VonDieter Dorbyschließen
Es ist ein Eingriff, der Miesbachs Erscheinungsbild merklich verändern wird. Seit einer Woche werden in der unteren Hanghälfte auf der Westseite des Harzbergs Bäume gefällt – eine wichtige wie umstrittene Maßnahme im Kampf gegen den Asiatischen Laubholzbockkäfer.
Es ist ein beklemmender Moment, wenn ein Baum fällt. Das Knarzen des Holzes, wenn das Gewicht des Riesen seine Fasern zwischen Kerbe und Trennschnitt knackend reißen lässt. Das Brechen von Ästen. Das kurze Rauschen bewegter Luft. Der knallartige Aufprall auf den Boden. Das Brechen von Holz. Die anschließende Stille.
Für Christian Webert (45) ist die Aufgabe am Harzberg in Miesbach schwierig. Das Wetter ist sonnig, die Arbeiten gehen derzeit gut voran. Dennoch macht ihm die Arbeit hier wenig Freude. „Für einen Forstmann gehört es dazu, auch gute Bäume zu entnehmen, um sie zu verwerten“, sagt der Leiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Holzkirchen, das für die Fällarbeiten an Harzberg zuständig ist. „Aber hier fällen wir gute Bäume, nur um sie anschließend zu häckseln und zu verbrennen.“
Die Buchen, Birken, Ahorne und Ulmen, die hier – freundlich ausgedrückt – entnommen werden, gehören zu den 16 Gattungen, die dem Asiatischen Laubholzbockkäfer (ALB) als Nahrung und Brutstätte dienen. Der etwa vier Zentimeter große Schädling mit ebenso langen Fühlern, der mit Palettenholz aus China eingeschleppt wurde, legt darin seine Eier ab. Die Larven bohren sich tiefer in den Stamm und entwickeln sich dort über zwei Jahre, um dann den Baum zu verlassen, sich zu paaren und eine neue Ei-Generation abzulegen. Klingt niedlich, doch dem Baum schadet diese unerwünschte Kinderstube. Bei starkem Befall werden zu viele Saftleitungen unterbrochen, Äste und Blätter werden nicht mehr versorgt – der Baum stirbt ab.
Die Bäume in der unteren Hälfte des Harzberghanges liegen innerhalb der sogenannten Befallszone. Ausgehend von zwei Larvenfundorten an der Bayrischzeller Straße wird im Umkreis von 100 Metern gefällt. Dem flugfaulen Käfer soll so die Lebensgrundlage entzogen werden, um ihn auszurotten.
Das Fällen der Bäume im Wald ist schwierig. Gerade zu Beginn, als der Wald noch wenig Bewegungsspielraum bietet. Jetzt, knapp eine Woche später, lässt sich dort gut arbeiten. Eine Schneise wurde geschlagen, um Äste und Stammteile nach oben zum Forstweg zu ziehen. Zwei Eschen mussten dafür außerhalb der Fällzone weichen.
Im Dialog mit Kritikern
Es sind auch Kollateralschäden wie diese, die die Kritiker auf die Barrikaden bringen. Ebenso die tiefen Reifenspuren, die der Spezialschlepper in die Wiese des Fritz-Freund-Parks gedrückt hat, tun jenen weh, die die Anlage seit Jahren pflegen. Webert zeigt Verständnis für den Unmut. „Die Gespräche sind im Ton in Ordnung“, sagt er. Man rede vernünftig miteinander, man erkläre viel, und klar sei auch: Man werde keine gemeinsame Meinung bekommen. „Wir müssen hier eine hoheitliche Aufgabe erfüllen.“
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Am Hang steht eine Buche kurz vor der Fällung. Die Äste sind gekappt, damit sie möglichst wenig die umstehenden Bäume beim Fallen beschädigen können. Ein Job für die Baumkletterer. Sie befestigen auch das Seil in rund sieben Metern Höhe, das den Stamm ins Kippen bringt und in die richtige Richtung fallen lässt.
