In einem biodiversen Garten treffen viele verschiedene Tiere und Pflanzen aufeinander und profitieren voneinander. Wie man solch ein Paradies für Lebewesen selbst erschaffen kann, erklären Experten.
Landkreis – Die Kirschpflaume von Oliver Seth summt. Um den Strauch fliegen so viele Bienen, Hummeln und Fliegen, dass man sie gar nicht zählen kann. Im ganzen Garten schwirren Insekten umher, ein Marienkäfer lässt sich soeben auf einem Blatt nieder. Ein süßlicher Duft liegt in der Luft. Der Garten in Holzhausen, einem Ortsteil von Straßlach-Dingharting, ist ein Paradies für Insekten und Pflanzen. Das alles ist der Verdienst von Oliver Seth. Seit acht Jahren bemüht er sich um einen biodiversen Garten. Doch was bedeutet das? Biodiversität ist die Maßeinheit für hohe Artenvielfalt, genetische Vielfalt und Vielfalt von Lebensräumen, erklärt Thassilo Franke, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Naturkundemuseum Biotopia am Botanischen Garten in München. Also ganz plump: Viele verschiedene Tiere und Pflanzen treffen aufeinander und profitieren voneinander. So ein Paradies für Lebewesen zu schaffen, ist gar nicht schwer. Wie das geht, erklären die Experten.
Auch Rückschläge gehören dazu
Seths Projekt „Biodiverser Garten“ begann mit einem Rückschlag. „Ich habe mir damals meine Bienen angeschafft und war schon bereit für tonnenweise Honig“, berichtet der Grünen-Kreisrat. „Dann kam aber nichts. Es lag daran, dass es in der Nähe nicht genug Blüten mit Pollen und Nektar gab, deswegen konnten sie keinen Honig produzieren.“ Also fing der Hobby-Imker an, selbst bienenfreundliche Pflanzen anzubauen. Bei Biodiversität ginge es ihm jedoch nicht nur um die Bienen, sondern um alle Tiere. „Insekten sind die Hauptbestäuber und haben damit einen großen wirtschaftlichen Nutzen“, sagt Seth bei einem Rundgang durch seinen Garten. „Wenn sie weg sind, haben wir ein Riesenproblem.“
Biodiversität ist ein Ganzjahresprojekt
Biodiversität ist ein Ganzjahresprojekt. Es gibt Bienen, erklärt Experte Franke, die bis spät in den Herbst noch und im Februar schon wieder aktiv sind. Und die brauchen Nahrung. Diese bietet der Efeu. Er blüht sogar im Winter, der nektarärmsten Jahreszeit. Ein weiterer Vorteil: Dort können sich Vögel einnisten, sagt Michaela Szabados, Referentin aus dem Vorstand des Münchener Bezirksbienenzuchtvereins mit Sitz in Deisenhofen. Lieber den Efeu also nicht gleich von der Hausfassade schneiden. Bienen und Vögel danken es.
Thymian im Sommer liefert viel Nektar für Wildbienen
Aktuell blühen in Seths Garten bunte, offene Rosen. Bei Blumen ist es sehr wichtig, dass sie offen sind, erklärt Franke, damit die Insekten leicht an den Nektar kommen. Die Rosen blühen sogar bis Herbst und tragen viele Pollen. Super im Sommer ist auch der Thymian, sagt Franke. Er liefert viel Nektar für Wildbienen und man kann ihn auch selbst genießen. Seth empfiehlt, Pflanzen im Frühjahr oder im Herbst anzusäen und einzupflanzen. Denn dann können sie gut Wurzeln schlagen und müssen nicht gegen die Trockenheit des Sommers ankämpfen. Mit Biodiversität im Garten kann man aber jederzeit anfangen.
Denn nicht nur mit Pflanzen kann man die Insekten und andere Tiere unterstützen. Vögeln helfen auch Nisthilfen und Futterstationen. Seth hat selbst eine Station im Garten stehen. „Wir sollten Vögel übrigens das ganze Jahr über füttern“, erklärt er im Vorbeigehen. Denn auch im Sommer finden Vögel nicht genug Nahrung. Franke empfiehlt außerdem Insektenhotels sowie Meisen- und Fensterkästen. Für Wildbienen sind Tonwände mit Löchern perfekt, erklärt Szabados. Und wer einen Teich anlegen will, sollte lieber einen größeren bauen. „Mini-Teiche sind viel mühsamer“, sagt Szabados. Das klingt zuerst widersprüchlich, jedoch können sich laut der Expertin größere Teiche besser selbst regulieren.
Unaufgeräumter Garten ist besser als ein ordentlicher
Doch Szabados größter Tipp für einen biodiversen Garten: Einfach nichts tun; den Garten wild halten. „Denn ein unaufgeräumter Garten ist besser als ein ordentlicher.“ Es reicht eine kleine Ecke. Unaufgeräumt, das bedeutet laut Szabados zum Beispiel ein Steinhaufen für Eidechsen. Dort finden die kleinen Kriecher Unterschlupf. Auch Laub entsorgen viele im Herbst, um den Garten ordentlicher zu machen. Wer aber den Igeln einen Unterschlupf bieten will, sollte das Laub unter die Büsche rechen, rät Szabados. Und im Sommer beim Mähen lieber mal ein paar Stellen mit Blumen verschonen.
Man muss viel ausprobieren
Ist alles korrekt gepflanzt und eine Ecke unaufgeräumt, dann kommt’s auf eine Sache noch an: Geduld. Oliver Seth etwa musste viel ausprobieren, und es hat lange dauert, bis die meisten Pflanzen blühten. „Aber es macht echt Spaß“, sagt der Hobby-Imker. Franke schließt sich dem an: „Ein diverser Garten oder Balkon ist einfach gut für die eigene psychische Gesundheit. Es ist schön, zu sehen, wenn wieder etwas Neues blüht.“
LIDWINA MROSCZOK
