Umstrittener Geistlicher

Bayerische Stadt distanziert sich von Kardinal Faulhaber - Wird auch Straße in Wolfratshausen umbenannt?

+
Assunta Tammelleo in der Faulhaberstraße: Viele Plätze und Straßen sind nach dem umstrittenen Kardinal benannt.
  • schließen

Weil seine Rolle in der NS-Zeit umstritten ist, wird der Kardinal-Faulhaber-Platz umbenannt. Für Assunta Tammelleo wäre das auch in Wolfratshausen wünschenswert.

Wolfratshausen – Beim Blick auf das Straßenschild vor ihrer Haustür ärgert sich Assunta Tammelleo regelmäßig. Seit 1994 lebt sie in Waldram, genauer gesagt an der Faulhaberstraße. Die ist benannt nach dem früheren Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869 – 1952). In einigen bayerischen Kommunen sind Straßen und Plätze nach dem Geistlichen benannt, zum Beispiel in München. Demnächst gibt es allerdings einen Kardinal-Faulhaber-Platz weniger: Würzburg hat sich nach kontroverser Debatte entschieden, ihn umzuwidmen.

Bayerische Stadt distanziert sich von Kardinal Faulhaber - Wird auch Straße in Wolfratshausen umbenannt?

Der Würzburger Stadtrat hat die Neubenennung des zentral gelegenen Platzes vor allem aufgrund der umstrittenen Haltung des Kirchenmanns während der NS-Zeit beschlossen. Zwar hatte ein eigens von der Stadt initiiertes Expertengespräch statt einer Umwidmung eine „Kontextualisierung“ empfohlen – also zum Beispiel ein Informationsschild unter dem Straßennamen. Über diese Empfehlung setzte sich der Stadtrat jedoch hinweg.

Kirche kritisiert Würzburger Rat: Faulhaber „eine der bedeutendsten Persönlichkeiten“

Für die Entscheidung erntet die Kommune Kritik von Seiten der Kirche. Der Würzburger Bischof Franz Jung gab in einem Statement bekannt: „Das Bistum Würzburg wird Kardinal Michael Faulhaber als einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der katholischen Kirche in Deutschland im 20. Jahrhundert auch weiterhin ein ehrendes Gedenken bewahren.“ Lob gibt es dagegen vom Bund für Geistesfreiheit (BfG) – die Wolfratshauserin Tammelleo ist Vorsitzende des Münchner Ablegers der Vereinigung. Sie hält die Würzburger Entscheidung für richtig. „Ich persönlich wünsche mir das schon lange“, sagt sie. Natürlich nicht nur in Würzburg, sondern auch vor ihrer eigenen Haustür. Ob das in Waldram passieren wird? Tammelleo ist skeptisch. „Ich glaube, wenn ich das Thema einmal anbringe, kriege ich zu hören, dass wir gerade andere Prioritäten haben“, sagt die Grünen-Stadträtin. „Das würde wahrscheinlich schnell abgewiegelt werden.“ Sie glaubt trotzdem, dass es richtig wäre, eine Umbenennung anzugehen – und irgendwann möchte sie das auch tun.

Bund für Geistesfreiheit übt heftige Kritik an Kardinal Faulhaber

In einer Pressemitteilung bezeichnet der BfG den Namensgeber aks einen „kalten, herzlosen Kriegstreiber“, der „schon den Ersten Weltkrieg freudig begrüßt hat“. Außerdem sei Faulhaber in „Gegnerschaft zur Demokratie“ gestanden, wie aus seinen Tagebüchern hervorgegangen sei. Diese sind in kommentierter Form im Internet einsehbar.

Alle Nachrichten aus Wolfratshausen lesen Sie hier.

Am 15. September 1933 schrieb der Kardinal beispielsweise: „Auch einem Bismarck gelang es nicht, das Übel des parlamentarischen demokratischen Systems mit der Wurzel auszureißen“. Er schreibt von einem „ewigen parlamentarischen Geschwätz“ – und darüber, dass im Parlamentarismus „Probleme nicht gelöst“ würden. Und weiter: „In letzter Stunde gab die Vorsehung dem deutschen Volke einen Mann, der es, so Gott will, zu einem besseren Reich führen soll.“ Die Rede ist von Adolf Hitler.

Bischof Jung sieht Experten auf Kirchen-Seite

Der Würzburger Bischof Jung verweist in seiner Reaktion auf die Einschätzung der Experten. Seine Meinung: Urteile über die Vergangenheit seien möglich, „aber immer nur unter Berücksichtigung der jeweiligen Umstände“.

Das Stadtarchiv München hat eine „Shortlist“ mit 45 Straßennamen in der Landeshauptstadt erstellt, bei denen „akuter Handlungsbedarf“ bestehe. Ein Name auf der Liste: Kardinal Faulhaber. Der BfG setzt darauf, dass die Landeshauptstadt dem Beispiel Würzburgs folgt. Tammelleo hofft, dass sie sich des Themas auch in Wolfratshausen annehmen kann. „Waldram hat eine ganz besondere Geschichte.“ Der Stadtteil war NS-Siedlung für Rüstungsarbeiter, Heimat von Zwangsarbeitern, jüdischen Displaced Persons und katholischen Heimatvertriebenen.

Kommt die „Bertha-von-Suttner-Straße“ nach Wolfratshausen?

Sollte die Diskussion um die Faulhaberstraße Fahrt aufnehmen, hat Tammelleo schon eine Idee. Sie wünscht sich einen Frauen-Namen auf dem blauen Schild und möchte an der „Bertha-von-Suttner-Straße“ leben, benannt nach der ersten weiblichen Friedensnobelpreisträgerin. 1905 wurde die österreichische Autorin von „Die Waffen nieder!“ geehrt.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion