei bedeutsam für das Stadtbild. Claus Janßen ärgerte sich in dem Zusammenhang umso mehr, dass die Gasstation, die auf Jod-AG-Grund stand und dort entfernt werden musste, seit Kurzem unübersehbar vor der evangelischen Kirche prangt. „Das ist scheußlich.“
Wandelhalle: Wichtig, dass man eine Nutzung findet
Nächster Standort war der Vichyplatz. Die Idee beim Bau der ehemaligen Gewerbehalle (Kleiner Kursaal) hielt Annegret Michler für großartig. „Das müsste man wieder aufgreifen.“ Und was für eine Idee? Die Geschäftsleute der Altstadt hatten in den 1920er-Jahren eifersüchtig darauf geachtet, dass im Badeteil keine Konkurrenz entsteht. Stattdessen, so erläuterte Janßen, durfte nur eine Verkaufsgenossenschaft in der Gewerbehalle Waren verkaufen, für die man Anteile erwerben konnte.
Vor der Wandelhalle sorgte Sebastian Lindmeyr für den Aha-Effekt. Er führte die Zuhörer gedanklich in den Untergrund und berichtete dass der Magistrat für die 1903 angelegte Kanalisation einen der Topingenieure jener Zeit aus Großbritannien engagiert hat. „Der hat auch für Hamburg und München gearbeitet.“ Die Kanäle sind übrigens heute noch in Gebrauch.
Über die architektonische Qualität der Wandelhalle waren sich Städteplaner und Historiker natürlich einig. „Wäre schon wichtig, dass man da eine Nutzung findet“, regte Michler an. Sie wies die Zuhörer auf den Wechsel zwischen hohen und niederen Bauten hin und die dadurch entstehenden Sichtachsen. Wenn man die pavillonartigen Gebäude ersetze, gingen wichtige Blickbezüge verloren, wies sie die Zuhörer auf ein bewussteres Wahrnehmen des Baubestands hin. „Ich will sie dafür schulen.“
Nach dem 90-minütigen Spaziergang hatten alle Mitgeher noch die Möglichkeit, sich in der Kurbücherei mit heißen Getränken aufzuwärmen, das Gesehene zu diskutieren und in Archivmaterial zu schmökern. Eine gelungene Veranstaltung.
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