Die Leonhardifahrt am Sonntag ist für Balthasar Oswald (Hinterrieger) aus Bichl ein besonderes Ereignis: Sein Tafelwagen, erbaut 1946, ist zum 70. Mal dabei. Einen Unfall hat es noch nie gegeben.
Bichl/Benediktbeuern – Es war der Vater von Balthasar Oswald, der die Familientradition begründetete. Balthasar Oswald senior nahm zum ersten Mal an der Wallfahrt teil, als sein Sohn geboren wurde. „Ich habe dann den Wagen von meinem Vater übernommen“, erzählt der 70-Jährige, denn: „Leonhardi mit dem Tafelwagen, das ist Familientradition.“
Schon viele Jahre ist Oswalds Tafelwagen für die Bichler Frauen reserviert. Auch heuer haben sie wieder in liebevoller Kleinarbeit jede einzelne Strebe des Holzgeländers mit Tannen- und Buchsbaumzweigen umwickelt. Kontraste setzen das rote Moos aus der Umgebung sowie weißes Islandmoos. Die Front des Tafelwagens ziert ein mit Buchs umwundenes Kreuz.
Den Tafelwagen
selbst holt Oswald erst kurz vor der Wallfahrt per Traktor auf seinen Hof, um ihn zu warten und zu reinigen. Den Rest des Jahres ist der Fichtenholzwagen in einem Stadl untergebracht, erzählt Oswald. Früher war das Gefährt hingegen häufig im Einsatz. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir früher im Sommer damit Heu eingefahren haben“, sagt Oswald.
Die vier Rösser, die den Tafelwagen ziehen, kommen aus Königsdorf und gehören Michael und Hans Hartl (Hausname: Schullehrer). Die beiden Brüder und Balthasar Oswald fahren seit 15 Jahren zusammen zur Wallfahrt. Auch heuer werden die Hartl-Brüder den Wagen lenken, während Oswald als Brettlhupfer mitfahren wird. „Das mach‘ ich schon seit etwa 40 Jahren.“ Als Brettlhupfer muss er während der Fahrt den Wagen bei Bedarf abbremsen.
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Am Leonharditag selbst wird Oswald schon ganz früh aufstehen, denn bereits um 6 Uhr werden die Pferde im Anhänger vorgefahren. „Sie werden bei mir auf dem Hof hergerichtet.“ Sind die Mähnen und Schweife kunstvoll eingeflochten und mit Blumen geschmückt, spendiert Oswald für die Wagenlenker und Helfer Glühwein und Stollen. „Um 7.30 Uhr spannen wir dann an.“ Treffpunkt für alle Wagen aus Bichl ist vor dem „Bayerischen Löwen“. Gemeinsam geht es dann ins Klosterdorf zur Aufstellung für die Wallfahrt. Oswald freut sich schon sehr darauf – so wie jedes Jahr. Weil es Tradition ist, sagt er. Und weil er gläubig ist. „Sonst würd‘ ich es nicht machen.“
Anlässlich des 70. Jubiläums wird sein Wagen heuer weit vorne im Zug fahren. (Wagen 10). Außerdem wird Oswald nach der Wallfahrt zusammen mit weiteren langjährigen Teilnehmern geehrt.
Ans Aufhören hat der ehemalige Landwirt noch nie gedacht. „So lange die Gesundheit mitmacht“, sagt der Bichler, werde er mitfahren. Und zwar mit seinem Tafelwagen. Und wenn er mal nicht mehr kann, werde sein Sohn die Familientradition fortsetzen. Das sei „scho ausg‘red’“. (von Franziska Seliger)