Im Portrait

Der oberste Blitzer im Oberland: „Stehe zu dem, was ich tue“

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Der neue Chef: Benjamin Bursic leitet seit dem 1. April den Zweckverband Kommunale Dienste Oberland, der im Auftrag von 155 Mitgliedskommunen die Verkehrsüberwachung durchführt.
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Die Verkehrsüberwacher vom Zweckverband Kommunale Dienste in Bad Tölz machen sich mit ihrer Arbeit nicht zwangsläufig beliebt. Der neuer Chef aber ist ein Überzeugungstäter.

Bad Tölz – Er weiß, dass er sich mit seinem Job nicht bei jedem beliebt macht. Denn wer bekommt schon gerne einen Strafzettel wegen Falschparkens oder einen Bußgeldbescheid wegen überhöhter Geschwindigkeit? Trotzdem sagt Benjamin Bursic über seinen Beruf: „Ich stehe zu dem, was ich tue, weil es sinnstiftend ist.“ Der 39-Jährige aus Berg am Starnberger See ist seit dem 1. April der neue Chef des in Bad Tölz ansässigen Zweckverbands Kommunale Dienste (ZVKD) Oberland – also so etwas wie der oberste Blitzer der Region.

Benjamin Bursic ist neuer Geschäftsführer beim ZVKD Oberland

Der ZVKD Oberland führt im Auftrag von aktuell 155 Städten und Gemeinden in zehn Landkreisen die Überwachung des ruhenden und/oder des fließenden Verkehrs durch. Das Verbandsgebiet reicht von Gräfelfing im Norden bis Garmisch-Partenkirchen im Süden, von Füssen im Westen bis zum Chiemsee im Osten. „Wenn man bedenkt, dass es in unserem Gebiet insgesamt 220 Gemeinden gibt, haben wir eine gute Quote“, sagt Bursic.

Er deutet auf ein Foto, das in seinem Büro an der Wand hängt. Darauf zu sehen sind Vertreter der gerade einmal 27 Kommunen, die den Zweckverband 2007 aus der Taufe hoben. Die Zahl der Mitarbeiter ist über die Jahre von zehn auf heute über 150 gewachsen. Und noch eine Statistik führt Bursic ins Feld: Registrierte der Zweckverband in seiner Gründungszeit noch 25 Verstöße pro Überwachungsstunde, seien es heute nur mehr 6,5. Für den Geschäftsführer ist das ein Beleg dafür, dass Verkehrsüberwachung wirkt und die Sicherheit für alle zunimmt. Bursics Selbstbeschreibung trifft offenbar zu: Als „ZDF-Typ“ bezeichnet er sich: „Ich habe es mit Zahlen, Daten und Fakten.“ Und er habe schon immer Spaß am Thema Recht gehabt.

In Berg war Bursic einer der jüngsten Kämmerer Bayers

Diese Interessenslage und die Verbundenheit mit seiner Heimatgemeinde führte ihn zunächst in eine Ausbildung im Rathaus von Berg, wo er aufgewachsen ist. Als fertiger Verwaltungsfachangestellter holte Bursic dann an der BOS in Bad Tölz das Abitur nach, legte anschließend in München und Hof das Studium zum Diplomverwaltungswirt ab und kehrte schließlich ins Rathaus von Berg zurück. Mit gerade einmal 24 Jahren wurde er dort zu einem der jüngsten Gemeindekämmerer Bayerns. 2014 stieg er zum Geschäftsleitenden Beamten im Rathaus auf. Sein Vor-Vorgänger in dieser Position war übrigens Michael Braun – genau derselbe, der nun in Ruhestand gegangen ist und den Bursic als Tölzer Zweckverbands-Chef abgelöst hat.

