Nicole und Martin aus Irschenberg nehmen seit 16 Jahren Kinder auf, die kurzfristig aus schwierigen familiären Situationen herausgenommen wurden. Als Bereitschafts-Pflegefamilie bieten sie den Kindern für einige Wochen oder Monate Geborgenheit und Sicherheit, bis deren weitere Zukunft geklärt ist.
Irschenberg – Kindern in akuten Krisensituationen ein vorübergehendes Zuhause bieten – das ist die Aufgabe von Bereitschafts-Pflegefamilien wie Familie W. aus Irschenberg. Seit 16 Jahren nehmen Martin und Nicole W., Eltern von vier leiblichen Töchtern, regelmäßig Pflegekinder bei sich auf, wie die Caritas Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung mitteilt. Dabei handelt es sich um Mädchen und Jungen aus der Region, die meist aufgrund akuter Kindeswohlgefährdung kurzfristig von umliegenden Jugendämtern in Obhut genommen wurden.
Aktuell elf Bereitschaftsfamilien
Die Betreuung der Kinder erfolgt für einen befristeten Zeitraum, der von wenigen Wochen bis zu einigen Monaten reichen kann. Von Anfang an steht fest, dass die Kinder die Pflegefamilie wieder verlassen werden. Aktuell betreut die Caritas Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung insgesamt 14 Kinder und Jugendliche in elf Bereitschaftspflegefamilien. Für ihr soziales Engagement erhalten die Familien eine attraktive, steuerfreie Aufwandsentschädigung.
Zeit zum Ankommen geben
Nicole W. beschreibt den Ablauf, wenn ein neues Kind in die Familie kommt: „Wenn ein Kind neu zu uns in die Familie kommt, dann lassen wir es erst einmal in Ruhe, lassen es schlafen und sich entspannen. Das brauchen die Kinder. Man kann dabei zusehen, wie es ihnen jeden Tag etwas besser geht.“ Ihr Ehemann Martin ergänzt, dass es oft die kleinen Dinge seien, die den Pflegekindern helfen, sich zu öffnen und wieder glücklich zu sein: „Obwohl du gar nicht viel tun musst, siehst du plötzlich in glückliche Kinderaugen. Die Kinder lächeln, wenn du mit ihnen etwas gemacht hast, was sie noch nie erlebt haben oder nicht kannten. Kleine Dinge, mit ihnen spielen, Eis essen, ins Kino oder ins Schwimmbad gehen.“
Vorbereitet auf ihre Rolle als Bereitschaftspflegefamilie wurden Nicole und Martin W. von Sozialpädagoge Rudolf Kley und seinem Team vom Caritas-Kinderdorf Irschenberg. „Die haben uns alles genau erklärt. Wir haben uns dort sehr wohl gefühlt und gleich zugesagt, denn das war genau das, was wir uns darunter vorgestellt haben“, erinnert sich Nicole W. Ihr Mann Martin hebt die intensive Betreuung hervor: „Uns wurde vom Caritas Team eine 24 Stunden Betreuung an sieben Tagen der Woche zugesagt und das haben sie eingehalten. Das war uns auch sehr wichtig, denn das hat uns gerade anfangs die notwendige Sicherheit gegeben. Großes Lob ans Team, wir haben uns zu jeder Zeit wohl gefühlt.“
Die Aufgabe einer Pflegefamilie können Einzelpersonen sowie Paare mit oder ohne Kinder übernehmen, die in den Landkreisen Miesbach, Rosenheim, Bad Tölz, Traunstein und Altötting wohnen. Die pädagogischen Fachkräfte des Kinderdorfs bieten ein „Training on the Job“ an. Dabei kommt der Fachdienst einmal wöchentlich zu Besuch, anfangs erfolgen mindestens alle zwei Tage Telefonate, um sich über die aktuelle Situation auszutauschen. Martin W. schätzt diese enge Begleitung sehr: „Bei Fragen oder Sorgen war immer ein offenes Ohr da. Wenn wir jemanden vor Ort brauchten, dann war sofort jemand bei uns. Wir haben jedes Mal wieder etwas Neues dazugelernt, das finde ich bis heute spannend.“ Sozialpädagoge Rudolf Kley empfiehlt Interessierten, die Aufgabe einfach einmal auszuprobieren. Bei Familien sollte das jüngste eigene Kind mindestens zwei Jahre älter sein als das aufzunehmende Pflegekind. Das Alter der Pflegekinder, das von Babys bis zu Jugendlichen reicht, können die Familien selbst bestimmen. Während des Aufenthalts prüft das Jugendamt die familiären Verhältnisse der Eltern, evaluiert die Möglichkeit einer Rückkehr oder leitet eine langfristige Unterbringung in einer Einrichtung ein.
Vor der Aufnahme des ersten Pflegekindes besprach das Ehepaar W. die Entscheidung mit den eigenen Kindern. Martin W. erinnert sich an die Zustimmung seiner Töchter: „Es kam von Herzen, dass wir etwas gemeinsam für Kinder tun wollten.“
Zusammenhalt ist gewachsen
Rückblickend habe die Betreuung der Pflegekinder die Familie noch enger zusammengeschweißt. Auch die Kommunikation innerhalb der Familie habe sich intensiviert, da sich Pflegekinder oftmals zuerst den Kindern öffneten, bevor sie Vertrauen zu Erwachsenen fassten. Die mittlere Tochter der Familie, heute Studentin der sozialen Arbeit, beschreibt, wie die Pflegekinder ihren Blick auf das eigene Leben verändert haben: „So viele Kinder, die zu uns gekommen sind, hatten so eine schlimme Vergangenheit und mussten so viel erleben. Ich habe eine Familie, in der es mir gut geht. Das ist ein Glück. Ein Pflegekind relativiert die eigenen Probleme.“
Einen Ort der Geborgenheit bieten
Nicole W. ermutigt Interessierte: „Man kann sich ruhig trauen, wenn man Kinder mag, auch wenn man keine Fachkenntnisse hat. Es reicht, den Kindern einen Ort des Schutzes und der Geborgenheit zu bieten. Alles andere kommt mit der Zeit.“ Mit allen ehemaligen Pflegekindern hält Familie W. noch Kontakt, manchmal nur lose. Besonders motivierend sei es, wenn heute ältere Jugendliche rückmelden: „So wie bei euch möchte ich auch einmal meine Familie haben, wenn ich Kinder habe.“ Genau das motiviere die Familie auch nach 16 Jahren, weiterhin Pflegekindern ein vorübergehendes Zuhause zu geben. (re)