Krisengipfel

2. S-Bahn-Stammstrecke München kostet 7 Milliarden Euro und wird 2035 fertig - U9 in München auf der Kippe

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Die zweite Stammstrecke wird weiter gebaut, aber deutlich teurer.
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    Sascha Karowski
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Ewig mussten sich Freistaat und Stadt gedulden – jetzt legt die Bahn die erwartet düsteren Prognosen vor. Die zweite Stammstrecke wird mindestens sieben Milliarden Euro kosten und frühestens 2035 fertig. Söder bekennt sich zum Projekt, aber vieles bleibt unklar – auch die neue U9.

München - Wer genau hinhört, kann sich vorstellen, wie hinter den Kulissen die Fetzen flogen. Bahnchef Richard Lutz ist einen Tag nach der Aufsichtsratssitzung nach München gekommen, um – endlich – die offiziellen Zahlen für die zweite Stammstrecke zu übermitteln. Freundlich wirft er sich mit Ministerpräsident Markus Söder und Verkehrsminister Christian Bernreiter die Bälle zu. Aber zwischen den Zeilen kann man einiges raushören.

2. S-Bahn-Stammstrecke in München: Bahn und Freistaat strukturieren intern um

„Transparenz“ und „Controlling“ sind zentrale Schlagworte. Er habe „seinen niederbayerischen Charme“ spielen lassen, damit das ministerielle Begleitgremium künftig Zugang zu allen Daten bekomme, berichtet Bernreiter – bislang musste man der Bahn „alles aus der Nase ziehen“. Auch im eigenen Laden hat er aufgeräumt: Im Sommer schuf er ein eigenes Referat 2. Stammstrecke, ab 1. Oktober gibt es einen neuen Abteilungsleiter für Schienenverkehr. Leute die „völlig unbelastet“ ans Thema gingen und nicht schon 20 Jahre im System gewesen seien, sagt der Minister.

Es soll also alles besser werden. Aber gut ist nichts. „Der Freistaat wird ein strenger Begleiter sein“, sagt Söder. Sieben Milliarden Euro veranschlagt die Bahn offiziell – 5,5 Milliarden für Bau und Planung, 1,5 Milliarden als Risikopuffer. Bahnchef Lutz dementiert auf Nachfrage nicht, dass in der Vorlage für den Bahn-Aufsichtsrat sogar von 7,8 Milliarden die Rede war. Wortreich erklärt er, dass darin aber auch Maßnahmen für die Stadt München enthalten seien. Das sei „etwas für Feinschmecker“ sagt er zu den fraglichen 800 Millionen. Skepsis bleibt also angebracht, das schwingt auch bei Söder durch. „Es bleibt dabei: Wir sind nicht glücklich.“ Trotzdem will der Ministerpräsident bauen. Kosten für den Freistaat: 3,7 statt ursprünglich 1,7 Milliarden. Bei einem Abbruch der Arbeiten wären wohl drei Milliarden Euro weg – eine wurde schon ausgegeben, zwei würde der Rückbau kosten.

2. S-Bahn-Stammstrecke in München: Freistaat will zwischenzeitlich den Betrieb verbessern

Um den Ärger nicht ganz zu groß werden zu lassen, vereinbaren Bahn und Freistaat Projekte, um Qualität und Zuverlässigkeit der S-Bahn schon vor 2030 zu verbessern. Unter anderem sollen 15 zusätzliche Züge beschafft und das Stellwerk am Ostbahnhof elektrifiziert werden. Doch vieles davon ist nicht neu. „Söder verkauft längst beschlossene Projekte als Fortschritt“, schimpft Bayerns SPD-Chef Florian von Brunn.

Der Münchner OB Dieter Reiter (SPD) ist der Veranstaltung mit der Bahn lieber ganz ferngeblieben. Schon beim letzten Mal hatte er seinen Ärger kaum zurückgehalten. Diesmal beschränkt er sich auf ein Telefonat mit Lutz am Dienstag. Nun will er die Zahlen prüfen. Für Reiter lautet eine zentrale Frage, ob München den Halt einer künftigen U9 in den Hauptbahnhof integriert. Zwar hatte sich der Stadtrat 2019 grundsätzlich für die Errichtung der Entlastungsspange ausgesprochen und zugestimmt, in die 2. Stammstrecke die sogenannte Vorhaltemaßnahme zu integrieren. Allerdings mehren sich im Rathaus kritische Stimmen: Es ergebe wenig Sinn, für 400 bis 500 Millionen Euro einen Bahnhof für eine Trasse zu errichten, bei der unklar ist, ob sie jemals realisiert wird. Zwar hatte der Bund eine Mitfinanzierung zugesagt, allerdings unter einer anderen Regierung. Bekenntnisse der Ampel gibt es bislang nicht.

2. S-Bahn-Stammstrecke in München: Ob der Stadtrat die U9 baut, ist offen - Kritik wächst

Die letzten Kostenschätzungen für die U9 datieren von 2019 und beliefen sich auf 3,5 Milliarden Euro. Die 10,5 Kilometer lange Trasse soll von der Impler-/Poccistraße über den Hauptbahnhof zur Münchner Freiheit verlaufen. Fünf neue Bahnhöfe könnten entstehen. Die Bauzeit: zehn Jahre. Die Verwaltung arbeitet derzeit an einer Vorlage, der Stadtrat soll Ende Oktober oder Anfang November beraten.

Die MVG teilt auf Anfrage mit, man werde nach dem Stadtratsbeschluss, voraussichtlich am 26. Oktober, mit der Vorplanung der U9 beginnen. Rathaus-Insider gehen davon aus, dass die Kostensteigerung bei der Stammstrecke sich auch auf den mit eingeplanten U9-Bahnhof auswirken wird. Denkbar ist sogar, dass es sich bei der oben genannte Differenz von sieben und 7,8 Milliarden Euro um die Kosten für die Vorhaltemaßnahme handeln könnte.

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