Bursic traf also auf einen alten Bekannten, als er 2017 zum ZVKD wechselte und hier zunächst die neue Vollstreckungsstelle aufbaute. Im Lauf der Jahre erweiterte der Zweckverband nämlich sein Portfolio und bietet seinen Mitgliedskommunen heute auch Inkasso-Dienste und das Abwickeln von Ausschreibungsformalitäten an. Diese Dienste nehmen laut Bursic aktuell 20 beziehungsweise 80 Mitgliedsgemeinden in Anspruch. „Die Verkehrsüberwachung bleibt aber das Kerngeschäft.“

Tätliche Angriffe auf Verkehrsüberwacher häufen sich

Hat der Blitzer-Chef eigentlich auch selbst mal im Verkehr gesündigt? „Ich habe noch kein Falschpark-Ticket“, sagt der 39-Jährige. „Geblitzt worden bin ich zum letzten Mal vor ein paar Jahren auf der Autobahn auf dem Weg nach Leipzig.“ Bei der Weihnachtsfeier des Zweckverbands habe er dann mit anderen Kollegen im „Chor der Gesetzlosen“ singen müssen, erzählt er mit einem Lachen.

Mit so viel Humor nimmt freilich nicht jeder überführte Verkehrssünder die Sache. „Ich finde es schade, wenn man zu schnell fährt und dafür jedem anderen die Schuld gibt außer sich selbst“, sagt Bursic. Endgültig nichts mehr zu lachen gibt es für ihn, wenn Mitarbeiter des Zweckverbands tätlich angegriffen werden. Bei Kolbermoor sei einmal ein Verkehrsüberwacher mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden, ein anderer wurde in Bichl bespuckt. „Wir haben eine Strafrechtlerin, die die Kollegen unterstützt und solche Vorfälle konsequent zur Anzeige bringt.“

Zweckverband-Chef: Blitzen dienst nicht der Geldmacherei

Kein Verständnis hat Bursic auch für Brandanschläge, die auf Blitzeranhänger verübt wurden und die wirre Argumentation von sogenannten Reichsbürgern, die Bußgeldbescheide ablehnen, weil sie die Existenz der Bundesrepublik und die Legitimität öffentlich-rechtlicher Institutionen leugnen.

Schon gewohnt ist Bursic an Unterstellungen, das Blitzen diene nur der Geldmacherei. Tatsächlich sei es so, dass Städte und Gemeinden den Zweckverband pro Überwachungsstunde und festgestelltem Verstoß bezahlen. Im Gegenzug erhalten die Kommunen sämtliche eingenommenen Bußgelder. Ergebe sich daraus ein Gewinn für die Kommune, sei diese zwar rechtlich nicht dazu verpflichtet, verwende es aber in aller Regel für Maßnahmen zur Verkehrssicherheit. Mache der Zweckverband ein Plus, werde das entweder nach Beschluss in der Mitgliederversammlung für eigene Investitionen verwendet – zum Beispiel in die IT – oder an die Mitgliedskommunen ausgeschüttet.

Blitzer-Motto: „Gemeinsam stärker. Mit Sicherheit“

Geblitzt werde jedenfalls nicht aus Geldgier, sondern im Sinne des ZVKD-Mottos „Gemeinsam stärker. Mit Sicherheit!“ Die Ortsdurchfahrt B472 durch Bad Heilbrunn sei so ein Brennpunkt im Landkreis, der Tölzer Friedhofsberg, die Jahnschule oder die Ortsausfahrt Richtung Lenggries. „Da stehen wir regelmäßig, und es ist auch nötig.“ Dafür erhalte der Zweckverband übrigens auch positive Rückmeldungen, etwa von Anwohnern, die sich bedanken, dass vor ihrer Tür nicht mehr so viel gerast werde.

Demnächst könnte der Zweckverband seine Aufgaben noch erweitern. Laut Bursic ist angedacht, auch die Überwachung von Naturschutzverstößen zu übernehmen, wie Parken auf der Wiese oder im Wald. Es könnte eines der ersten großen Projekte des neuen Geschäftsführers werden. Die dazu nötige Gesetzesänderung ist laut Bursic aber noch auf dem Weg. Eine weitere Herausforderung: Der Zweckverband wird seine Räumlichkeiten auf der Tölzer Flinthöhe baulich erweitern müssen.

Kraft tankt der 39-Jährige in seiner Freizeit auf dem Mountainbike oder beim Laufen. Bevor er seine Stelle als Geschäftsführer antrat, ging Benjamin Bursic zu Fuß 180 Kilometer von Berg bis zum Bodensee – eine Reise ohne jegliches Risiko, geblitzt zu werden.

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