Dass das Fällen im Wald andere Bäume beschädigt, ist ein weiterer Punkt, den die Kritiker anprangern. Eichen und Kirschen befinden sich ebenfalls am Hang und dürfen – weil sie nicht vom ALB bedroht sind – stehen bleiben, ebenso die potenziellen Wirtsgattungen außerhalb der Fällzone. „Es ist nie auszuschließen, dass andere Bäume beim Fällen in Mitleidenschaft gezogen werden“, bestätigt Webert. „Die Arbeiter versuchen alles, um Schäden so gering wie möglich zu halten. Aber klar: Das ist ein schwerer Eingriff in die Natur.“
Sicherheit hat Priorität
Am Baum folgen nun die letzten entscheidenden Schritte. Mit der Motorsäge wird ein waagrechter Keil auf der Seite herausgeschnitten, auf die die Buche fallen soll. Anschließend prüft ein Arbeiter, ob die Richtung passt: Mit beiden Händen hält er sich – mit dem Rücken zum Stamm
stehend – an der oberen Schnittkante fest, richtet sich aus, blickt nach oben und kontrolliert die Fallrichtung. Die Lücke, in die der Stamm kippen soll, wird nicht mittig getroffen. Also bessert der Mann mit der Kettensäge nach. Erneute Probe, erneutes Nachbessern. Dann folgt der Trennschnitt auf der rückwärtigen Seite. Der Schlepper zieht das Stahlseil, während die Arbeiter Holzkeile in den größer werdenden Schnitt schlagen. Sie sollen verhindern, dass die Säge, die den Trennschnitt immer tiefer ins Holz treibt, eingeklemmt wird. Dann fällt der Baum.
Forstbeamter Webert beobachtet dies von der Bergkuppe an der Wasserreserve aus – aus sicherer Entfernung. Denn Sicherheit hat oberste Priorität. Deshalb ist es für Webert zweitrangig, wenn die Arbeiten – angesetzt sind sie bis nach Ostern – etwas länger dauern. „Es ist eine gefährliche Arbeit“, weiß er. Nicht nur für die am Projekt Beteiligten, sondern auch für Passanten. Deshalb sind die Zugänge zum Fritz-Freund-Park gesperrt und auch durch Posten gesichert. In der Zeit, wenn nicht gearbeitet wird, ist die Fläche abgesperrt mit einem rot-weißen Band mit der Aufschrift „Lebensgefahr“.
Aus gutem Grund, wie der Forstbeamte erklärt: „Wir kontrollieren zwar genau, dass keine abgebrochenen Äste in den Bäumen hängen bleiben, aber ausschließen lässt es sich nicht, dass bei einem Windstoß ein Ast runterfällt.“ Deshalb sei es so wichtig, dass sich Anwohner und Spaziergänger an die Anweisungen halten und gesperrte Flächen nicht betreten. Dass das Besichtigen des Waldstücks aber große Anziehungskraft ausübt, davon konnte sich der AELF-Leiter am Wochenende überzeugen. „Bereits am Freitag haben wir acht Personen dort angetroffen, kaum nachdem die Arbeiten beendet waren.“ Auch am Wochenende wurden Leute verwiesen.
Hunde auf der Suche
Die Buche, die gewissermaßen auf Ideallinie gefallen ist, wird nun zerkleinert. Die Äste werden abgeschnitten, der Stamm in vier Meter große Teile zerlegt. Das alles transportiert der Schlepper rüber zur Wiese im Park. Dort untersuchen Spürhunde das Holz nach Käferlarven, anschließend nehmen es Arbeitskräfte in Augenschein. Am späten Nachmittag werden Stämme und Äste gehäckselt und per Container zum Verbrennen gefahren.
Dann taucht ein bekanntes Gesicht auf. Frank Nüßer, der bei der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) den Kampf gegen den ALB nebenan im Siedlungsbereich leitet, schaut vorbei. Auch er führt Dialoge mit Bürgern und berichtet sogar von Zuspruch. Die Forderung, mit dem radikalen Fällen aufzuhören und nur befallene Bäume zu entnehmen, kann er verstehen. „Nur“, sagt er, „das bringt nichts. So sind wir anfangs auch in Neukirchen am Inn vorgegangen, und es hat dort lange gedauert, weil sich der Käfer sehr gut verstecken kann.“ Mit dem harten Vorgehen, wie es der EU-Durchführungsbeschluss vorschreibt, sei man erfolgreich. „In Neubiberg ist man nun nach fünf Jahren den ALB los.“
Der Wald danach
Auch für den Harzberg, wo noch – „Gott sei Dank“ – keine Larve entdeckt wurde, ist Webert zuversichtlich, dass sich die Lücken wieder schließen. „Wir werden das Aufforsten begleiten“, sagt er. Natürliche Verjüngung ist eine Chance. „Einige Bäume sind bereits in Wartestellung.“ Eine weitere Möglichkeit ist das Setzen ALB-resistenter Bäume wie der Eiche. „Ihr kann zentrale Bedeutung zukommen.“ Eines werde jedoch nicht passieren: Dass der Hang frei bleibt oder gar bebaut wird. „Das ist Waldfläche, und so wird es auch bleiben.“
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