Millionenstadt statt Mini-Dorf

„Anders als bei uns“: Wie Berblinger Maxi Wierl mit seiner Posaune Budapest unsicher macht

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Mit seiner Posaune erlebt der 17-jährige Berblinger Maxi Wierl derzeit die Zeit seines Lebens.
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Zusammen mit ein paar hundert Seelen lebt Maxi Wierl gewöhnlich im beschaulichen und dörflich anmutenden Aiblinger Ortsteil Berbling. Doch eine unerwartete Chance verschlug ihn in die Millionenstadt Budapest. Was er dort mit seiner Posaune vorhat.

Bad Aibling/Budapest – Eigentlich verbringt der 17-jährige Maxi Wierl seinen Alltag im beschaulichen und dörflichen Bad Aiblinger Ortsteil Berbling. „Hier hab‘ ich eigentlich alles, was ich brauche, hier sind meine Freunde“, beschreibt er seine Heimat, die er gar nicht unbedingt verlassen wollte. Doch als sich im vergangenen Jahr eine unerwartete Chance für den musikbegeisterten Schüler auftat, verschlug es ihn kurzerhand in eine echte Weltmetropole. Seit August 2024 wacht er nicht mehr vom idyllischen Vogelgezwitscher auf, sondern wird durch den lauten Großstadt-Dschungel geweckt. Er lebt in Ungarns Haupt- und Millionenstadt Budapest, „und das war schon echt konträr“, erzählt er schmunzelnd gegenüber dem OVB.

Mit U-Bahn-Station in der Nähe sowie fünf Supermärkten und drei Friseuren im direkten Umfeld sei schon alles etwas anders als in Berbling. „Das hat mich am Anfang überfordert, mittlerweile ist es aber gut“, sagt Wierl. Durch Empfehlung einer Lehrerin und ein Halbstipendium des bayerischen Kultusministeriums wagte er den Schritt und verbringt seitdem, offiziell als „Botschafter Bayerns“, ein außergewöhnliches Austauschjahr an einer renommierten Musikschule in Budapest.

„Krank, was da an musikalischer Bildung abgeht“

Doch so richtig wusste der damals noch 16-Jährige, der gerade mit der Realschule fertig geworden war, nicht, worauf er sich einließ. Auch wenn Wierl bereits seit seinem dritten Lebensjahr Blockflöte spielte, als Drittklässler mit Baritonhorn begann, später Steirische Harmonika erlernte und seit wenigen Jahren Posaune spielte. Denn die dortige Schule und generell die Musikförderung sei mit der in Deutschland überhaupt nicht zu vergleichen. Das ungarische Bildungshaus verbindet regulären Unterricht in Fächern wie Mathematik, Englisch und Geschichte mit einer intensiven musikalischen Ausbildung. „Das ist im Prinzip wie ein Gymnasium, nur der musikalische Part ist mit dem einer Musik- oder einer Berufsoberschule zu vergleichen.“

Laut Wierl besuchen vor allem Jugendliche die Einrichtung, die eine professionelle Musikkarriere anstreben. Einer seiner Mitschüler sei beispielsweise Ungarns bester U21-Trompeter. „Das ist schon ganz anders als bei uns. Hier merkt man auch in der Gesellschaft generell eine andere Begeisterungsfähigkeit für Musik. Das ist schon krank, was hier an musikalischer Bildung abgeht“, staunt der Berblinger.

Der Unterricht findet komplett auf Ungarisch statt, was für Wierl schon eine Herausforderung ist. „Ich verständige mich hauptsächlich auf Englisch, kann aber mittlerweile auch einfache Gespräche auf Ungarisch führen.“ Und obwohl er eigentlich sehr heimatverbunden ist, musste sich der 17-Jährige bislang kaum mit Heimweh beschäftigen. Dies habe ihm zufolge einen einfachen Grund: „Der Alltag an der Musikschule ist sehr anspruchsvoll.“ Die Schule öffne um 6 Uhr morgens und schließe erst wieder um 21 Uhr. Viele Schüler kämen bereits früh am Morgen, um vor dem regulären Unterricht zu üben.

Intensiver Posaunen-Unterricht

Neben dem normalen Unterricht stehen täglich mehrere Stunden musikalische Ausbildung auf dem Programm, darunter Einzelunterricht, Kammermusik, Orchesterproben sowie spezielle Kurse wie Atemtechnik für Blasinstrumente. Wierl selbst spielt in Budapest in erster Linie Posaune und nimmt hierfür wöchentlich mehrere Stunden Einzelunterricht bei einem renommierten Lehrer. Das Austauschjahr ist durch die Organisation „Youth for Understanding“ (YFU) in Zusammenarbeit mit dem bayerischen Kultusministerium zustande gekommen.

Wierl: Keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen

Darüber hinaus lernt der junge Mann auch einiges über die ungarische Gesellschaft kennen. „Die Menschen sind in der Regel sehr nett und unglaublich gastfreundlich“, sagt Wierl. Doch auch die Schattenseiten würden ihm immer wieder vor Augen geführt. Neben einer deutlich ärmeren Bevölkerung als man es aus Deutschland kenne, beobachtet Wierl auch noch vermehrt Rassismus und mangelnde Gleichberechtigung. „Man merkt es in manchen Situationen, gerade im ländlichen Bereich, wenn den Männern die Hände geschüttelt werden und Frauen einfach ausgelassen und ignoriert werden.“

Doch im Großen und Ganzen werden dem 17-Jährigen vor allem die positiven Erfahrungen aus seiner Budapest-Zeit in Erinnerung bleiben. Nach nun fast einem Jahr voller besonderer Erfahungen, sprachlichen Erkenntnissen und geschlossenen Freundschaften geht es für Maxi Wierl aus der Millionenstadt Budapest Ende Juni wieder zurück ins beschauliche Berbling. Doch Angst und Bange sind dem 17-Jährigen vor der Rückkehr in sein altes und doch ganz anderes Leben nicht. „Natürlich wird es am Anfang wieder eine Umgewöhnung sein, aber ich freue mich auch darauf, nach Hause zu kommen, wo alles etwas beschaulicher ist.“ Und nicht zuletzt die Mitglieder der Willinger Musi und der Vagener Jugendkapelle, bei denen Wierl aktiv spielt, werden von seinen neu erworbenen Fähigkeiten profitieren.

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